Schon 1954: "Das Spiel ist aus!"


Aus! Aus! Aus!

Neustart in den Neuanfang


Samstag, 2. November 2013. „Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus!“ Herbert Zimmermann konnte im Berner Wankdorf-Stadion Feierabend machen. Wie befreiend! Schließlich steckt doch im jedem Ende schon ein neuer Anfang. Aus, das Spiel ist aus. Super, diesen so verklärten „Goldenen“ Oktober haben wir endlich auch hinter uns gebracht. Auf geht’s in den glücksverheißenden Wonnemonat November. Ein echter Neuanfang. Auch auf diesem Blog wird es allerhöchste Zeit für einen Neustart. Ständig dieses Genörgel und Genöle über unser Deutschland. Selbstkritik oder in diesem Fall besser gesagt: Nestbeschmutzung - schön und gut. Aber sich viermal hintereinander an diesem Popanz Deutschtümelei abzuarbeiten... - mein Gott: es gibt auch noch andere Themen!  


Das Spiel ist aus. Fenster auf, frische Luft rein, open Mind für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens! Auferstehen aus den Ruinen und sich der Zukunft zuwenden! Duisburg zum Beispiel. Unsere schöne Heimatstadt. Die ist hier doch in letzter Zeit völlig zu kurz gekommen. Stattdessen ist sich über angeblichen deutschen Größenwahn ereifert worden. Wen soll das denn interessieren?! Oder, um beim Blick in die Zukunft zu bleiben: was ist denn mit den Koalitionsverhandlungen? Tja, das wären doch mal Dinge, über die es sich politisch nachzudenken lohnte. Inhalte! Daran hat man sich messen zu lassen. An den Inhalten. Und an sonst gar nichts. Und überhaupt: diesmal sind wir doch wirklich im Recht. Datenschutz und so, Spitzelaffäre und Menschenrechte – das sind doch Inhalte!  


Ja, es ist doch wahr. Big brother is watching you. Hier geht die Post ab, dagegen war Orwell 1984 der reinste Ponyhof. Absolut brutale Totalüberwachung, doch hier wird über die angeblich so bösen Deutschen gezetert. Aber die Amerikaner sind spitze, oder wie?! Die USA, the land of the free. Ja, ich glaube es wohl! In der überwältigenden Mehrheit der Bundesstaaten gibt es die Todesstrafe; wo sie außer Kraft gesetzt ist, wird sie eben von einem Bundesgericht verhängt. Hinrichtungen wegen Nicht-Tötungsdelikten, Exekutionen geistig Behinderter, Minderjähriger und vorzugsweise Angehöriger von ethnischen Minderheiten. Das wichtigste Menschenrecht scheint das Herumlaufen mit der Knarre zu sein, die gemütlichste Freizeitgestaltung das entspannte Gespräch auf der Tea-Party.  


Alles klar. Amerika ist wunderbar. Jazz und Blues und Rock´n´Roll und so weiter. Prima. Die spitzeln jeden von uns aus, aber wir sind schuld. Nur wegen der blöden Musik, oder wie habe ich das?! Nichts da: Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Man muss das differenzierter sehen. Born in the USA, von mir aus. Und wenn sie irgendwo inbrünstig ihre Nationalhymne singen wollen, meinetwegen. Jedem das Seine. Aber Deutschland kann auch schön sein. Sozialstaat und so. Und vor allen Dingen: Menschenrechte. Todesstrafe abgeschafft! Damit kommt hier doch nur noch die NPD angewackelt. Aber wenn wir auf das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung bestehen, wird uns der Hitler unter die Nase gerieben.  So läuft das nicht! 


Man muss auch sachlich bleiben können. Wir haben uns jetzt jahrzehntelang demokratisch bewährt. Ja, wir! Andere dagegen haben einen Krieg nach dem anderen geführt, demokratisch gewählte Regierungen weg geputscht und was weiß ich nicht alles. Ich sage es ja nur. Antiamerikanismus? Da lachen ja die Hühner. Ich sagte es ja schon: der Rock´n´Roll und so. Keine Frage: wir haben den USA eine Menge zu verdanken. Aber irgendwann muss auch einmal Schluss sein. Wir brauchen uns nicht alles gefallen zu lassen. Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Es ist an der Zeit, Herbert Zimmermann zu seinem Recht kommen zu lassen. Jedem das Seine. Sollen die doch stolz auf ihr Land sein! Aber wir müssen dann auch... - also eigentlich müssten wir sein können dürfen.  


