Nach der Flugzeugkatastrophe

Es ist Ostern


Sonntag, 5. April 2015. Frohe Ostern, liebe Leserinnen und Leser! Liebe Schwestern und Brüder, Gottes Sohn ist auferstanden. Und zwar erstens nur auferstanden und nicht etwa wiederauferstanden; denn Jesus konnte verständlicherweise diesen Akt der Erlösung nur einmal und nicht alle Nase lang vollbringen. Und zweitens: für uns. Jawohl, Christus ist für uns gestorben, wie uns die Evangelische Kirche Deutschlands kürzlich hat wissen lassen. Freilich ohne die Sache an die große Glocke zu hängen, denn das hätte irgendwie nicht gepasst - schon allein rein zeitlich wegen dieses Flugzeugabsturzes. Dass Gott so etwas zulassen konnte! Es ist schon so ein Kreuz mit dem Kreuz. 150 Menschen sind gestorben, 149 davon völlig unschuldig. Logisch: in solch einer Situation kann man schlecht ankommen und etwas vom Leben im Tod oder gar vom Guten im Schlechten erzählen. Gerade als Kirche nicht! 


Man wäre ja direkt blöd, wenn man landläufige Aversionen gegen als zynisch empfundenes Pfaffengequatsche schnurstracks bedienen würde. „Liegt nicht auch im Schlechten das Gute? Ist die ganze Scheiße nicht auch irgendwie Götterspeise?“ Ja, frohe Ostern! Mit Sprüchen dieser Sorte hätte die Kirche gleich einpacken können - angesichts der Fassungslosigkeit der ganzen Nation, der Ratlosigkeit der Welt. Da lässt man besser das allgemein-verständlich geschriebene Papier "Für uns gestorben" erst einmal in der Schublade. Was Ostern uns sagt, kann man den Menschen auch noch im nächsten Jahr mitteilen – falls es dann passen sollte. Außerdem können sich diejenigen, die das wirklich interessiert, ja auch selbst schlau machen. Etwa in der Bibel, 1. Brief des Johannes 2,2 LUT: „Und er ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“ 


Damit ist klar, „dass Gott seinen Sohn hat sterben lassen, um unsere Sünden zu vergeben“, wie es in dem EKD-Papier heißt – eine „Sühneopfertheologie, die die Liebe und Vergebungsbereitschaft Gottes ins Zentrum stellt“. Nun gut, an Gott, unseren Herrn, und an Jesus Christus, seinen seinen eingeborenen Sohn, Glauben sollten Sie schon. Dann aber gilt es auch für Sie, „das Evangelium von der Vergebung aller Sünden und der Überwindung des Todes für alle, die an Jesus Christus glauben, an seinen Kreuzestod und sein Auferstehen »für uns«“. Sollte man meinen; allerdings: ganz so einfach ist das nun auch wieder nicht. Denn im Glaubensbekenntnis bekennen Sie: „Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters“, was so weit völlig okay wäre, wenn es nicht weiterginge mit: „Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“ Das Jüngste Gericht, so kann´s gehen!  


Erst heißt es: Jesu Tod am Kreuz, alle Sünden vergeben – einzige Bedingung ist, dass man dran glaubt. Und dann kommt er doch, und zwar genau dieser Jesus, um zu richten. Ärgerlich! Einerseits. Andererseits: gar nicht so eine schlechte Sache, wenn man nur mal an diejenigen denkt, die es echt verdient haben. Zum Beispiel dieser Copilot der Germanwings-Maschine Flug-Nr. 4U9525. Es kann doch wohl nicht sein, dass ein Verbrechen dieses Ausmaßes vollkommen ungesühnt bleibt! So wie es aussieht, lassen sich die diversen Ärzte wohl kaum an den Hammelbeinen kriegen. Die ärztliche Schweigepflicht, schon klar, übrigens auch gar nicht so schlecht. Und selbst wenn: mehr als eine Geldstrafe, allerhöchstens eine Bewährungsstrafe käme doch dabei nicht heraus. Damit ist aber doch so ein Verbrechen nicht gesühnt. Denken Sie doch auch mal an die Opfer! Und an die Angehörigen.  


