Tsipras auf Vorrat gespeichert


Langweiliger Griechenkram

VDS – eindeutig hipper


Montag, 22. Juni 2015. Mediengesellschaft. Presse- und Meinungsfreiheit, Marke westliche Demokratie. Seit einiger Zeit zusätzlich noch mit Internet. Mediengesellschaft Turbo plus. Leute wie Sie und ich können ihre freie unabhängige Meinung zum Besten geben. Leute wie Sie und ich können Sachen lesen, für die wir im Vorinternet-Zeitalter wochenlang in der Fußgängerzone auf so einen Spinner hätten warten müssen. Selbstverständlich hat Britney Spears´ Homepage mehr Klicks als meine, woraus geschluss-folgert werden könnte, dass der Turbo plus die Mediengesellschaft im Grunde gar nicht verändert habe. Eine falsche Schlussfolgerung: die Medienlandschaft hat sich mit dem Internet geradezu revolutionär verändert, die Menschen allerdings – wie könnte es anders sein? - hinken der Entwicklung hinterher. Auch und gerade so Leute wie ich, auch wenn ich nicht gerade zu den Stammgästen von Britney Spears´ Homepage gehöre. 


Eine Sache hat sich in der Mediengesellschaft, Marke westliche Demokratie, jedoch nicht verändert. Es wird eine Sau durchs Dorf getrieben, große Aufregung allerorten, eine Enthüllung jagt die andere. Politiker A sagt dieses, Politiker B jenes, es folgt der Kommentar und gegebenenfalls noch ein Rücktritt oder sowas in der Art. Ab dann machen sich erste Ermüdungserscheinungen im Publikum breit. Die leidige Angelegenheit ist irgendwie durch; das Treiben hat ein Ende. Am Ende interessiert sie nicht einmal mehr die Sau selbst. Eine neue Sau muss her. Oder hätten Sie etwa den Artikel angeklickt, wenn ich heute etwas zur „Homo-Ehe“ geschrieben hätte? Wie lange ist das jetzt eigentlich her, dass dieser verrückte Co-Pilot die Maschine aus Barcelona in den Alpen zum Absturz gebracht hatte? Nein, nein, so geht das nicht. Up to date muss man schon sein. Gerade jetzt, wo der der Turbo plus der Medien-gesellschaft so richtig Beine macht.  


Insofern hat das Internet die Medienwelt, Marke westliche Demokratie, doch verändert. Der Turbo hat sie schneller gemacht. Eine gedruckte Tageszeitung? Ich bitte Sie! Die Halbwertzeit der Aktualität nimmt zusehends ab. Nichts ist schlimmer als Langeweile. Deshalb gibt es auch nichts Schlimmeres, als wenn eine durchs Dorf getriebene Sau partout nicht von der Bühne abtreten will. Momentan zum Beispiel diese ätzende Griechenlandkrise. Ehrlich gesagt: ich kann das nicht mehr hören! Was soll das denn?! Sie haben eine Meinung zu dieser Geschichte, ich habe eine, jeder Zweite von der Straße hat eine Meinung dazu – nämlich, dass diese Griechen aus dem Euro raus sollen. Die entsprechenden Umfragen sind gemacht. Die Politiker machen wahrscheinlich sowieso, was sie wollen. Von mir aus, sollen sie ruhig; aber sie sollen uns mit diesem Kram in Ruhe lassen! Die Story bringt es einfach nicht mehr. Man weiß doch, wie sie weitergeht.  


