Bild: bild.de vom 11. Februar 2013


Blatter, Gysi, Fitschen und Jain 
 

Langner löst Riesentsunami aus!


Montag, 8. Juni 2015. Es war ein Schock, als am letzten Wochenende bekannt wurde, dass Peter Langner nach gut 15 Jahren gedenkt, sein Amt als Duisburger Stadtkämmerer aufzugeben. „Langner war sich wohl im klaren darüber“, so habe ich den geplanten Abgang des Unersetzlichen kommentiert, “welche Folgen das Bekanntwerden seines Vorhabens, beruflich einen Schlussstrich zu ziehen, für die gebeutelte Stadt haben würde“. Nun gut, das Bekanntwerden hat bislang – jedenfalls öffentlich – keinerlei Reaktion nach sich gezogen; aber das Vorhaben selbst... Wie gesagt: für eine gebeutelte Stadt wie dieser einfach nur „bitter“. Worüber sich Langner aber nicht im klaren sein konnte, und was – ich will ehrlich sein – selbst mich überrascht, um nicht zu sagen: perplex macht, ist die Kettenreaktion, die die Ankündigung des Duisburger Kassenwarts weit über die Stadtmauern hinaus ausgelöst hat. Eine Rücktrittwelle überschwemmt das ganze Land, überflutet den gesamten Kontinent und ist dabei, sich zu einem weltweiten Tsunami zu entwickeln. Zu einem Rücktritt-Tsunami, oder präziser ausgedrückt: zu einem Rücktrittankündigungs-Tsunami. 


Hinterher ist man immer schlauer; im Nachhinein erscheinen einem die fatalen Entwicklungen, die auf Langners Schritt folgten, fast schon folgerichtig. Irgendwie logisch. Aber, Hand aufs Herz: vorher konnte doch niemand damit rechnen! Ich hielte es jedenfalls nicht für fair, wollte man dem Duisburger Finanz-jongleur die Alleinschuld für alles Weitere in die Schuhe schieben. Wie dem auch sei: es hat schnell Neider auf den Plan gerufen, dass Peter Langner im zarten Alter von 62 Jahren und eigenen Angaben zufolge noch „voll im Saft“ die Option „Keine Arbeit, trotzdem Geld“ ziehen will. Neider, die sich schon eine ganze Weile länger mit der ganzen Schufterei den schönen lieben Tag kaputt gemacht haben. So gesehen kann man diese Leute irgendwie auch verstehen. Natürlich, beim Neid handelt es sich genauso um eine Todsünde wie etwa bei der Gier. Es geht hier nicht um ein etwaiges Entschuldigen; und wenn von Verstehen die Rede ist, dann nicht im Sinne von Verständnis, sondern im Bemühen nach-zuvollziehen, wie so etwas dann so losgeht. Und schließlich eine Eigendynamik gewinnt.  


Die erste spektakuläre Reaktion ist von einem gewissen Joseph, genannt «Sepp», Blatter überliefert. Am Freitag, den 29. Mai 2015, also vor nicht einmal zehn Tagen, begann alles völlig routinemäßig. Auf dem Kongress des Weltfußballverbands Fifa hat sich der Schweizer Staatsbürger ein weiteres Mal mit großer Mehrheit in seinem Amt als Präsident bestätigen lassen. Seit nunmehr 40 Jahren ist Blatter nunmehr zunächst als Generalsekretär, dann als Präsident für diese internationale Sportorganisation tätig. Seine abermalige Wiederwahl, die zu keinem Zeitpunkt gefährdet war, feierte der Präsident dennoch mit dem mehrmaligen lauten Ausrufen des Schlachtrufs „Let´s go, Fifa!, let´s go, Fifa!“ Dies geschah freilich, bevor ihn um 17:41 Uhr an eben diesem Freitag, den 29. Mai 2015, die Meldung von der geplanten Demission Langners erreichen konnte. Blatter, mit 79 Jahren im Grunde eine Generation älter als Langner, fing an zu zweifeln. Am 2. Juni, also am letzten Dienstag, kündigte Blatter seinen Rücktritt zum nächst möglichen Termin an. Vielleicht schon Ende des Jahres, vermutlich aber erst im Januar 2016, also etwa zeitgleich mit Langner.  


