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Panorama

Glück durch Sicherheit


Mittwoch, 10. Juni 2015. Hurra! Sommer, endlich Sommer. Es wurde aber auch Zeit. Der Mai war ja irgendwie nichts. Doch pünktlich zum G7-Gipfel ist die Sonne aufgegangen und das Thermometer gestiegen. Herrliche Bilder und dann auch noch die Welt gerettet. Das Zwei-Grad-Ziel im Kasten, alles im Lack, jetzt kann es losgehen! Könnte es losgehen, raus an die frische Luft, das Glück finden. Aber wenn das mal so einfach wäre! Wir sind das doch gar nicht mehr gewohnt, das mit dem Glück. Ich bin zwar raus an die frische Luft, aber auch keinen Meter weiter. My home is my castle. So hänge ich hier auf der Terrasse rum, meide die feindliche Welt und habe, weil ich für etwaige Alternativen den beschwerlichen Rückweg ins Haus hätte antreten müssen, die Tageszeitung rauf und runter gelesen. Die WAZ – für Regionsfremde: die Westdeutsche Allgemeine Zeitung.  


Dabei ist mir aufgefallen, wie oberflächlich ich bisher die Zeitung mehr durchgeblättert als gelesen habe. Heute bin ich, dem Sommer sei Dank, endlich einmal dazu gekommen, die Seite Panorama – auf der Rückseite des ersten „Buches“, wie die Zeitungsleute die jeweiligen Teile ihres Werkes nennen – mit der ihr gebotenen Gründlichkeit zu studieren. Interessant! Ehrlich, man nimmt die Welt gleich mit ganz anderen Augen wahr. Mit vier Spalten, in der Mitte der Seite platziert, mit einem Zitat und einem Foto des „Freizeitforschers“ Horst W. Opaschowski, sticht Beate Kranz´ Artikel über den „Wohlstands-Index“ hervor. In der gedruckten WAZ-Ausgabe überschrieben mit „Das größte Glück ist Sicherheit“, online heißt es auf der Westen „Sicherheit ist den Deutschen mittlerweile wichtiger als Freiheit“. Man wundert sich, dass Freiheit mal wichtiger gewesen sein soll.  


Aber Zahlen lügen nicht. Und für den „Nationalen Wohlstands-Index (werden) bundesweit 24.000 Bürger über 14 Jahren vom unabhängigen Meinungsforschungsinstitut Ipsos befragt“. Na also! Das größte Glück der Deutschen ist die Sicherheit, was wiederum die Frage aufwirft, was sie sich wohl darunter vorstellen, unter „Sicherheit“. Gewiss, die einen dieses, die anderen jenes, und doch fasst Frau Kranz Herrn Opaschowski zutreffend zusammen, wenn sie schreibt: „Sicherheit ist für die Deutschen ein Zeichen für Wohlstand, vor allem die finanzielle Sicherheit.“ Ja klar. Was auch sonst? „Der Wunsch nach Freiheit verliert an Bedeutung.“ Logisch: für Freiheit kann man sich nichts kaufen. Aber wie wäre es mit „einem intakten Familienleben, Gesundheit und einem Leben in Frieden“? Nichts zu machen! „Für 77 Prozent der Bundesbürger heißt Wohlstand vorrangig: `Keine finanziellen Sorgen haben´.“  


77 Prozent, das heißt natürlich: es gibt auch einige Zeitgenossen, die auf der Suche nach ihrem Glück gänzlich andere Prioritäten setzen. Möglicherweise bis zu 23 Prozent! Zum Beispiel diese beiden Landsleute, die am Zweiten Weihnachtstag (!) 2014 im Augsburger Vorort Neusäß das Schwimmbad aufgesucht hatten. Wogegen an sich nichts zu sagen wäre, wenn sich der 19-jährige Bursche und seine 18-jährige Bekannte nicht „ausgerechnet in der `Erlebnisgrotte´...“ - na, Sie können es sich ja denken - „vergnügt“ hätten. Ja, so etwas erfährt man alles auf der Seite Panorama. Natürlich nur deshalb, weil „die Bademeister die beiden Gäste dort in flagranti erwischt haben, es folgte die Anklage wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses“. Ja, überlegen Sie sich das doch nur einmal. Wenn das jeder machen würde... - d.h. Stopp! Überlegen Sie sich lieber etwas anders! Überlegen Sie sich lieber, wie Sie zu Wohlstand und Eigentum, sprich: Sicherheit, kommen können.  


