Edward und Eva

Supergern


Montag, 4. November 2013. „Supergern“, sagt sie, würde sie mit ihm reden. „Supergern“. Ja, das glaube ich. Er, das ist der inzwischen weltberühmte ehemalige Mitarbeiter diverser US-amerikanischer Geheimdienste, Edward Snowden. Sie, das ist Eva Högl, genauer gesagt: Frau Dr. Eva Alexandra Ingrid Irmgard Anna Högl, ihres Zeichens Mitglied des Deutschen Bundestags. Genossin Högl, Jahrgang 1969, trat 1987 in die SPD ein, wo sie sich von 1991 bis 1995 stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungsozialisten als Vertreterin des „undogmatisch-reformsozialistischen“ (für Parteifremde: des rechten) Juso-Flügels profilieren konnte. Danach SPD-Bezirksvorstand, SPD-Bundesvorstand, SPD-Frauen-Landesvorstand... - so das übliche. Bei der Bundestagswahl jetzt neulich Spitzenkandidatin der Berliner SPD (jawohl!) und Direktkandidatin im Wahlkreis Berlin-Mitte. Den hat sie geholt – mit 26,0 Prozent der Erststimmen. Ein Rekord! Mit so wenig Stimmen hat seit sechzig Jahren niemand mehr irgendein Bundestagsdirektmandat erobern können. Und Frau Dr. Högl sogar den „sicheren Wahlkreis“ Berlin-Mitte! Ja, die Eva. Sie hat viel erreicht in ihrem Leben; nur eben... - sie hat noch niemals mit Edward Snowden gesprochen. Und das würde sie doch so gern mal tun. „Supergern“.  


Dr. Eva Högl, MdB


Man glaubt es ihr gern. So wie sie bei diesem Satz in die Fernsehkameras strahlt! „Supergern“. Nun gut, einen kleinen Anflug von Eifersucht kann ich nicht leugnen. Es wäre ja auch schön, wenn Genossin Eva auch mit mir einmal supergern reden würde. Davon war jedoch im Fernsehen keine Rede, was erstens daran liegen könnte, dass Frau Dr. Högl mich nicht kennt, was letztlich auch auf meine Kappe geht, weil ich ja schließlich auch mal irgendetwas den Chinesen und Russen oder sogar den Deutschen hätte erzählen können. Dann hätte ich jetzt auch den Promi-Bonus und vielleicht – wer weiß?! - hätte unter diesen Umständen die Eva Högl dann auch supergern mit mir geredet. Dies kam allerdings zweitens für mich nicht in Frage, weil mir für eine solche Aktion immer noch ein wenig a) Internetkompetenz und b) Mut fehlt. Tja, keine Arme, keine Eva. Aber das muss man ja wirklich sagen: dieser Mut, diese Zivilcourage, diese unerschütterliche Konsequenz. Respekt! Von dem Snowden? Ach, was weiß ich?! Von der Högl! Die packt sich nicht dafür und erzählt das ultracool und bullenproof in eine deutsche Fernsehkamera – einem Millionenpublikum! Dass sie mit dem Snowden supergern reden würde. Wie gefährlich das ist! Der ist nämlich momentan gerade US-Staatsfeind Nr. 1. Die Eva!  



Wissen Sie: es ist nicht jeder zum Helden geboren. Ich zum Beispiel nicht. Egal, muss ja auch nicht. Denn! Oder: aber! Wenn es um Freiheit und um Menschenrechte geht, finden sich immer Sozialdemokraten, die ohne Rücksicht auf die eigene und erst recht auf Andere alle Hebel in Bewegung setzen, mit dem Spiegel zu reden. Zum Beispiel Axel Schäfer, Vorsitzender der NRW-Landesgruppe Nordrhein-Westfalen der SPD-Bundestagsfraktion. Der sagt: „Snowden ist ein Held, kein Verräter.“ Das hatte zwar tags zuvor auch schon der ARD-Tagesthemen-Kommentator gesagt, muss deswegen aber nicht falsch sein. Oder der Ralf Stegner, Linksaußen aus Schleswig-Holstein, seit einiger Zeit mit offenem Hemd, dafür ohne Fliege. Der „wünscht sich in der Asylfrage“ - also für Herrn Snowden, nicht für die Lampedusa-Schwindler - mehr internationales Engagement seitens der Bundesregierung. „Deutschland muss darauf hinwirken, dass es eine europäische Lösung gibt.“ Oder der Wolfgang Bosbach. Der ist zwar kein Sozialdemokrat im engeren Sinne, dafür aber ein Vertreter des undogmatisch-reformsozialistischen Flügels der CDU. Der meint, "wenn der Bundestag einen NSA-Untersuchungsausschuss einsetzen sollte,“ - Achtung! Zivilcourage bis zum Gehtnichtmehr - „wäre Snowden ein besonders wichtiger Zeuge."  