In den siebziger Jahren beantwortete der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann die Frage eines Journalisten, ob er Deutschland liebe, mit dem Hinweis, er liebe seine Frau. Was schon ganz grundsätzlich sehr löblich ist, aber nicht in jedem Fall der Weisheit letzter Schluss sein muss. Vor dreieinhalb Jahren erklärte Bundespräsident Christian Wulff gleich in seinem ersten Fernsehinterview im neuen Amt, man dürfe auch Deutschland lieben. Auf die Rückfrage, ob seine Frau jetzt nicht auch lieber den Satz von Gustav Heinemann von ihm gehört hätte, sagte Wulff wörtlich: „Ich glaube, meine Frau hat mich so kennengelernt und geheiratet, dass sie wahrgenommen hat, dass ich den Begriff ,Liebe` sehr weit auslege.“ Gewiss, das hätte man besser lösen können.  


Als Wulff drei Monate später zum Tag der deutschen Einheit dann noch erklärte, auch der Islam gehöre zu Deutschland, hatte auch diese Liebe Schaden genommen. Also: in der Folge möglicherweise auch seine Liebe zu Deutschland, ganz unmittelbar jedoch Deutschlands Liebe zu ihm. Kein Wunder: dieses Land, das ihn so sehr geliebt hatte, dass es ihn im Grunde immer schon am liebsten der Dame mit den weit herunter gezogenen Mundwinkeln vorgezogen hätte, musste sich nun ausgerechnet von seinem Lieblingsschwiegersohn, der gemeinsam mit Tochter Bettina endlich etwas royalen Glanz in das graue Schloss Bellevue gebracht hatte, anhören, dass es sich diese wunderschöne Liebe mit jemandem Anderen zu teilen habe. Und dann auch noch mit einem Ausländer.  


Logisch, dann fängt man an, genauer hinzuschauen. Und wer sucht, der findet. Siehe da: schnell wurde aus dem Traumprinz ein Schnorrer, aus Liebe Hass, die Ehe geschieden, und Deutschland stöhnte unter der Last des Scheidungsunterhaltes genannt Ehrensold. Wie auch immer, in Liebesbeziehungen ist es so: man mag sich etwas aufeinander zu bewegen, sich einlassen, sich anpassen. Doch man wird den anderen nicht nach seinem Gutdünken umbauen können. Man mag sich richtig verhalten, man mag Fehler machen, letztlich kommt es darauf gar nicht an. In Liebesbeziehungen ist und bleibt die Partnerwahl der alles entscheidende Rahmen. Darin unterscheidet sich Deutschland in nichts von Bettina. Auch darin nicht. Schwer zu sagen, wer von beiden charmanter ist.  


Was uns betrifft: wir sind keine Schnorrer, sondern kümmern uns um unsere berechtigten Interessen, was uns zum Beispiel deutlich  von Christian Wulff unterscheidet. Wir teilen mit ihm jedoch die dumme Angewohnheit, in Sachen Liebe Schwierigkeiten zu haben, von dem uns vertrauten Beuteschema Abschied zu nehmen. Finden wir also den Mut und die Kraft und schreien wir, ruhig auch mit Tränen in der Stimme, wie einst Herbert Zimmermann: „Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus!“ Deshalb - ja: deshalb! - widmen wir uns im schönen November auch wieder den schönen Dingen. Wie Duisburg, den Koalitionsverhandlungen und – ganz heißer Tipp: der Freiheit, dem Liberalismus und so Sachen. Es gibt nämlich wahrlich noch etwas Anderes als dieses blöde Deutschland-Bashing. Allerdings: es gibt nichts Wichtigeres.  


Leider. Deshalb wird diese kleine Webseite trotz ihres Neustartes und der inhaltlichen Öffnung auch an den besinnlichen Tagen zwischen Buß- und Bettag, zwischen Totensonntag und Volkstrauertag nicht ganz darauf verzichten können, dem geneigten Leser das Risiko Deutschland vor Augen zu halten. Freilich ohne jede missmutige Einseitigkeit. Lebensfroh, wie dereinst Herbert Zimmermann: „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt – Tooooor!“ Ja, das waren noch Zeiten! Wir sind wieder wer. Vergessen wir das nicht! „Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!“ So war es, so ist es, so wird es immer sein. Und falls die Energie nachlassen sollte: einfach wieder die Spritze herumgehen lassen! Das ist so geil. Hatten damals doch auch die meisten überlebt.  


Werner Jurga, 02.11.2013






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