So eine Unverfrorenheit! Da behauptet dieser Strolch auch noch „in dem Prozess, ihm sei lediglich die Badehose heruntergerutscht. Der Richter glaubte ihm nicht, verurteilte den 19-Jährigen am Dienstag zu zwei Wochen Dauerarrest und überbot damit sogar den Strafantrag der Staatsanwaltschaft.“ Richtig! Da greift endlich mal einer durch; denn „Strafen sollen ein `Zuchtmittel´ sein“. Für die junge „Dame“ gab´s Freizeitarrest und Sozialstunden. Da hat die aber ganz schön Glück gehabt! Wenn man nur bedenkt, wegen welcher Bagatellen andere Leute Tullus mit der Justiz bekommen. Etwa dieser 53-jährige Landsmann aus Sachsen-Anhalt... - ich finde die dpa-Meldung nicht auf der Westen, habe aber auch sie auf der Panorama-Seite der WAZ gelesen. Nun ja, sein 75 Jahre alter Schwiegervater wollte ihm die Bankvollmacht entziehen. „Unter Alkohol und wie in Trance...“ 


„Gut leben können die meisten Deutschen erst, wenn ihr materieller Lebensstandard gesichert ist und ihr persönliches und soziales Wohlergehen für die nahe Zukunft erhalten werden kann“, sagt Prof. Dr. Opaschowski – na klar: über die Ergebnisse des Wohlstands-Indexes. Wie gesagt: „Sicherheit ist für die Bundesbürger heute wichtiger als Freiheit.“ So verstehen die meisten Menschen unter Wohlstand ein sicheres Einkommen und den Besitz von Eigentum (je 71 Prozent). „Eigentum“ - ich denke: Sie wissen Bescheid. Prinzipiell kann das natürlich alles Mögliche sein; doch wenn in Deutschland von „Eigentum“ die Rede ist, dann meinen wir Steine. Oder haben Sie – kleiner Scherz - schon mal etwas von einem Eigentumsauto gehört. Richtig: „Eigentumswohnung“ muss es heißen, oder noch besser: ein Haus. Das heißt dann aber nicht Eigentumshaus, sondern einfach nur – nein, nicht Haus, sondern – Eigentum.  


Es geschah in der Nacht zum Dienstag, und es geschah in Hannover. So viel ist eindeutig; alles Weitere ist schwieriger: ein Hausbesitzer hat „nach eigenen Angaben Geräusche auf seinem Grundstück gehört“, heißt es online auf der Westen (Reader "Panorama", logisch). In der WAZ-Printausgabe hörte „der 40-Jährige Geräusche an der Haustür“. Jedenfalls war er „zusammen mit seiner Lebensgefährtin und einem Kind in seinem Haus“. Da ist freilich erhöhte Vorsicht geboten. Da geht man mal gucken, was das wohl für Geräusche sind. „Draußen war er demnach auf drei Unbekannte gestoßen, von denen einer bewaffnet gewesen sein soll.“ Sagt zumindest der Herr Hausbesitzer. Was soll er da machen?! „Daraufhin holte er seine eigene Waffe aus dem Haus und gab einen Schuss ab.“ Aber, wie das so ist. Solche Ganoven bleiben ja nicht stehen, die hauen einfach ab. Und jetzt haben wir den Salat.  


„Der angeschossene 18-Jährige rannte den Angaben zufolge noch in eine nahe gelegene Straße und brach dort zusammen.“ Nun ja, reanimiert, operiert, trotzdem tot. Tja, vorher überlegen, würde ich mal sagen. „Von den anderen beiden mutmaßlichen Einbrechern fehlte auch am Dienstagnachmittag noch jede Spur.“ Das sagt doch wohl alles! Die WAZ – allerdings nur im Print, nicht online, schließt mit: „Genau übrigens wie von der Waffe, die der 40-Jährige bei einem der Männer gesehen haben will.“ Na und?! Zunächst einmal heißt das nur, dass der Hausbesitzer nicht ganz genau den Richtigen getroffen hatte. Vielleicht hatte einer der beiden Anderen so etwas wie eine Waffe bei sich. Vielleicht auch nicht. In jedem Fall hat der Mann eine mutige Entscheidung für die Sicherheit getroffen. Wenn er Pech hat: gegen die Freiheit. No risk, no fun. Man muss halt Prioritäten setzen.  



Werner Jurga, 11.06.2015





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