Sascha Lobo
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Anmerkungen zu Sascha Lobos Reflexionen über

Internet, Flüchtlinge und Normaldeutsche


Donnerstag, 9. April 2015. Sascha Lobo ist wirklich betroffen. Wegen der „ausländerfeindlichen Kommentare“ im Netz, wie er uns jetzt in seiner wöchentlichen Spiegel-Online-Kolumne hat wissen lassen. Darin erkennt Lobo ein „Aufblitzen der Unmenschlichkeit“, so der Titel seines aktuellen Beitrags. Er hat sich nämlich über die Ostertage die Online-Diskussionen über den Brandanschlag in Tröglitz angesehen und dabei „eine entlarvende Nebenwirkung“ ausgemacht: „Sie offenbaren, wie dünn der zivilisatorische Schleier der Deutschen ist, wie weit verbreitet Hass und Fremdenfeindlichkeit noch immer sind.“ So Lobos Fazit. „Auf den einschlägigen Facebook-Seiten wie Pegida oder anderen rechten Gruppierungen...“ - ich zitiere aus der Kolumne - ...wird „der Brandanschlag in Tröglitz kommentiert ... `Scheiß Asylbetrüger´ und `Dreckspack´ sind bloß die Beleidigungen, die ungelöscht stehen bleiben. Bedauern, dass zum Zeitpunkt des Feuers noch keine Flüchtlinge im Heim waren, 120 Likes.“  


Das bedeutet freilich noch lange nicht, dass der oder die Täter des besagten Brandanschlags auch tatsächlich dem hier in Rede stehenden Milieu entstammen. Denn es kann „überhaupt nicht ausgeschlossen werden, dass eine politische Richtung diskreditiert werden soll", sagt der Chef des Landeskriminalamtes Sachsen-Anhalt, womit er einen Gedanken aufgreift, der sich großer Beliebtheit auf eben jenen Internet-Seiten erfreut, die Sascha Lob nicht so schön findet. Aber lassen wir die Behörden Behörden sein! Denen unterläuft bekanntlich schon mal eine Panne und, wenn es sich um eine eine politische Richtung handelt, die nicht diskreditiert werden sollte, auch mal eine Pannenserie. Bleiben wir stattdessen bei Sascha Lobo und seiner Kolumne, beim Internet und seinen Usern. Endlich Demokratie, ja Basisdemokratie bis zum Gehtnichtmehr! „Wir Internet-People haben jahrelang gefordert“, schreibt Lobo, „dass endlich alle ins Netz kommen sollen.“ 



Ja, ich erinnere mich. Und jetzt, Sascha? „Aber jetzt sind sie da.“ Tja, so kann es gehen. Und wie lange geht das schon so? „Erst seit sehr kurzer Zeit, seit vielleicht drei, vier Jahren...“ - aha – weiter, Sascha: „... sind soziale Medien so verbreitet, dass man von der Bevölkerung im Netz sprechen kann. Deshalb wäre es zu leicht...“ - ja, jetzt bin ich aber mal gespannt! Was wäre zu leicht, Sascha Lobo? - Man lese und staune! Der Papst der Demokratisierung via Internet – Respekt! - hält es für „zu leicht, einen digitalen Mob auszumachen, ein Randphänomen des Netzes, verwirrte oder hasserfüllte Internet-Kommentatoren.“ Nicht ganz so leicht, also etwas schwerer wiegt da schon die naheliegende Schlussfolgerung, die Lobo selbst daraus zieht. Nämlich „die bittere Erkenntnis, dass Teile der Gesellschaft spontan bereit sind, jede Menschlichkeit fahren zu lassen. Und es sind große Teile, vielleicht sogar - aus der Mitte der Gesellschaft.“  


Ja schön bzw. auch nicht so schön. Allerdings muss die Frage erlaubt sein, was Sascha Lobo denn wohl bislang so gedacht haben mag, bevor ihn zu Ostern diese „bittere Erkenntnis“ heimgesucht hat. Nämlich die, dass „vielleicht sogar (!) aus der Mitte der Gesellschaft...“. Ja, was denkt der denn?! Nichts da „Gnade der späten Geburt": der junge Mann wird in Kürze 40. Und selbst wenn er nur halb so alt wäre, wie er ist, sollte ihm doch nicht entgangen sein, von welcher Sorte Mitmenschen er in aller Regel umgeben ist. Immerhin schreibt er regelmäßig Kolumnen und gibt in Talkshows seine Erkenntnisse zum Besten. Es mag sein, dass man nicht so viel mitbekommt, wenn man zu viel und zu lange vor dem Computer hockt. Aber „seit vielleicht drei, vier Jahren“ - eine „sehr kurze Zeit“, wie Lobo schreibt – ist die „Bevölkerung im Netz“. So gesehen wieder eine ziemlich lange Zeit. Da hätte ihm schon vorher etwas auffallen können, ja müssen.  