Nein, keine Parteipropaganda! Wenn es um Freiheit und um Menschenrechte geht, stehen die roten Freedom-Fighter nicht allein in der Landschaft. Wieder einmal macht sich der Spiegel einschlägig verdient und setzt sich an die Spitze der Bewegung. Die Forderung „Asyl für Snowden!“ voll auf die Titelseite. Und im Heft der Held, der kein Verräter ist, höchstpersönlich. Der Titel des Werks von Edward Snowden: „Ein Manifest für die Wahrheit“. Ein historisches Dokument, möchte man sagen. Ich kann es kaum erwarten, dass der Briefträger kommt und mich durch Übermittlung des Nachrichtenmagazins inklusive Wahrheitsmanifest zum Zeitzeugen macht. Was wird er wohl verkünden, der Held?! Aufregend. In der Vorabmeldung hat der Spiegel schon einmal ein Snowden-Zitat veröffentlicht, das die Geschichte der abendländischen Philosophie auf den Kopf stellen dürfte. „Wer die Wahrheit ausspricht, begeht kein Verbrechen“. Wow! So etwas Ähnliches hatte sich vermutlich auch der niederländische Juden-Kopfgeldjäger Anton Ahlers gedacht, bevor er Anne Frank bei der Gestapo denunziert hatte. Aber – Pech für Ahlers: er hatte sich diesen klugen Spruch nicht patentieren lassen. Egal. Ach, noch etwas: Snowden sieht sich als Opfer einer „noch nie da gewesenen Verfolgungskampagne“. Tja, einmal ist immer das erste Mal.  

                                                                                                
                                                                                                          Spiegel-Titel 4.11.13

Zum Schluss noch ein Wort an Frau Dr. Eva Alexandra Ingrid Irmgard Anna Högl. Sorry, liebe Leserinnen und Leser! Für Sie war´s das so weit; Sie können jetzt wegklicken. Ich muss mich mal eben an Eva wenden, mit der ich zwar supergern reden würde, sie aber wohl nicht mit mir. Deshalb auf diesem Weg: Liebe Eva! Ich sage einfach mal Du, weil – nein, nicht auch Doktor, Quatsch! - Partei und so... - Du weißt schon. Ich habe Dich im Fernsehen gesehen, wie Du gesagt hast, dass Du supergern mit Herrn Snowden sprechen würdest. Liebe Eva! Gern drücke ich Dir für Deinen Sehnsuchtswunsch ganz super die Daumen. Ich hoffe so sehr, dass daraus etwas wird. Deshalb gestatte mir doch – nur für den Fall, dass Du, wie so oft, Erfolg hast, eine kleine Bitte. Könntest Du bitte, liebe Eva, bei Eurem etwaigen Treffen so freundlich sein und dem Mister Edward Snowden von mir ausrichten, dass ich ihn zum einen für einen ziemlichen Blödmann halte, für einen egozentrischen Spinner (nicht so wichtig), zum anderen aber – und dies, liebe Eva, wäre mir wirklich wichtig: dass ich ihn für einen ausgemachten Dreckskerl halte. Zwar nicht für einen „noch nie da gewesenen“, da gab es schon schlimmere. Aber doch für einen Dreckskerl, der sich hier bloß nicht blicken lassen soll. Danke im Voraus, liebe Eva! Ganz reizend.  


Werner Jurga, 04.11.2013



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