Quelle: tagesspiegel.de


Reparationsforderung Griechenlands

Berechtigt oder nicht berechtigt – das ist hier die Frage


Mittwoch, 8. April 2015. Nachdem Griechenlands stellvertretender Finanzminister Dimitris Mardas am Montagabend bekannt gegeben hatte, dass nach einer vorläufigen Berechnung eines Parlaments-ausschusses Deutschland Griechenland Reparationen in Höhe von 278,7 Milliarden Euro schulde, lud der Berliner Tagesspiegel seine Leser gestern zu einer Online-Umfrage ein. Sie steht am Ende des Artikels mit der Überschrift „Entschädigungen für Griechenland: Sigmar Gabriel nennt Debatte um Reparationen `dumm´“. Die Frage lautet: „Griechenland fordert Reparationszahlungen von Deutschland. Halten Sie das für berechtigt?“ Gegen Mitternacht hatten 1852 Teilnehmer abgestimmt, davon 395 mit „Ja“ (21%) und 1457 mit „Nein“ (79%). Eine satte Dreiviertelmehrheit hält also eine griechische Reparationsforderung an Deutschland für nicht berechtigt. 


Diese Online-Umfrage geht, während diese Zeilen geschrieben werden, noch weiter. Und: sie ist selbst-verständlich nicht repräsentativ. Der Tagesspiegel ist eine liberale Zeitung mit hohem Qualitätsanspruch, Mitherausgeber ist der Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Ohne auf die Hauptstadtzeitung näher eingehen zu wollen, ist davon auszugehen, dass auf den Online-Portalen anderer Medien der Anteil der Neinstimmen (noch) höher sein dürfte. Auf bild.de sowieso, aber auch der Westen oder Spiegel Online dürften mehr als 20% Jastimmen m.E. kaum zu erzielen sein. Mal sehen: gut möglich, dass uns in Kürze ein Meinungsforschungsinstitut ein repräsentatives Umfrageergebnis präsentieren wird. Möglich aber auch, dass die Befragten dort ein paar Antwortmöglichkeiten mehr erhalten als nur „Ja“ oder „Nein“. Für Menschen, die das alles etwas differenzierter sehen.  


In dieser Hinsicht ist die Tagesspiegel-Umfrage wirklich ziemlich grobschlächtig. Wie wäre es zum Beispiel mit einem „Ja, aber“ oder mit einem „Nein, wobei“. Es wäre doch gut, wenn man auf die Frage „Halten Sie die griechische Reparationsforderung für berechtigt?“ zum Beispiel mit „Nein, wobei die deutsche Schuld nicht in Zweifel zu ziehen ist“ antworten könnte. Oder mit „Ja, aber jetzt doch nicht mehr“. Normalerweise haben, zumal bei einer so komplizierten Frage, die Befragten auch die Möglichkeit, schlicht „Weiß nicht“ anzukreuzen. Hier vielleicht: „Weiß nicht, aber Zahlen sollten wir auf gar keinen Fall“. Was übrigens mein Geheimtipp für den wahren Umfragesieger wäre. Aber – da kann man jetzt nichts mehr machen. Es ist, wie es ist. Der Tagesspiegel hat nun einmal nur diese beiden Möglichkeiten eingeräumt. Ja oder Nein. Immerhin: kein Drumherumgerede.  


Trotzdem oder gerade deshalb: ein glasklares Ergebnis. Fast achtzig Prozent der Teilnehmer – wir dürfen annehmen, dass es sich dabei fast ausnahmslos um Deutsche handelt – hält eine etwaig zu erwartende Forderung Griechenlands an Deutschland nach Reparationszahlungen für nicht berechtigt. Klare Sache, wir können dem Tagesspiegel nur dafür danken. Dass er eindrucksvoll empirisch untermauert, was wir uns ohnehin alle gedacht haben. Jetzt haben wir eine nicht in Zweifel zu ziehende Zahl, die wir bei Gelegenheit – und irgendwelche Gutmenschen gibt es ja immer – auch einmal gezielt einsetzen können. Schade ist nur – das ist aber kein Vorwurf an den Tagesspiegel, denn man kann ja so eine Online-Umfrage auch nicht so kompliziert gestalten. Das würde nur die Teilnehmer abschrecken. Ja, einfach schade ist, dass wir nicht erfahren, warum das so ist.  


Warum halten die Deutschen eine Reparationsforderung Griechenlands für unberechtigt? Schon mal prophylaktisch, präventiv sozusagen. Noch haben die Griechen ja nicht die Forderung erhoben. Aber es geht doch schon ganz schön in diese Richtung. Wehret den Anfängen, sozusagen. Aber wie? Also: wie ließe sich da argumentieren? Ehrlich gesagt: warum die Deutschen stark dagegen sind, ist eigentlich logisch. Dennoch wäre die Antwortmöglichkeit „Ja, berechtigt. Aber wir sollten trotzdem nichts geben“ irgendwie doof. Es wäre doch schön, wenn man mal irgendwie dahinter kommen könnte, was sich diese 79% der Tagesspiegel-Leser wohl dabei gedacht haben, ganz locker „Nein“ anzukreuzen. Das sind ja nicht die Dümmsten. Die hätten ja zum Beispiel lesen können, was in dem Artikel neben der Umfrage alles so steht. Die meisten haben es wohl sogar getan.  


Denn sonst hätten sie die Umfrage gar nicht entdecken können. Zumindest überflogen haben müssen sie den Artikel. Bestimmt haben viele gesehen, dass 1960 115 Millionen Mark an Griechenland geflossen sind. 115 Millionen – da muss die Oma lange für stricken. Ob die meinen, damals war das in Mark noch mehr als heute in Euro und damit wäre die Sache erledigt? Oder ob die diesen Käse vom Zwei-plus-Vier-Vertrag, den unsere Regierung erzählt, so richtig in echt glauben? Oder ob die dem Sigmar Gabriel glauben, dass eine Vermengung der Wiedergutmachungsforderungen mit den Verhandlungen über weitere Finanzhilfen „dumm“ ist? Ja gut, das glaube ich auch (muss ich ja); und irgendwie, zwar nicht juristisch, aber doch politisch, vermengen die tatsächlich, die Griechen. Aber unvermengt... ist dann die Forderung berechtigt? Die Dreiviertelmehrheit findet: Nein.  


Werner Jurga, 08.04.2015



Seitenanfang