Allein im letzten Jahr verzeichnete das Bundesinnenministerium 170 politisch motivierte Straftaten, bei denen eine Flüchtlingsunterkunft Ziel oder Tatort war. Also ein Angriff an jedem zweiten Tag. Attacken auf Asylbewerberheime sind in diesem Land nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Wofür die Bundesregierung die von der rechtsextremen Szene beeinflussten Demonstrationen gegen Asylbewerber verantwortlich macht, was zweifellos stimmt, gleichzeitig aber Fremdenfeindlichkeit als ein Randphänomen darstellt, was überall mal vorkommen kann und wogegen letztlich kein Kraut gewachsen ist. Und tatsächlich: von fremdenfeindlichen Übergriffen ist aus allen europäischen Ländern gelegentlich zu hören. Aber von Übergriffen im langwährenden Zweitagesrythmus oder gar von brennenden Asylbewerberheimen? Nein, hier haben wir es schon mit einer deutschen Besonderheit zu tun. Die Deutschen haben nämlich Angst vor dem Fremden.  


Kein Wunder, wenn man bedenkt, was uns die Fremden schon so alles angetan haben. Denken wir nur an die Griechen! Jahrzehntelang leben sie unter der Sonne des Mittelmeers auf unsere Kosten. Doch wenn wir dann – zunächst einmal gar nicht unser Geld zurückhaben wollen, sondern – nur mal ein paar Anregungen geben, wie man etwas sparsamer über die Runden kommen könnte, dann wird wieder die Nazivergangenheit ausgekramt samt Hakenkreuzchen und Hitlerbärtchen. So etwas macht man doch nicht! Und deshalb darf man sich auch nicht darüber wundern, dass die überwältigende Mehrheit der Deutschen etwaige Wiedergutmachungsforderungen der Griechen für „nicht berechtigt“ hält. Das bedeutet keineswegs, dass wir prinzipiell meinten, man dürfe einfach in ein fremdes Land einfallen, dort alles kaputt schlagen und alle möglichen Leute um die Ecke bringen, ohne danach den Deckel dafür bezahlen zu müssen.  


Das bedeutet nur, dass die Sache schon ewig lange her ist und dass damals überhaupt eine andere Zeit war. Es war halt Krieg, und wer sollte darunter mehr gelitten haben als wir Deutsche! Höchstens noch die Russen – vielleicht. Aber dass die nichts kriegen, ist ja wohl sowieso klar. Nach all dem, was die uns angetan haben – gerade unseren Brüdern und Schwestern in der Ostzone. Millionen Menschen eingesperrt, ohne jeglichen Kontakt zur großen weiten Welt. Wollen wir diesen geschundenen Landsleuten jetzt wirklich verübeln, dass sie mit den Fremden noch ein wenig fremdeln. Das kommt schon noch... - wobei: unvergessen die schönen Momente, als die ostdeutschen Helden nach vierzig Jahren Diktatur ihre Freiheit wiedererlangt hatten und sogleich – wie gelernt – ihre freie unabhängige Meinung vor den Fernsehkameras zum Besten gaben. Über Fidschis, Teerpappe und anderes Gesocks, das ihnen nicht in den Kram passt. Äh: Angst macht.  


Seither ist die ganze Sache im Osten – zugegebenermaßen – etwas aus dem Ruder gelaufen, und auch im Westen brennt es hin und wieder, weil niemand gern Asylanten in seiner Nähe hat. Hier in Duisburg hat es, soweit ich weiß, noch nicht gebrannt; aber auf den einschlägigen Demonstrationen werden die rechtsextremen Veranstalter vom ortsansässigen Anwesenheitsgesindel regelmäßig getoppt in Sachen Menschenfeindlichkeit. Und was die Facebook-Seiten im Internet betrifft: die hätte sich der Sascha Lobo mal ansehen sollen! Die sind nicht erst seit Ostern im Netz, sondern schon eine Idee länger - „seit vielleicht drei, vier Jahren“. Das „zeigt schonungslos“, um zum Abschluss noch einmal aus Lobos Kolumne zu zitieren, „wie dünn der Firnis Zivilisation ist. Und offenbar immer war. Es zeigt uns, dass wir jeden Tag in der Fußgängerzone Leuten begegnen, die Monstrositäten von sich geben.“ Auch in Duisburg. Machen wir uns nichts vor!


Werner Jurga, 09.04.2015