Filmplakat Kehraus (1983)


"Lachen, das können die nicht. Das können nur wir!“

Deutsche Reaktionen


Donnerstag, 31. Oktober 2013. Menschenskind! 30 Jahre ist das schon her. Tja, je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit. 30 Jahre... - hätte ich nicht gedacht! Besser gesagt: nicht gefühlt. Wenn ich drüber nachdenke... - na klar. Vielleicht liegt es auch daran, dass dieser Film zeitlos ist. Nun ja; jedenfalls war das tatsächlich 1983, als er in die Kinos kam. Gerhard Polt: Kehraus. Großartig! Sollten Sie den – etwa aus Altergründen - noch nicht gesehen haben: unbedingt ansehen! Hier zum Beispiel. Eine Komödie; die Regie hatte Hanns Christian Müller, damals Ehemann von Gisela Schneeberger, der zweiten Hauptdarstellerin neben Polt. Und Kehraus – bei uns „Karnevalsdienstag“ - ist das große Faschingsfinale in Bayern. Lassen wir das! Es spielt keine Rolle.  


Das heißt: eine Szene aus diesem Film, die will ich Ihnen schon erzählen. Da ist der Gerhard Polt, also der Gabelstaplerfahrer Ferdinand Weitel, in der Zentrale dieses Versicherungskonzerns. Wegen Fasching ist niemand mehr da, außer der türkischen Putzfrau. Auf den Schreibtischen liegen Kopien mit Witzen, die auch Weitel (Polt) klasse findet. Den größten Brüller liest er der Putzhilfe vor, die allerdings der deutschen Sprache nicht so ganz mächtig ist. „Das ist ein Witz“, redet er auf sie ein. „Witzig. Lachen!“ Es ist zwecklos. Polt blickt in die Kamera, wendet sich an uns, um sein Fazit mitzuteilen: „Lachen, das können die nicht. Lachen, das können nur wir!“ Und freut sich, in der für ihn an sich unerfreulichen Gesamtsituation, wie ein Schneekönig.  


Ja schade! Man kann so etwas nicht so gut erzählen. Sie sollten sich den Streifen wirklich ansehen. Urkomisch, trotzdem ganz schön gruselig. Das passt doch auch ganz gut zu Halloween. Er spielt zwar an Karneval, äh: Fasching. Er passt aber wirklich besser zu Halloween. Eigentlich ist er nämlich grauenhaft, dieser Film. Obwohl er, wie gesagt, schon 30 Jahre alt ist. Ach, wieso „obwohl“? Andere Schocker sind noch älter, allerdings nicht so lustig. Insofern ist Kehraus der ideale Halloween-Film. Aber Halloween, falls Sie das – etwa aus Altergründen – nicht wissen sollten, gab es damals noch gar nicht. Jedenfalls nicht bei uns, und das muss reichen. Denn „Lachen, das können die nicht. Lachen, das können nur wir!“ Und astreine Witze reißen, versteht sich.  


Sogar die gute Margot Käßmann. Die findet zwar "Halloween ist Blödsinn", wie Sie Passauer Neuen Presse jetzt diktierte. Was erstens niemand ernsthaft bestreitet, und zweitens auch ganz schön witzig sein kann. Also Blödsinn.  Doch die Bischöfin muss sich über Halloween etwas despektierlich äußern, schon aus beruflichen Gründen, weil der 31. Oktober eigentlich als Reformationstag vorgemerkt ist, und der seinem Wesen nach etwas humorlose Protestant in dieser Sache nun mal partout keinen Spaß versteht. Nicht einmal die ulkige Protestantin, die ansonsten für jeden Spaß zu haben ist. Freiwillig oder unfreiwillig, zumeist Letzteres, aber immer urkomisch.  


Das Käßmann-Interview in der PNP – hier kostenpflichtig, aber auch sehr schön am Schluss dieses n-tv Berichts zusammengefasst: „Es gibt Grenzen. Schnüffeln in der Privatsphäre ist unerträglich". Herrlich! Oder dämlich; denn wir wissen doch immer noch nicht, wer seinerzeit neben der Schnapsdrossel am Steuer auf dem Beifahrersitz gesessen hat. Wir würden es aber so gern wissen, wollen aber nicht spekulieren, denn der Herr klagt recht schnell. „Käßmann: Ausschnüffeln ist unchristlich“ - ja, das glaube ich! Theologisch gesprochen: „Wenn Sie so wollen: Die Zehn Gebote verbieten Spionage.“ O-Ton Margot. Das kleine Geheimnis sei ihr gegönnt. Und irgendwie hat sie ja auch Recht: „Andere ausschnüffeln und bloßstellen ist unchristlich.“  


Aber süß ist sie ja, der deutschen Hausfrau Lieblingstheologin. Das achte Gebot im Alten Testament ("Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider Deinen Nächsten") bedeute, niemanden zu betrügen, zu belauschen oder zu belügen. Das achte Gebot also, sieh mal einer an! Und das fällt ihr ausgerechnet jetzt ein, wo gemunkelt wird, das Handy einer prominenten Pastorentochter aus dem deutschen Osten sei angezapft worden. Witzig. Lachen! Was hatte sie wohl gedacht, bis dato, was Geheimdienste denn so den ganzen Tag machen? Und was ist mit Gott? Ich meine: der liebe Gott sieht doch alles. Und dabei soll er überhaupt nichts hören? Also: Fernsehen mit Totaltonstörung? Allmächtiger! Gott persönlich reißt das achte Gebot.  