Blatter habe aber unter einem erheblich Druck gestanden, werden Fußballexperten zu bedenken geben. Seine Rücktrittankündigung müsse also nicht durch Langners Vorbild ausgelöst worden sein. Nun gut; wie gesagt: es geht hier nicht darum, dem Duisburger Kassierer die Alleinschuld zuzuschieben. Zumal  ja auch noch bei 79-Jährigen eigenverantwortliches Handeln unterstellt werden kann. Nur: unter Druck stand Blatter auch schon vor seiner Wiederwahl, unter Druck stand Blatter eigentlich immer, doch gestört hatte es ihn nie. Bis dann am frühen Freitagabend so ein 62-jähriger Jungspund das Fanal setzt: „Malochen? Jetzt noch? Ich bin doch nicht bescheuert.“ Niemand kann ermessen, was in diesem Mann vor sich gegangen sein muss. In Blatter natürlich. In Langner ist es ja nicht ganz so kompliziert. Langner ist unersetzlich, das ist schon mal eine ganze Menge. Aber Blatter – das ist mehr. Sepp Blatter ist ein Symbol für Rüstigkeit im Alter, für Spaß und Freude an der Arbeit, für die Gelassenheit, einfach mal ein munteres Liedchen anzustimmen, wenn die Durchschnitts-Büroidioten wieder einmal ganz verkniffen meinen, ein Problem zu wittern.  


Es war klar: Blatters Abgang – also wie immer: die Ankündigung – ist ein Dammbruch. All die Kampagnen für längeres Arbeiten im Alter – schlagartig vergessen. Die seit Jahren gebetsmühlenartig gepredigte „neue Wertschätzung“ für Senioren, Erfahrung und pipapo – alles für die Tonne. Mit Blatter geht nicht einfach ein Verbandsfunktionär, mit ihm ist eine ganze Lebenseinstellung, eine Philosophie „gegangen“, zumindest ankündigungsweise. Gestern ging es dann Schlag auf Schlag, die Stationen des Damm-bruchs: Gregor Gysi, 67 Jahre, kündigt an, auf dem Parteitag der Linken an, im Herbst nicht erneut als Fraktionsvorsitzender zu kandidieren. Gysi ist fünf Jahre älter als Langner und gesundheitlich ziemlich angeschlagen, also nicht mehr richtig „voll im Saft“. Nun gut, könnte man meinen, ein bedauerlicher Einzelfall. Doch weit gefehlt! Nur Minuten später melden die Agenturen und das Wall Street Journal: auch die sympathische Doppelspitze der nicht minder sympathischen Deutschen Bank schmeißt hin. Die Welle wird zum Tsunami.  


Die Doppelspitze der Deutschen Bank, das sind: Jürgen Fitschen, 65 Jahre, seit 40 Jahren bei einer Bank, seit knapp 30 Jahren bei der „Deutschen“. Jetzt hört er halt mit 65 auf, könnte man meinen, wie so ein Filialleiter drei Straßen weiter an der Ecke. Aber so ist das nicht; denn so geht das nicht. Eigentlich nicht. Wenn Sie sich nur mal den Co-Vorsitzenden ansehen: Anshu Jain, 52 Jahre. In Worten: zweiundfünfzig. Gut, der Jain, der macht Investment-Banking; das ist nichts für ältere Leute. Und der ist auch sonst ein bisschen dreist, der Herr Jain. Aber trotzdem! 52 Jahre und die Rente durch. Was hat unser Peter Langner da bloß für eine Lawine losgetreten! Das hatte er bestimmt nicht gewollt. Zumal ich daran erinnern darf: Langner ist immerhin schon 62, Jain erst 52. Jain hat angeboten, der Bank auch weiterhin „als Berater zur Verfügung zu stehen“. Na super! Das können Sie ja auch mal versuchen, wenn Sie so in dem Alter sind. Wo soll das alles bloß hinführen?! - Das neueste Gerücht: angeblich will auch Barack Obama, 53 Jahre, zur Zeit US-Präsident, Ende nächsten Jahres aufhören. Ich glaube, es hackt! Die sind alle zu satt.  


Werner Jurga, 08.06.2015




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