Pegida von links 

Patrioten gegen TTIP


Dienstag, 24. Februar 2015. Der Rechte an sich, und naturgemäß auch die Rechte, „ist stolz darauf, ein Deutscher zu sein“. Jeder für sich, logisch, ganz individuell. Deshalb sind diesbezüglich auch Differenzierungen nicht nur möglich, sondern durchaus ganz gern gesehen. Wenn man es zum Beispiel etwas unverdächtiger oder, sagen wir mal, staatstragender möchte, kann man diesem Stolz dadurch Ausdruck verleihen, dass man eine deutsche Leitkultur fordert. Oder wenn man bspw. Bayern seine Heimat nennt, reicht ein einfaches „Mia san mia“ als Bekenntnis glattweg aus. Dass man als Patriotischer Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes ist, versteht sich im Grunde von selbst. Wenn man rein bewusstseinsmäßig schon so weit ist, dass man darüber hinaus auch noch gegen die Amerikanisierung des Abendlandes zu Felde zieht, dann ist man wirklich schon ziemlich weit rechts. Oder eben links, das kommt ganz darauf an...  


Der Linke an sich, natürlich auch die Linke, ist für eine multikulturelle Gesellschaft. Und weil er in aller Regel der Ansicht ist, sie bereits vorzufinden, ist er durchaus stolz darauf, ein Mitglied von Multikulti sein zu dürfen. Die Kurzform „Multikulti“ wird in diesen Kreisen recht gern benutzt. Auf jeden Fall, weil sie so süß klingt. So süß wie einem diese Menschen vorkommen mit dieser vollkommen anderen Mentalität. Vielleicht aber auch, weil „Multikulti“ nicht ganz so streng nach Apartheid riecht wie die sperrige Langform „multikulturelle Gesellschaft“. Separate but equal – gewiss, das weckt düstere Assoziationen; andererseits: wie soll man das denn sonst machen?! Man könnte ja schlecht alle über hundert in Duisburg lebenden Nationalitäten in ein einziges Viertel pferchen. Das gäbe doch nur nichts als Ärger und, was noch schlimmer wäre: Aus und vorbei wäre es mit der Schönheit unserer multikulturellen Gesellschaft.  


In jedem Straßenzug ein und derselbe Einheitsbrei? Das kann nun wirklich niemand wollen. Vielfalt statt Einfalt, lautet das Motto. Abgesehen davon: wo gibt es denn sowas, dass völlig verschiedenartige Menschen sozusagen wie Nachbarn miteinander wohnen? Gut, vielleicht noch in Hochfeld, wo den letzten übrig gebliebenen stolzen Deutschen das für einen Umzug nötige Kleingeld fehlt. Sicher, ein paar Ecken weiter wohnen finanziell etwas besser ausgestattete Multikulti-Fans zwecks Verwirklichung ihrer kulturellen Grundüberzeugungen zu vergleichsweise niedrigen Preisen. Jedoch nicht preisgünstig genug, um als stolzer Deutscher oder auch als süßer Einwanderer das Multikulti-Idyll über Gebühr stören zu können. Vielfalt statt Einfalt. Das ist für uns ein Teil unserer Identität geworden. Ein wertvolles Stück Heimat, das es sich lohnt zu verteidigen. Auch und gerade gegen die Amerikaner, diese absolut kulturlosen Imperialisten, die alles, aber auch alles...  


TTIP zum Beispiel. Ich denke, Sie wissen Bescheid. Ich denke ferner: Sie sind dagegen. Ich denke außerdem: Sie wissen nicht, was das bedeutet. Das, also sie, also die Abkürzung, wofür sie steht. Machen Sie sich nichts draus: das wissen die meisten Bundestagsabgeordneten auch nicht. Es reicht durchaus, wenn Sie so ein bisschen Bescheid wissen, und, das ist das Wichtigste, volle Kanne dagegen sind. Und wie man es ausspricht. Ti-Tip, ist klar. Katja Kipping sagte neulich Ti-Ti-Ei-Pi – very cool, fand ich gut. Können Sie auch machen, gibt durchaus etwas her, wie ich finde – das Wichtigste aber: Sie müssen schon dagegen sein. Warum Sie dagegen sind, ist dagegen ziemlich egal. Die Kultur natürlich, die macht sich immer ganz gut. Damit stehen Sie schon mal auf der kulturellen Seiten. Denn „rennt die goldene Horde mit der Mickymaus im Schild in dies Tal, dann hilft uns auch kein Traum, und sei der noch so wild“, wusste damals auch schon der gute alte Degenhardt zu warnen.  


