Boris Nemzow


Nach dem Attentat auf Boris Nemzow

Ermittlungen in alle Richtungen



Mittwoch, 4. März 2015. Wladimir Schirinowski weiß es freilich auch nicht, aber er hat einen Verdacht. Er weiß nicht, warum und von wem Boris Nemzow am späten Freitagabend erschossen wurde, was ihn jedoch nicht daran hindert, über Tatmotiv und Täter zu spekulieren. Schirinowski ist Vorsitzender der von ihm 1990 gegründeten LDPR, mit der er, die Älteren werden sich erinnern, Anfang der 1990er Jahre ganz beträchtliche Wahlerfolge erzielen konnte. Seither ist er mit seiner Partei zwar ununterbrochen in der Staatsduma, dem russischen Parlament, vertreten, doch die damals verbreitete Sorge, Schirinowski könnte in Moskau die Macht erringen, ist längst verflogen. Während der chaotischen Jelzin-Ära personifizierte er 
das Schreckgespenst der Gefahr aus dem Osten, und das nicht ganz zu Unrecht.  


Wladimir Schirinowskis LDPR heißt Liberal-Demokratische Partei Russlands. Aber auch wenn wir von Loriot gelernt haben, dass „liberal“ im liberalen Sinne nicht immer „liberal“ heißen muss, haben wir es hier ganz offensichtlich mit einem Etikettenschwindel zu tun. Schirinowski ist nämlich ein Rechtsextremist der übelsten Sorte. Man könnte auch sagen „ein Faschist“, sogar „ein Nazi“, wenn... - ja wenn derlei Begriffe im politischen „Diskurs“ Russlands – ähnlich wie in Deutschland – keine Schimpfwörter wären und deshalb – ganz anders als in Deutschland – gegenwärtig vor allem für die derzeit in Kiew Regierenden angewandt würden. Sowie für ihre Unterstützer, besonders in den USA, und ihre Sympathisanten, von denen der prominenteste in Russland eben der jetzt ermordete Boris Nemzow war.  


Deshalb ist es für Schirinowski auch überhaupt keine Frage, wer die Ermordung dieses „Vaterlandsverräters“ in Auftrag gegeben haben könnte. Schirinowski, dessen zentrale Forderung die Wiederherstellung des russischen Reichs in den Grenzen von 1917 ist, also inklusive der Ukraine, jedenfalls ihres östlichen Teils, zumindest mal bis Kiew, ist sicher, dass der ukrainische Geheimdienst hinter dem Mord steckt. Im russischen Fernsehen erhält er Gelegenheit, seine „Theorie“ in die Kameras zu brüllen. Der „Beweis“: Nemzows bei der Tat zugegene ukrainische Freundin Anna Duritskaja. Schließlich hätte Nemzow doch seine Vorliebe für junge hübsche Frauen, über die die Russen dank ausführlicher Hintergrundberichterstattung diesbezüglich bestens informiert werden, auch mit einem Mädchen aus Sibirien ausleben können.  


Meint Schirinowski. Allerdings habe der ukrainische Geheimdienst dieses landeseigene Top-Model auf Herrn Nemzow angesetzt, um ihn auf die Große Moskwa-Brücke in der Nähe des Kreml zu locken. Schirinowski hielt sich freilich nicht damit auf zu erklären, warum sich Kiews Schlapphüte ausgerechnet diese Brücke für diese etwas delikate Kommandoaktion ausgesucht hatten. Fairerweise ist anzumerken, dass Schirinowskis „Theorie“ nicht von den russischen Strafverfolgungsbehörden geteilt wird. Dies können Sie bspw. unschwer daran erkennen, dass die Moskauer Polizei Frau Duritskaja, Nemzows Begleiterin, bereits nach nicht einmal vier Tagen auf freien Fuß gesetzt hat und aus Russland ausreisen ließ. Die Ermittlungen, so Außenminister Lawrow, laufen „vollständig im Rahmen der Gesetze“.  


So läuft das nun einmal in Russland, weshalb Präsident Wladimir Putin selbst „besondere Kontrolle“ über die Ermittlungen hat, wie Lawrow ebenfalls, gleichsam als Verstärkung seiner Aussage, noch anzumerken weiß. Sie gehen in alle Richtungen, so dass die russischen Behörden auch „ukrainische Extremisten“ (wer immer dies sein mag) keineswegs als Tatverdächtige ausschließen. Freilich haben sie auch russische Rechtsextremisten im Auge, mithin einen Personenkreis, an den Schirinowski verständlicherweise weniger gedacht hat. Neben den islamistischen Terroristen halten die Ermittlungsbehörden zudem für möglich, dass Boris Nemzow einem „Mord aus kommerziellen Gründen“ zum Opfer gefallen sein könnte, womit sozusagen en passant vermeintliche Kontakte des Getöteten zum Mafiamilieu angedeutet werden.  


