Schäuble flippt aus

Ein Hauch von „Grexit“



Freitag, 20. Februar 2015. Die Erwartungen an einen Artikel in einem Blog sind in aller Regel höher als die an einen Kommentar zu einem Artikel und / oder in einer Facebook-Gruppe. Deshalb gebe ich mir für einen Artikel wie etwa diesen hier mehr Mühe als für einen Diskussionsbeitrag irgendwo im Internet.


Selbst die Verarbeitung des einen oder anderen Beitrags zu einem Artikel ist, wenn das Resultat halbwegs vertretbar sein soll, mit Aufwand verbunden. Dies ist ein Grund dafür, dass ich hier bislang noch nichts zu dem Konflikt zwischen Athen und Berlin geschrieben habe, der seit der Wahl der neuen griechischen Regierung die Schlagzeilen nicht nur hierzulande fast noch stärker dominiert als der Krieg in der Ukraine. Der andere Grund besteht darin, dass ich mir sicher gewesen bin, dass letztlich, wenngleich im letzten Moment, ein Kompromiss vereinbart würde, der die Meinungsverschiedenheiten um die Finanzierung des Staates Griechenland zwar nicht dauerhaft zu lösen vermag, der aber das Problem auf eine etwas längere Bank schiebt, womit erst einmal – sagen wir: für ein halbes Jahr – der Druck aus dem Kessel genommen wäre. Davon gehe ich nach wie vor aus, allerdings bin ich mir da seit gestern nicht mehr so sicher.  


In den letzten Tagen und Wochen habe ich mich im Internet an Diskussionen über die Syriza-Regierung und deren Weigerung, die Bedingungen des Troika-Schuldenregiments auch weiterhin zu akzeptieren, beteiligt. Ich habe jedoch nicht die Zeit dafür gefunden, meine in diesen Kommentare geäußerten Gedanken zu einem Artikel zu verdichten. Ich habe ja nicht einmal etwas Aktuelles zum Krieg in der Ukraine geschrieben. Aber Hellas? Was soll ich mir die Arbeit machen, hatte ich mich gefragt, wenn sich das ganze Theater in ein paar Tagen ohnehin in Luft auflöst. Zumal mir, vielleicht ist das ein dritter Grund für mein bisheriges Schweigen, die neue griechische Links-Rechts-Koalition nun wahrlich nicht so sehr gefällt, dass ich einen Anlass gesehen hätte, mich für sie zu verwenden. Wenn ich aber nichts zur Syriza-Anel-Koalition in Griechenland schreibe, und danach stand und steht mir nicht der Sinn, wäre nur das Thema Währungsunion geblieben.  


Wenn Sie meine grundsätzliche Position zum Euro oder zur hellenischen Verschuldung oder so erfahren möchten, bitte gern: geben Sie einfach meinen Namen, also Jurga, und als Suchbegriff „Griechenland“ und / oder Euro bei Google ein, und schon haben Sie eine Weile etwas zu lesen. Sehen Sie mir bitte nach, falls Ihnen das jetzt zu schnodderig oder gar zu arrogant gewesen sein sollte! Ich hatte einfach keine Lust, zu der zugegebenermaßen durchaus unterhaltsamen Halbstarken-Rauferei der Herren Finanzminister Schäuble und Varoufakis auch noch meinen Senf hinzuzugeben. Stammleser werden mir zubilligen, dass ich dies wohl gekonnt hätte. Einige werden verstehen, dass ich dies nun echt nicht gewollt habe. Daran hat sich nichts geändert. Ich mag auch jetzt noch nicht. Allerdings hat sich etwas verändert, und zwar genau genommen gestern, und das ist, wenn ich ehrlich bin, genau genommen noch wichtiger ist als die Auswirkungen dieses Affentheaters auf mein Gemüt.  