Das „Transatlantic Trade and Investment Partnership“- Abkommen brächte jedenfalls einen „Schaden für die Kulturlandschaft“ mit sich, heißt es auch in einem wissenschaftlichen Gutachten, das die Bundestagsfraktion der Grünen in Auftrag gegeben hat. Na also! Zumal immer mehr Deutsche gegen TTIP sind, die überwältigende Mehrheit. Spätestens hieran können Sie erkennen, dass wir es mit einem Kulturkampf zu tun haben. Ein Volk, und zwar nicht irgendein Volk, kämpft um seine Identität. Faszinierend. Hier geht es um mehr als nur „Multikulti“. Klar, das ist für sich genommen schon wichtig genug; das kennen so Amerikaner überhaupt nicht. Doch das ist nicht alles. Es geht hier um Prinzipielles! Bekommen wir demnächst Schwarzwälder Kirsch aus Texas? Kann uns der Amerikaner in Zukunft nicht allein nur abhören, sondern auch noch genmanipulieren? Es geht ans Eingemachte. Es geht, wie gesagt, um unsere Identität. Wer sind wir denn?!  


Richtig: zuerst und vor allem Verbraucher. Ja, haben Sie darüber schon einmal nachgedacht? Wir sind doch alle Verbraucher. Kunden! Eigentlich sollte man als ein solcher ja König sein. Stattdessen werden wir, spätestens seitdem wir den Krieg verloren haben, tagein tagaus gezwungen, zuckerhaltige braune Brause in uns reinzuschütten und in Matschbrötchen gepapptes Hackfleisch zu verschlingen. Das kann doch gar nicht gesund sein. Dass die da auf der anderen Seite des großen Teiches überhaupt noch leben! Man kann sich nur wundern. Überlegen Sie sich nur einmal: Chlorhühnchen. Für so ein Huhn ist das bestimmt auch nicht schön. Aber einmal ganz abgesehen vom Tierschutz: Chlor! Das ist doch giftig. Krebserregend und alles. So etwas gehört ins Schwimmbad, meinetwegen auch ins Leitungswasser (die Münchener und Berliner werden schon wissen warum), aber das muss man doch von Lebensmitteln fernhalten.  


Deshalb ist die Chlorung von Schlachthähnchen in der EU auch verboten. Und da wollen jetzt die Amis via TTIP dran. Sie würden schließlich das Chlor wieder von dem Geflügel abspülen, sagen sie. Ja toll. Und was ist, wenn doch mal etwas von diesem hochreaktiven Element an dem leckeren Fleisch dran bleibt?! Zumal das völlig unnötig ist. Wir z.B. pumpen die Viecher mit Antibiotika voll, damit die armen Tiere auch auf engstem Raum gesund wachsen und gedeihen können. Und die Kunden werden nicht einmal theoretisch der Gefahr ausgesetzt, Chlor futtern zu müssen, sondern erhalten ganz praktisch den für die lieben Tierchen aufgewandten antibiotischen Schutz gleich mit. Mäßig, aber regelmäßig. Das nenne ich Verbraucherschutz. Prophylaktisch, vorbeugend – dagegen muss in den USA der Verbraucher erst mühsam klagen, um an sein Recht zu kommen. Und zwar erst, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist.  