Auf jeden Fall sei mit diesem „abscheulichen Verbrechen“ (Lawrow) eine „Destabilisierung des Landes“ beabsichtigt. Auf keinen Fall habe der Mord irgendetwas mit Nemzows Kritik an Putin zu tun – was insofern verständlich ist, weil man ja andernfalls Herrn Putin kaum die besagte „besondere Kontrolle“ über die Ermittlungen hätte einräumen können. Und selbstredend ist der Umstand, dass der Newzow-Mord sich einreiht in eine ganze Serie politischer Attentate, die in den letzten Jahren prominente Putin-Gegner ins Jenseits befördert hatten, kein Beleg dafür, dass der russische Präsident höchstselbst in diese Machenschaften verstrickt wäre. Aber spätestens jetzt, da er persönlich eine „besondere Kontrolle“ über die behördliche Aufklärung des Mordfalls ausübt, sollte ihm aufgefallen sein, dass seine politischen Gegner in Lebensgefahr sind.  


Putin dürfte ebenfalls aufgefallen sein, dass, wie die angesehene russische Tageszeitung „Kommersant“ berichtet, die zahlreichen Überwachungskameras in der Nähe des Tatortes nicht in Betrieb gewesen sind. Sie waren ausgeschaltet, weil sie sie repariert werden sollten. Die Stadt Moskau wies diesen Bericht zurück, doch von der Tat selbst gibt es keine Videoaufzeichnungen. Bis auf diese eine, wo dieses Fahrzeug der Stadtwerke langsam hinter dem Paar herfährt und so die Sicht auf das Attentat verdeckt. Ein Reinigungsfahrzeug oder ein Schneepflug? Wie auch immer: den Kreml-Chef wird es freuen, dass sich Moskaus Stadtwerke selbst freitags abends auch kurz vor Mitternacht noch kümmern. Zumal es im Ergebnis doch egal ist, ob die Überwachungskameras ausgeschaltet sind oder statt des Mordes nur ein großes Fahrzeug zu „sehen“ bekommen.  


Es ist wirklich völlig egal. Die Große Moskwa-Brücke wird wegen ihrer Nähe zum Kreml ohnehin haarklein überwacht. Und dass ein prominenter Oppositioneller wie Nemzow unter lückenloser geheimdienstlicher Beobachtung steht, steht ebenfalls außer Frage. Unter lückenloser Beobachtung des russischen Geheimdienstes, versteht sich. Wladimir Schirinowskis Schuldzuweisung in Richtung des ukrainischen Geheimdienstes ist absolut lächerlich. Das weiß auch jeder. Weiter ist es angesichts der Faktenlage kaum vorstellbar, dass das Attentat auf Boris Nemzow hätte ausgeführt werden können, ohne dass Entscheidungsträger im Kreml zumindest aktiv weggesehen hätten. Die überwältigende Mehrheit der politischen Beobachter geht davon aus, dass Putin selbst nicht in diesen Coup verstrickt ist.  


Sollte dem so sein, ist Wladimir Putin in der Tat äußerst gut damit beraten, die Ermittlungen in Sachen Nemzow-Mord unter seine persönliche „besondere Kontrolle“ zu nehmen. Der Moskau-Korrespondent des "Guardian" hat kürzlich dargelegt, dass und wie – begünstigt durch den Krieg in der Ostukraine - russische Nationalisten und Faschisten ihren Einfluss im Kreml systematisch ausbauen. Anführer der Separatisten im Donbass sehnen den Moment herbei, in dem Putin stürzt und „Igor Strelkow als Kopf patriotischer Kräfte der Anführer“ wird. Dieser Igor heißt eigentlich nicht Strelkow (Pseudonym. Strelok = der Schütze), sondern Girkin und hält sich für den Führer einer „russisch-orthodoxen Armee im Dienste Gottes und des russischen Volkes“. Seine Heimat sei die „UdSSR von Brest bis Wladiwostok“. Antibolschewistisch natürlich, denn Girkin / Strelkow ist ein „Kämpfer der Weißen Bewegung“.  


Werner Jurga, 04.03.2015




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