Das Problem: es gibt nur einen Schuldigen, nämlich den Copiloten Andreas Lubitz. Der jedoch ist tot, somit für irdische Sühne jeglicher Art nicht greifbar. Eigentlich ist dies seit langem klar – seitdem die Aufzeichnungen des Stimmenrekorders zunächst von der New York Times veröffentlicht und kurz darauf von den Staatsanwaltschaften in Düsseldorf und Marseille bestätigt wurden. Es sollte aber nicht so sein. Verschwörungstheorien geisterten durchs Internet, die Medien verwiesen darauf, dass es weitere Belege für diesen „Verdacht“ bräuchte. Doch es half alles nichts; immerhin: es hat Zeitgewinn gebracht. Zeit, sich mit dem Gedanken abzufinden, dass das willentliche Töten von 149 Menschen ungesühnt bleiben wird. Jedenfalls auf dieser Welt, jedenfalls einstweilen. Wie tröstlich also, dass er, nämlich der Gekreuzigte, kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten. Aber: ist das sicher?  


Können wir uns darauf verlassen, dass sich Jesus Christus diesen Andreas Lubitz am Jüngsten Tag vorknöpfen wird – zwecks Einleitung eines rechtsstaatlich einwandfreien, aber doch mit aller gebotenen Härte durchzuziehenden Strafprozesses? Die Deutsche Presseagentur hat sich mit dieser auf der Hand liegenden Frage an den für diese Dinge zuständigen obersten Experten der Republik gewandt, nämlich an Heinrich Bedford-Strohm, den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands. Und der antwortete: „Ich glaube...“ - das ist in Ordnung, selbst er kann nur glauben - „...dass es auf jeden Fall ein Gericht geben wird.“ Das ist ja schon mal was! So tröstlich, gerade auch für die Angehörigen. Denn es muss ja... - der höchste Kirchenmann sagt es so: „Es muss eine Sühne geben, ein Zurechtbringen.“ Mein Reden. Oh lieber Herr Jesus, erhöre die Worte Deiner treuen Gläubigen und biege diesen Scheißkerl mal anständig zurecht!  


Aber Jesus antwortet nicht. Kein Wunder, ich bin ja schließlich auch nicht Don Camillo. Zu ihm sprach der Gekreuzigte, wobei er den impulsiven Kirchenmann zumeist heftig kritisierte. Selbstverständlich gibt es kein Gespräch zwischen Don Camillo und Jesus Christus über die Flugzeugkatastrophe vom 24. März 2015. Gäbe es dies, machte der Gottessohn gewiss darauf aufmerksam, dass es sich bei Andreas Lubitz um einen schwer kranken Mann gehandelt hat. Im neuen Spiegel nimmt sich Dirk Kurbjuweit abermals dieser Sache an. Unter der Überschrift „Schuld und Psyche“ fragt er, ganz weltlich: „Sind wir auch als Kranke verantwortlich für unsere Taten?“ Am Ende des langen Essays gelangt Kurbjuweit zu dem Ergebnis: „Es ist klar, dass er (Lubitz) sich in manchen Phasen seines Lebens als gefährdeter Mensch erkennen konnte. Als Pilot ist man dann zugleich auch ein gefährlicher Mensch.“  


Ich habe keine Ahnung, ob Kurbjuweit an Gott glaubt oder nicht. Es spielt auch keine Rolle. Er bedient ein Publikum, dass teils religiös ist, meist aber auch nicht. Und er fällt ein – umständehalber muss man fast sagen – eher maßvolles Urteil. Ob man Lubitz einen Massenmörder nennen könne, sei eine „Geschmacksfrage“. Ein Opfer sei er aber nicht. Heinrich Bedford-Strohm überlässt das Urteil Gott, allerdings vorgebend, dass es ein Gericht geben müsse. Der Wunsch nach Sühne, selbst einen Toten betreffend, der Wunsch, Rache zu nehmen selbst über den Tod hinaus, scheint über weltanschauliche Grenzen hinweg zu greifen. Vielleicht liegt es daran, dass die Gesellschaft keinen Frieden mit der fast zwei Wochen zurückliegenden Katastrophe machen kann. Wir sollten es tun. Es ist Ostern. „Auch unser Leben ist durch alle Todeserfahrungen hindurch bei Gott aufgehoben! Gesegnete Ostern“ (Nikolaus Schneider). 


Werner Jurga, 05.04.2015




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