Nun gut, so ein Fall ist mir nicht bekannt, es ist halt so eine Redensart. Aber so einiges ist tatsächlich passiert in diesem Land, in dem Verbraucherschutz ein Fremdwort ist. McDonalds zum Beispiel hatte viel zu heißen Kaffee verkauft, und nicht einmal davor gewarnt. Zack, schon hatte sich ein argloser Kunde den Mund verbrannt. Oder ein Elektrogerätehersteller: der erzielte seine Superprofite damit, dass er an den Kosten für die Gebrauchsanleitungen gespart hatte. Ein oberflächliches, sinnloses Zeug, das auf die großen Gefahren der Mikrowellen überhaupt nicht eingegangen ist. Bis dann eine ältere Dame ihren Wellensittich zum Trocknen in eben so einen Mikrowellenherd gestellt hatte. Ein männlicher Amerikaner war Kettenraucher, bis dann seine Frau zur Witwe wurde und, wodurch auch immer, dahinter kam, dass der Lungenkrebs ihres Verblichenen auch mit dessen Vorliebe für den Tabakgenuss zu tun gehabt haben könnte.  Alles echt passiert, wirklich wahr, tragisch...


Na sicher, all diese Betroffenen sind mit Millionen Dollar entschädigt worden. Aber was heißt das schon? Kann es jemals mit Geld wiedergutgemacht werden, wenn der Gatte und / oder der Wellensittich nicht mehr da sind? Kann irgendjemand den Schmerz ermessen, wenn man sich am heißen Kaffee die Schnauze verbrannt hat? Aber so sind sie, die Amis. Meinen, mit Geld gehe alles. Verbraucherschutz – piep egal, zur Not wird eben ein kleines Ordnungsgeld abgedrückt. Recht und Gesetz – kommen überhaupt nicht in Frage. Deswegen soll im TTIP stehen, dass demnächst die US-Kapitalisten unsere unschuldigen europäischen Länder vor „Sondergerichten“ verklagen dürfen. Gut, anders herum ginge dies freilich auch, soll aber hier keine Rolle spielen. Wenn Sie mich fragen: das Beste wird sein, Sie konzentrieren ihre Kritik an TTIP auf eben diese „Sondergerichte“.  


Es ist leider so: diese Chlorhühnchen verfangen nicht mehr so richtig. Und bei der Kultur haben Sie, ohne dass Sie sich versehen, die Colatrinker und Hollywoodfans gegen sich. Dagegen diese „Sondergerichte“ - eine gute Sache. Schon das Wort klingt so schön nach Hitler, Stalin und Genickschuss. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie jemanden im Bekanntenkreis haben, der für „Sondergerichte“ ist. Sie müssen auch nicht jedes Mal „Sondergerichte“ sagen. Nicht, dass es noch heißt, Sie agitierten. Sagen Sie ruhig auch mal "Schiedsgerichte, die den Rechtsstaat aushöhlen". Geht auch. Mit der Gegenfrage, vor welchem Gericht denn dann entsprechende Streitigkeiten verhandelt werden sollten, brauchen Sie m.E. nicht zu rechnen. Und falls sie doch kommt, sagen Sie als treuer Verfechter des Rechtsstaates einfach: natürlich ein ordentliches Gericht im Land des Absatzmarktes. Das wäre freilich den Gesetzen dieses Landes und eben nicht TTIP verpflichtet.  


Na klar, dann bräuchte man erst gar kein Freihandelsabkommen zu machen. Aber das ist ja gerade der Sinn Ihres Einspruchs. Gegen TTIP, kein Freihandelsabkommen mit den USA. Gut, dass ausgerechnet die Deutschen, also die aggressivsten Exporteure dieses Planeten, auf einmal etwas gegen den Freihandel einzuwenden haben. Aber bitte... - mit diesen „Sondergerichten“, um noch einmal darauf hinzuweisen, würden Sie jedenfalls rein argumentativ voll im Trend liegen. Das mit der Aushöhlung des Rechtsstaates ist inzwischen der echte Hit geworden. Langsam, aber gewaltig. Die Linken haben eine Weile gebraucht, bis sie das entdeckt hatten. Aber jetzt geht diese Sache, wenn ich es mal so salopp formulieren darf, ab wie ein Zäpfchen. Das ist aber auch ganz schön links – gegen Investoren und so, Klassenjustiz und alles. Sollte man jedenfalls meinen. Wenn nur diese Beatrix von Storch nicht schon viel früher dahinter gekommen wäre. Viel Spaß noch beim Googeln!  


Werner Jurga, 24.02.2015




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