Gestern, also sozusagen auf dem allerletzten Drücker, hat Griechenlands Finanzminister Varoufakis den lange erwarteten Brief an Eurogruppen-Chef Dijsselbloem geschrieben. Dijsselbloem, dessen Verhältnis zu Varoufakis für jedermann erkennbar noch weiter verbessert werden könnte, hat sich über den Erhalt des Briefes erleichtert und über dessen Inhalt zufrieden geäußert. Die EU-Kommission, mit deren Präsidenten Juncker der Text abgesprochen gewesen sein soll, zeigte ich sogar sehr zufrieden. Deutschlands Finanzminister Schäuble hat jedoch unverzüglich, wenngleich naheliegenderweise später als Brüssel, das Schreiben aus Athen als für unvereinbar mit den Euro-Regeln abgekanzelt. Damit erreicht die seit Tsipras´ Amtseinführung eskalierende Krise der deutsch-griechischen Beziehungen den – nicht nur von mir nicht so erwarteten – Höhepunkt. Die Finanzminister der Eurozone werden heute ab 15 Uhr versuchen, den Konflikt beizulegen.  


Wie bereits erwähnt, rechne ich damit, dass ein Kompromiss gefunden wird. In diesem Fall dürfte es, wie so oft in Brüssel, eine lange Nacht werden. Ich räume jedoch ein, dass mir mittlerweile die Phantasie fehlt, mir vorzustellen, wie eine solche Einigung aussehen könnte. Nachdem alles, was irgendwie denkbar erschienen war, von Berlin zügig vom Tisch gewischt wurde. Insofern ist auch ein Scheitern des heute Nachmittag beginnenden Finanzministertreffens nicht völlig auszuschließen. Vielleicht wissen Sie, dass sich alle sachkundigen Beobachter in dieser Einschätzung einig sind. Sehen Sie mir bitte nach, dass auch mir nichts bleibt, als mich dieser Lagebeurteilung anzuschließen. Es gibt Dinge, die sind so wichtig, so einschneidend, dass sie erwähnt werden müssen. Sogar dann, wenn es sowieso jeder Zweite von der Straße weiß. In diesem, wie ich finde unwahrscheinlichen, Fall wäre selbst der sog. „Grexit“, also Hellas´ Ausscheiden aus der Währungsunion, möglich.  


Das Risiko ist hoch. Die Höhe eines Risikos bemisst sich aus dem Produkt, also aus der Multiplikation Wahrscheinlichkeit mal Konsequenzen. Die Risikowahrscheinlichkeit beträgt m.E. keine 50 %, von unwahrscheinlich, also Risiko nahe Null, kann aber wirklich keine Rede mehr sein. Die Folgen eines „Grexit“ wären nicht absehbar, aber unermesslich hoch. Sie werden aus Kreisen der Bundesregierung und von einigen deutschen Ökonomen als beherrschbar dargestellt. Dies ist aber unzutreffend. Um nur eine Konsequenz anzudeuten: schon vor der Abwicklung des „Grexit“, die technisch ebenso ungeklärt wie mühevoll wäre, nähme sich die „internationale Spekulation“ eines weiteres Euro-Krisenlandes, vermutlich Portugals, an, um die Belastbarkeit der EZB zu „testen“. Keine Zentralbank der Welt könnte die portugiesischen Staatsanleihen vor ihrer „Verschrottung“ retten.  


Folglich verließe Portugal abermals den Kapitalmarkt und begäbe sich erneut unter die Fittiche des ESM. Diese unmittelbare Folge des „Grexit“ wäre freilich, genau wie er selbst, für die Euro-Währungsunion „verkraftbar“, wie das neue Zauberwort der größenwahnsinnigen Hasardeure in ihrer Landessprache heißt. Doch wenn spätestens dann Spanien oder gar Italien oder erst recht Frankreich auf den Bondmärkten in ihre Einzelteile zerlegt werden, wird es sich aus-verkraftet haben. Adieu Euro! Ganz ohne Schäuble im zynischen Wichtigtuer-Modus, ganz ohne die dynamischen kleinen Jungs in seinem Windschatten – einfach so auf den Anzeigetafeln der computergestützten Anleihemärkte. Großes Euro-Land pleite. Danke, das war´s. Griechenland, das von der Eurozone verstoßene kleine Urlaubsinsel-Paradies am südöstlichen Rand, hätte dann schon seine Pleite überwunden. Und das, obwohl doch alles so rasend schnell ginge. Einfach deshalb, weil geneigte Financiers an der Wiege des Abendlandes nur so Schlange stehen.  


Werner Jurga, 20.02.2015




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