Bündnis gegen Rechts Braunschweig


Tolle Tage überstanden  


Jetzt locker weiter gegen Rechts


Donnerstag, 19. Februar 2015. Geschafft! Wieder einmal haben wir die tollen Tage überstanden. Der eine so, die andere so. Es ist aber auch nicht leicht. Denn ausgerechnet zur fünften Jahreszeit, wenn der Sinn hierzulande mal nicht nach Politik, geschweige denn nach Krieg und Terror steht, werden andere so richtig jeck. 1991 zum Beispiel, Golfkrieg Eins, wenn man den Iran-Irak-Krieg zuvor nicht mitrechnet: da ist aus Gründen der Pietät der Karneval gleich ganz ausgefallen. Die Rosenmontagszüge wurden komplett abgesagt. Gut, ganz so dicke ist es seither nicht mehr gekommen. Aber fast. Ständig versuchen irgendwelche Spaßbremsen, uns die kalendarisch gebotene Feierstimmung zu vermiesen. Im letzten Jahr, als wir gerade so richtig loslegen wollten: der Russe kommt! Und das Tollste: der hört gar nicht auf, der kommt immer noch. Sie haben das ja wahrscheinlich mitgekriegt: der ist irgendwo in der Ukraine stecken geblieben, der Russe. 


Gut, könnten wir sagen. Schade für ihn, aber gut für uns. Denn dann können wir ja in aller Ruhe feiern. So jeck wie 1991, dass wir den Karneval abblasen, nur weil irgendwo in der Welt herumgeballert wird, sind wir natürlich nicht mehr. Die Welt hat sich verändert. Wenn es also danach ginge... - tja, dann müsste man zum Lachen echt in den Keller gehen. Heutzutage ist ja immer mal irgendwo irgendetwas. Also ging das in diesem Jahr auch wieder richtig ab. Am Rhein. Und am Main und an der Isar. Aber, haben Sie das mitbekommen? Nicht in Braunschweig. Dort ist, wie es etwa beim NDR heißt, „der größte Karnevalsumzug Norddeutschlands … wegen einer Terrorwarnung zwei Stunden vor dem geplanten Start abgesagt worden. Am Abend zuvor hatten Sicherheitsbehörden die Braunschweiger Polizei darüber informiert, dass ein Informant aus der islamistischen Szene Hinweise auf einen konkreten Anschlag auf den Schoduvel gegeben habe.“  


Um ehrlich zu sein: ich mache mir überhaupt nichts aus Karneval. Aber dennoch, da hat Alexander Kissler völlig Recht, wenn er auf Cicero Online anmerkt: „Die Terrorwarnung zum Braunschweiger Karneval wirkt nach. Denn wenn ein Staat weder die Sicherheit noch die Freiheit seiner Bürger schützen kann, verliert er seine Funktion.“ Zumal es nicht das erste Mal ist, dass ein „Hinweis auf einen konkreten Anschlag“ dazu geführt hat, dass demokratische Grundrechte leider außer Kraft gesetzt werden mussten. Am 19.Januar ist in Dresden mit der gleichen Begründung der montägliche „Spaziergang“ der Pegida-Bewegung untersagt worden. Und, da man einmal dabei war, die entsprechenden Gegen-demonstrationen gleich mit. In der Tat: ein Staat, der seine Aufgabe darin sieht, die Verbote islamistischer Terroristen bekannt zu geben und durchzusetzen, hat zumindest seine ursprünglich einmal angedachte Funktion verloren.  


Das „Bündnis gegen Rechts Braunschweig“ sorgt sich jetzt, dass diese „Bedrohung aller Menschen dieser Stadt... dazu missbraucht werden (könnte), um Hass gegen unsere Mitmenschen muslimischen Glaubens zu schüren.“ Nun war mir zwar neu, dass die Braunschweiger überhaupt Karneval feiern. Was ich freilich hätte wissen können, wenn ich mich ein wenig mehr für Karneval interessierte. Aber dass es sogar in Braunschweig Menschen gibt, die für die rassistische Stimmungsmache von Pegida und Konsorten anfällig sind, glaube ich unbesehen. Auf einem völlig anderen Blatt steht allerdings, ob man „unseren Mitmenschen muslimischen Glaubens“ wirklich einen Gefallen damit tut, sie, und zwar ausnahmslos alle, auf den selbigen, nämlich auf ihren „Glauben“ zu reduzieren. Als wenn sich die Pegida-Rassisten für irgendwelche Glaubensfragen interessierten! Als ob sie sich von dem Sozialarbeiter-Gequater über „unsere Mitmenschen muslimischen Glaubens“ zu einer Nächstenliebe à la „Bündnis gegen Rechts“ bekehren ließen!  


In dem „Aufruf des Bündnisses gegen Rechts gegen Bragida“ heißt es: „Wir sagen NEIN zu (antimuslimischem) Rassismus, Rassismus und der Diskriminierung von Flüchtlingen, aber auch zu religiösem Fundamentalismus – egal ob er sich christlich, islamisch oder sonst wie nennt.“ Wie schön: wir sind die Guten; denn wir sind gut zu „unseren Mitmenschen muslimischen Glaubens“ wie auch zu den Flüchtlingen, die vermutlich auch irgendwie islamisch sind, auf jeden Fall aber diskriminiert werden. Wo hingegen die Rassisten meinen, dass die alles in den Allerwertesten geschoben bekommen, wie überhaupt unser Weltbild dem von Pegida und Konsorten weitgehend entspricht, nur eben umgekehrt oder sagen wir mal: spiegelverkehrt, also spiegelrichtig. Wieso muss eigentlich, wenn Juden ermordet werden... - oh Verzeihung: ich hatte ganz vergessen zu erwähnen, dass sich der ganze karnevalsabträgliche Ärger im Gefolge der Judenmorde von Paris und Kopenhagen ereignet hat.  


Ja sorry. Ist hiermit aber nachgeholt worden. Ich war stehen geblieben bei der Frage: Wieso muss eigentlich, wenn Juden ermordet werden, hervorgehoben werden, dass man insbesondere gegen den "antimuslimischen Rassismus" ist? Welcher Rasse, oder sagen wir besser: welcher Ethnie gehören eigentlich "die" Muslime an? Die Bosniaken und Indonesier, die Kosovaren und Sudanesen? Und: wer von diesen Gegen-Rechts-Fightern ist eigentlich auf die Formulierung gekommen „christlich, islamisch oder sonst wie“? Zum Schluss, nur damit mir die Duisburger Anti-Rechts-Kameraden nur nicht „Chauvinismus gegenüber Muslimen“ vorwerfen, der „anschlussfähig an Pegida-Positionen“ sei: ich weiß, dass meine türkischen und türkischstämmigen Nachbarn und Freunde (ja, habe ich – stellt Euch vor!) nichts mit diesen dschihadistischen Mördern zu tun haben, sie aber dennoch mal mehr, mal weniger diskriminiert werden. Manchmal noch schlimmer als mit Redensarten von „unseren Mitmenschen muslimischen Glaubens“. Juden aber sind wirklich in Gefahr.  


Werner Jurga, 17.02.2015