Und täglich grüßt das Murmeltier. Arme Leitmedien. Müssen sie doch versuchen, aus dieser Nummer, die als Vorabendserie im Fernsehen längst abgesetzt worden wäre, einen Action-Thriller zu machen. Um überhaupt noch etwas Aufmerksamkeit erheischen zu können, gibt es „überraschende“ Wendungen. Der, der heute früh noch ganz verhärtet war, signalisiert auf einmal Entgegenkommen. Reicht das für eine Sondersendung? Der Brüsseler Korrespondent wirkt verzweifelt und schließt mit den Worten: „Es bleibt auf jeden Fall spannend“. Im Internet haben die großen Fernsehsender, Zeitungen und Zeitschriften Live-Ticker eingerichtet. Das Titelbild des aktuellen Spiegel zeigt, wie „das Beben“ Europa zusammenkrachen lässt. Alles schön und gut. Man müht sich, so sehr man kann. Aber trotzdem: ewig der gleiche Spinat, auch wenn er auf dem Silberteller mit güldenem Löffel bei romantisch-gruseligem Dämmerlicht serviert wird, bleibt doch Spinat.  


Doch jetzt kommt der Clou, der die Mediengesellschaft, Marke westliche Demokratie, wirklich verändert – oder sagen wir mal: der Clou, der anzeigt, dass die Menschen den von den Leitmedien servierten Einheitsbrei nicht mehr verköstigen, sondern dankend ablehnen und einfach stehenlassen. Die Internet-Community, jedenfalls diejenige, in der ich mich herumzutreiben pflege, boykottiert nämlich Griechenland. Also: nicht so, wie sie meinen. Die Leute gehen schon noch griechisch essen, würden womöglich auch nach Griechenland in den Urlaub fahren, aber sie machen diesen ganzen Hype um die hellenische Staatsverschuldung nicht mehr mit. Zumal sie auch keine Meinung dazu haben. Welche auch? Irgendwie rechts ist man sowieso nicht. Wer gerade noch gegen G7 war, kann jetzt schlecht nölen, wenn sich die faulen Griechen mit seinem Geld auf und davon machen. Andererseits: besonders lustig ist das ja nun auch gerade nicht.  


Aber natürlich war, ist und bleibt man politisch. Sehr sogar, nur: dieser Griechenkram ist total durch, außerdem eher Wirtschaft als Politik, was Diskussionen über diese komplexe Materie nicht gerade erleichtert. Also kommt ein anderes, wenn Sie so wollen: alternatives, Thema ganz nach oben auf die politische Agenda, nämlich die VDS. Ich nehme an, dass auch Sie inzwischen diese Abkürzung kennen. Ich bin mit ihr bereits vertraut gemacht worden, bevor ich in der Tagesschau die Spruchbänder mit „VDS muss weg“ betrachten konnte. Also klar: VDS steht für Vorratsdatenspeicherung, also für etwas Schlechtes. Da werden jetzt Daten – auch Ihre – anlasslos (!) drei Monate lang gespeichert. Mit wem Sie telefoniert, gemailt oder geskypt haben und all sowas. Nun dachte ich bislang, die Telefongesellschaft würde meine Daten ohnehin einige Monate speichern, etwa für den Fall, dass ich Einwände gegen die Telefonrechnung geltend mache. Aber was weiß ich...  


Jedenfalls geht es hier um Grundrechte! Verstehen Sie? So etwas ist wichtiger als irgend so ein kapitalistisches Gedöns um nicht bezahlte Rechnungen. Grundrechte – das sagt ja schon der Name – sind grundlegend. Wenn der Staat erst einmal in der Lage ist... (nun ja, ich habe Ihnen das ja hinlänglich erklärt) - … dann ist zappenduster mit der Demokratie. Außerdem bietet das Thema VDS ein günstige Gelegenheit, der SPD mal einen einzuschütten. Das kann auch nie verkehrt sein, demonstriert man doch damit, dass man ein unabhängiger Freigeist und zudem ganz schön links ist. Die SPD, Du lieber Himmel – die läuft der CDU hinterher, nur weil sie mit der in einer Koalition ist. Die CDU, brauchen wir erst gar nicht drüber zu reden, kommt für unsereins sowieso nicht in Frage. Ganz klar zu rechts, logisch. Und die Merkel – klar, über die machen wir schon mal unsere Witzchen. Wobei - das muss jetzt aber unter uns bleiben! - so schlecht ist die gar nicht. Die wird diesen Trouble mit den Griechen schon irgendwie managen, glaube ich.  


Werner Jurga, 22.06.2015




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