Marx-Engels-Forum, Berlin / Alexanderplatz


Barbarische Nationen, Fremdenhass und das Landleben

Manifest gegen die Idiotie


Samstag, 7. März 2015. Es geschah im Herbst 2008, genauer gesagt im Spiegel vom 29. September des Jahres, in dem die Finanzkrise uns um ein Haar... Gar nicht dran zu denken! Aber egal, Schnee von gestern – damals hatte sie uns jedenfalls ganz schön durcheinander gewirbelt. Sogar den Genossen Steinbrück, der sich im Interview zu diesem – später viel zitierten - Satz hinreißen ließ: „Generell muss man wohl sagen, dass gewisse Teile der marxistischen Theorie doch nicht so verkehrt sind.“ Oft zitiert, stets korrekt zitiert, immer aber tendenziös, also in der klaren Absicht, den damaligen Finanzminister als Kronzeugen für das eigene Vorurteil anzuführen, dass der Kapitalismus etwas Schlechtes sei. Auf der Strecke bleiben dabei nicht nur die kleinen Wörtchen „wohl“ und „doch“ - „wohl“ = kann sein, kann auch nicht sein; „doch“ = dass Marx „verkehrt“ ist, ist eigentlich klar.  


Vor allem geht bei diesem tendenziösen Zitieren unter, dass es dem Finanztheoretiker Steinbrück nicht um den Marxismus schlechthin ging, sondern nur um „gewisse Teile der marxistischen Theorie“. Wie man generell wohl sagen muss, dass „gewisse Teile“ des Werkes von Karl Marx und Friedrich Engels in Vergessenheit geraten oder – um zu sagen, wie es ist – schlicht unbekannt sind. Zum Beispiel die folgenden. Ich zitiere aus einem kleinen Büchlein, das direkt hinter der Bibel auf Platz Zwei der weltweiten ewigen Bestsellerliste steht, insofern einigermaßen bekannt sein sollte. Also nicht nur sein Titel, sondern auch sein Inhalt. Aber gut, warum sollte es in dieser Hinsicht Karl Marx besser gehen als dem lieben Gott?! Schließlich ist auch der Inhalt der Bibel nicht so bekannt, dass der Herr daran ein Wohlgefallen hätte. Aber Marx? Den findet man ja nicht einmal im Nachttischchen des Hotelzimmers.  


Mit der
Bourgeoisie, wenn ich hier einmal kurz unterbrechen darf, meint Karl Marx das kapitalistische Großbürgertum, die im Kapitalismus herrschende der beiden großen Klassen. Und sie macht, wenn Sie sich diesen Text hier einmal zu Gemüte führen würden, die tollsten Sachen. Und das wiederum bedeutet: Kapitalismus ist eine tolle Sache, und zwar nicht nur, wie Monaco Franz erklärt hatte, wenn man Geld hat, sondern auch sonst so. Produktion und Kommunikation werden besser, die „barbarischsten“ Nationen werden zivilisiert, die Bourgeoisie schafft – darin Gott gleich – die Welt nach ihrem Ebenbild. Es geht weiter im Text – freilich ungekürzt, wie überhaupt die hier angeführten vier Zitatstücke das Manifest einer einzigen zusammenhängenden Textstelle sind. Nun zum „Idiotismus des Landlebens“.  


So so, sie hat also „den Orient vom Okzident abhängig gemacht“. Wohl auch nicht so verkehrt. Also diese Beobachtung, freilich nicht der Umstand als solcher. Denn, wie man weiß, ist längst nicht jeder über dieses gemachte Abhängigkeitsverhältnis so begeistert wie die beiden Autoren dieses an und für sich weit verbreiteten Textes. Insofern ist es kein Wunder, dass diejenigen Teile der Bevölkerung, die dem Idiotismus des Landlebens nicht entrissen wurden, bei Licht besehen niemals zu wirklich überzeugten Anhängern der marxistischen Theorie geworden sind. Es ist ebenfalls keine Überraschung, dass die barbarischen und halbbarbarischen Bauernvölker über ihre Abhängigkeit von den Bourgeoisvölkern, also wohl von Unsereins, nie so richtig glücklich waren. Ein nicht so verkehrter gewisser Teil der marxistischen Theorie, der sogar einen Erklärungsansatz für gewisse Unstimmigkeiten der Gegenwart bieten könnte.  


Alle zusammengedrängt in einen einzigen Einheitsbrei. In einen „Douanenlinie“. Und jetzt auch noch
TTIP! Wo bleibt denn da die Identität?! Alles kapitalistische Gleichmacherei, blöde Bourgeoisie! Aber immer mehr Menschen sind nicht mehr bereit, dies kampflos hinzunehmen. Sie wehren sich. So etwas in dieser Art hatten auch schon Marx und Engels vorausgesehen, wenngleich... - etwas anders. Um ehrlich zu sein: total anders. Sie nahmen an, dass all diejenigen, die den ganzen Reichtum dieser großartigen neuen Welt erarbeiten, die Bourgeoisie entmachten und den Reichtum an alle verteilen würden. Doch darum geht es nicht, woran Sie unschwer erkennen können, dass dieser ganze Marxismus im Grunde eben doch verkehrt ist. Es geht eben nicht um irgendwelchen Wohlstand, es geht um Identität. Natürlich nicht um die Identität einzelner Menschen, sondern um die Identität von Völkern und Religionen, von Barbaren und sonst welchen Idioten. Aber diese weltfremden Theoretiker kommen einfach nicht raus aus ihrer Schwärmerei.  


Nun gut, das konnte man nicht ahnen. Und zugegeben: das ist ja auch irgendwie eine tolle Sache. Wohlstand und Zivilisation. All diese Dinge, die Marx und Engels hier aufzählen. Und dazu noch all die Dinge, von denen Marx und Engels noch nicht die geringste Ahnung hatten. Damals, vor 167 Jahren. Im Dezember 1847 und im Januar 1848, als sie „Das Manifest der Kommunistischen Partei“ verfasst hatten. Die in diesem Text zitierte Passage finden Sie in
dieser Ausgabe auf Seite 38 f.; für die Bibeltreuen: MEW 22, S. 466. Massenhafte und kolossale Produktivkräfte, Datenautobahnen und Internetvideos. Dagegen hat ja auch kein Mensch etwas. Auch nicht der „Islamische Staat“ oder die „Volksrepublik Donezk“. Weder die „Patrioten Europas gegen die Islamisierung des Abendlands“ noch die von Big Data Bedrängten. An sich nicht. Wenn es sich doch nur nicht bei diesem ganzen bourgeoisen Treiben um die schwere Artillerie gegen die Identitäten der Idioten handelte.  


Werner Jurga, 07.03.2015



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