Andererseits, da muss ich den lieben Gott mal in Schutz nehmen: wenn er als Weltenrichter schließlich über jeden Einzelnen von uns ein mehr oder weniger faires Urteil zu fällen hat, dann muss der doch alle Infos vorliegen haben. Logisch. Und dass das mit dem jüngsten Gericht bei den evangelischen Spaßbremsen eine ungleich ernstere Angelegenheit ist als bei den katholischen Hallodris, weiß auch so ziemlich Jeder. Einmal vor Mamas und Papas Schlafzimmertür heimlich gelauscht, im Gegenzug drei Vaterunser und vier Gegrüßet seist du Maria, und schwupp: schon stimmt die Bilanz wieder. Logisch: so eine kleine Prise Reue gehört selbstverständlich dazu. Und das ist auch so ein Punkt, an dem es den NSA-Typen fehlt.  


Jetzt drehen die USA den Spieß um“, lesen wir in der Rheinischen Post, Achtung: „Ganz nach dem Motto: keine Reue zeigen." Reuelose Gesellen! Was lernen wir daraus: bei uns Germans sind nicht nur Politiker und Kirchenleute, sondern auch Journalisten extrem witzige Zeitgenossen. „Keine Reue zeigen“, urkomisch. Das haben die RP-Leute von den Österreichern, auch so Knallchargen. Also nicht das mit dem Reue Zeigen, sondern das mit dem Spieß Umdrehen. O-Ton Österreichische Nachrichten: „NSA dreht den Spieß um: `Europäische Partner halfen uns beim Bespitzeln´“. Ach so, mehr nicht? Entschuldigung, „Spieß Umdrehen“ ist aber etwas Anderes. Wie soll ich das jetzt erklären? Mmhh... - Den Spieß umdrehen, das wäre...  


Etwa das, was die Bildzeitung schon vor einer Woche in fetter Schlagzeile heraus posaunt hatte: "Auch deutscher Geheimdienst hört Handys in Amerika ab". Der Fernsehsender N24, ebenfalls Springer, brachte die etwas bildmäßigere Überschrift: "Der BND spitzelt zurück". Das können die nicht. Lachen, das können nur wir. Jetzt soll die NSA auch noch den Papst abgehört haben („Auch der Papst ist nicht heilig“, ebenfalls N24). Klar, bei diesem Sündenregister zuzüglich fehlender Reue. Geht uns aber nichts an, alles keine Deutschen! Wir müssen unser Ding machen. Unser im Zweifel linker, deutschnationaler Frontkämpfer hat es am Montag gesagt. Ich habe es Ihnen am Mittwoch erzählt: „Die richtige politische Antwort steht noch aus.“  


Doch jetzt – endlich, endlich – ist es so weit! „Deutschland rüstet sich zum Gegenangriff“, wie schön! Sie haben richtig geraten: wieder eine Überschrift von N24. Nix da „Jetzt wird erst mal das unsinnige Ritual der Verharmlosung, das wir im Sommer erlebt haben, durch das ebenso unsinnige Ritual der leeren Drohungen ersetzt“ (Augstein). Nix, jetzt wird Ernst gemacht! Germany bietet seinen furchtlosesten Kämpfer auf: Peter Schaar, Bundesdatenschutzbeauftragter. Er kündigte gestern auf fast allen Radiostationen an, ich selbst hatte das Vergnügen, ihm auf WDR 2 lauschen zu dürfen: „Auch die Freihandelszone gibt es nicht zum Nulltarif." So, Ihr gemeinen Yankees! Damit hättet Ihr wohl nicht gerechnet. Now it´s payback-time!  


Ihr braucht doch den Welthandel, wir doch nicht. Ihr habt doch so gut wie keinen Binnenmarkt. Wir dagegen... - Exporte, uns doch egal! Okay, Ihr Amis hättet die Verhandlungen zum Nulltarif haben können. Damit ist jetzt natürlich Schluss. Ihr zahlt. Schon zur Strafe. Der Peter Schaar! Zum Beömmeln. So doof ist der Augstein nicht, Kunststück! „Es wäre genauso falsch, das Freihandelsabkommen zu stoppen. Warum sollte Deutschland seinen Wirtschaftsinteressen schaden, um seine Rechtsinteressen zu verteidigen?“ (Augstein) Echt, der Typ passt mir nicht. Aber am Schaar habe ich meinen Spaß.„Das ist ein Witz. Witzig. Lachen! - Lachen, das können die nicht. Lachen, das können nur wir!“  


Werner Jurga, 31.10.2013



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