Warum lässt Gott so etwas zu?  

Theodizee


Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag.
Danke, dass ich all meine Sorgen auf dich werfen mag.

Danke für alle guten Freunde, danke, oh Herr, für jedermann...


Freitag, 27. März 2015. Mir hat dieses Kirchenlied Danke noch nie gefallen. Um ehrlich zu sein: es hat mir immer schon missfallen. Dabei ist mir dieses Gefühl gar nicht einmal fremd. „Alles Prima! Echt irre toll klasse prima.“ Es gibt Tage, da blicke ich auf Gottes Welt und denke mir: „Prima. Prima. Alles wirklich spitze danke prima.“ Tage, an denen mich diese Weltsicht inklusive dem Gefühl der Dankbarkeit ohne jede Ironie oder gar Bitterkeit überkommt. Besser gesagt: es kommt von innen. Da überkommt mich nichts. Es ist ein sehr persönliches Glücksgefühl. An manchen Tagen. Wer jeden Tag meint, glücklich zu sein und dementsprechend dankbar sein zu müssen, hat entweder ein ernstes psychisches Problem oder ist eingepfercht in eine Gruppendisziplin, die auf eine Dankbarkeit „für jeden neuen Tag“ einschwört. Oder beides.  


Die Ursprungsfamilie meiner Frau stammt aus Ostpreußen. In den Wirren am Ende des Krieges, den wir den letzten zu nennen pflegen, wurde meine Schwiegermutter durchs abgebrannte Pommerland über Schleswig-Holstein nach Duisburg gespült. Der andere Zweig dieser Familie schaffte den Sprung über den großen Teich. Einmal im Jahr, nämlich vor Weihnachten, haben die Leute aus Kanada unserer Oma geschrieben – ein Brauch, der im Staffellauf der Generationen weitergereicht wurde. Mittlerweile erhält meine Frau den Adventsbrief aus Kanada. Auf dem Briefumschlag hat sich also nur ein Wort, nämlich der Vorname, geändert. Im Innern hat sich auch nicht viel getan. Die Familie schildert, was sich im zurückliegenden Jahr insgesamt so alles zugetragen hatte, und was jeweils den einzelnen Personen dieser Verwandtschaft widerfahren ist.  


Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es Gott, der Herr, nicht allzu gut meinen kann mit den (Groß-) Onkeln und Tanten, (Groß-) Cousins und Cousinen meiner Frau. Keine ganz schlimmen Katastrophen, keine quantitativ oder qualitativ auffälligen Todesfälle, aber doch eine ungewöhnliche Häufung von Rückschlägen, teilweise auch Schicksalsschlägen, die man nur bedauern könnte. Wenn dies nur gewünscht wäre... - ist es aber nicht. Dazu muss man wissen, dass schon damals in Ostpreußen dieser Familienzweig für seine stark ausgeprägte Frömmigkeit bekannt war. In Kanada hat er sich dann einer relativ kleinen, dafür aber umso verbindlicheren Kirche – hierzulande würde man etwas abfällig von einer „Sekte“ sprechen - angeschlossen, der ausnahmslos alle kanadischen Verwandten und Verschwägerten meiner Frau angehören.


Das gibt Kraft. Daraus resultiert die Demut gegenüber allem, was Gott sozusagen zurück gibt, wenn man sich ihm nur intensiv und vor allem in tiefer Dankbarkeit hingibt. Und so wird uns jedes Jahr Anfang Dezember nicht nur allgemein empfohlen, dies auch einmal zu versuchen. Nein, ganz konkret wird handschriftlich dargelegt, wie stark sich der Allmächtige auch in diesem Jahr wieder ins Zeug gelegt hatte, um seinen folgsamen Schäfchen den vorüber gehenden Aufenthalt in diesem irdischen Jammertal nicht allzu bedrückend zu gestalten. Manfred hatte einen schlimmen Autounfall? Ja furchtbar, aber wir können wirklich nur Gott danken, dass er den überhaupt überlebt hatte. Das Ferienhaus von Dagmar und Klaus ist abgebrannt? Ja, und wir danken Gott, dass die beiden nicht zugegen waren. Und so weiter und so fort...  


So erklären uns die Kanadier Jahr für Jahr, dass das Leben stets und ständig voller Möglichkeiten ist, dem Herrn einfach einmal Danke zu sagen. Danke dafür, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist! Danke dafür, dass nicht noch mehr passiert ist! Wenn man sich nur einmal vorstellt, was so alles... - Erst recht, wenn man es wagte, sich durch sündhaftes Fehlverhalten die unendliche Gnade des Allmächtigen zu verscherzen. Wenn man gar den Zorn Gottes erregte? - Aber wer macht das schon? In aller Regel nicht einmal diejenigen, deren Glaube nicht ganz so unerschütterlich ist wie derjenige der kanadischen Verwandten meiner Frau. Wobei: sie bewegen sich schon entlang einer gewissen Grenze. Es ist nämlich durchaus grenzwertig, den lieben Gott, anstatt ihm dankbar zu sein, fast schon vorwurfsvoll zu fragen, warum er dies oder jenes zulassen konnte.  


Es läuft im Leben nun einmal nicht alles so, wie es dem einen oder anderen Sünder beliebt, was ja auch noch schöner wäre, sondern immer noch so, wie es der Herr im Himmel verfügt. Im Idealfall, d.h. wenn wir immer schön beten. „Herr, Dein Wille geschehe!“ Also ist nicht einmal davon umstandslos auszugehen. Wenn wir jedoch die Gottergebenheit schleifen lassen und uns dazu mit dem selbst gestellten vermeintlichen Problem der Theodizee herumplagen, machen wir alles nur noch schlimmer. Wir sind schwach und nicht stark, wenn wir Gottes Wege ergründen wollen. Wir sind schwach, wenn wir fragen, warum Gott das Leiden zulässt. Wir sind anmaßend, wenn wir aus dem Umstand, dass er sowohl allmächtig als auch gütig ist, meinen schlussfolgern zu dürfen, dass es dann eigentlich kein Übel geben dürfe.  


Dass wir schwach sind, ist uns nachzusehen. Doch nur Gott kann uns vergeben, wenn wir das Problem so sehen:  

Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht:

Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft,

Oder er kann es und will es nicht:

Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist,

Oder er will es nicht und kann es nicht:

Dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott,

Oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt:

Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?


„Das Böse, hier definiert als Handlung, die anderen fühlenden Wesen Leid zufügt“, sei unvermeidlich in einer „Welt mit fühlenden Wesen“, meint – nachzulesen bei Wikipedia – der US-amerikanische Mathematiker und Logiker Raymond Smullyan. Der freie Wille sei unvermeidliche Konsequenz des Fühlens, „daher ist es auch Gott logisch unmöglich, eine Welt mit fühlenden Wesen zu erschaffen, in der das Böse nicht existiert“. Oder, wie es Malte Lehming jetzt im Tagesspiegel schreibt: „Zur Freiheit gehört die Möglichkeit, Böses zu tun. Freiheit ist eine Zumutung, das Böse ihr Preis.“ Das sagt sich leicht. Weil es offenkundig ist. Dabei ist es so schwer zu ertragen. Denn „erschüttert wird jetzt auch der Glaube an die Sinnhaftigkeit der Welt. An ihre Ordnung, an die Gerechtigkeit.“ Stattdessen das Übel, das Leiden, das Böse, und nicht einmal Gott könnte daran etwas ändern. Ich mag da nicht freudig Danke singen.


Werner Jurga, 27.03.2015





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