Im Zweifel die Parenthese

Deutschland am Erwachen



Dienstag, 29. Oktober 2013. Na, das war doch klar! Wenn die gesamte politische Klasse – von Gysi (Oppositionsführer in spe, ortet bei den USA „Weltmachtallüren“) bis Kauder (Regierungsführer schon jetzt, beklagt sich über „Weltmachtgehabe“ der USA) inklusive aller dazwischen gelagerten rot-grünen Varianten – das nationale Erwachen via US-Bashing zum Gebot der Stunde erhebt, dann müssen diejenigen, deren feuchteste Träume dadurch in Erfüllung gegangen sind, noch ein ordentliches Schüppchen drauflegen. Und das Maulheldentum unserer völlig verweichlichten politischen Klasse nach Strich und Faden geißeln. Schließlich ist das doch alles kalter Kaffee; denn „die richtige politische Antwort steht noch aus. Jetzt wird erst mal das unsinnige Ritual der Verharmlosung, das wir im Sommer erlebt haben, durch das ebenso unsinnige Ritual der leeren Drohungen ersetzt.“  


Na ja, gut: „erst mal“ - die Hoffnung stirbt zuletzt. Hoffnung allein aber genügt nicht. Man muss es aufrütteln, das Vaterland, auf dass es endlich erwache. Höret also zu, deutsche Volksgenossen: „Es ist Zeit, die Nostalgie der Nachkriegsjahre hinter sich zu lassen. Unsere Sehnsucht nach Westen endet am Kap Finisterre.“ Das ist da in Spanien, ganz oben links. Kap Finisterre – und da soll schon unsere Sehnsucht enden?! Das wäre aber finster. Ein Volk, das sich keine Ziele setzt, ist zum Untergang verurteilt. Kap Finisterre – da lachen doch die Hühner! Aber es ist, wie es ist: „Deutschland hat Europa - und sonst nichts.“ Nun gut, das ist brutal formuliert. Aber darin besteht nun einmal die vordringliche Aufgabe eines kritischen Journalisten: schonungslose Aufklärung. Und wer die nicht vertragen kann, der ist meiner Meinung nach sowieso nicht kriegstauglich.  


Krieg, das ist nicht schön, das brauchen Sie mir nicht zu erzählen – und ihm, dem kritischen Journalisten schon mal überhaupt nicht. Aber leider, leider... - man kann es sich nicht immer aussuchen. „Amerika wähnt sich im Krieg und kennt dabei keine Verbündeten mehr.“ Dumme Sache; aber so ist das: es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Deutschland, erwache! „Die Zeit der Nachkriegs-Nostalgie ist vorüber.“ Logisch. Entschuldigung! Ja, und jetzt? Was müssen wir jetzt tun? Sag es uns, Meister! „Europa und Deutschland müssen ihre Interessen selber schützen - und technologisch aufrüsten.“ Ja stimmt, hätten wir eigentlich selbst drauf kommen können. Andererseits: gegen die USA? Kommt das nicht ein bisschen plötzlich? „Sind wir nicht mit ihnen nach Afghanistan in den Krieg gezogen? Sind wir nicht dort auch mit ihnen gestorben?“  


Nun ja, es ist nicht jeder von uns gestorben. Aber trotzdem: so etwas verbindet doch auch ganz schön. „Und sie trampeln doch auf uns herum?“ - Ach! Tun sie das? Die Amerikaner? Das ist natürlich nicht schön. Na, das brauchen wir uns aber nicht gefallen zu lassen, dass die auf uns herum trampeln. Wir sind doch ein souveräner Staat. „Wir sind keineswegs souverän. Ein souveräner Staat ließe sich die Überwachung aller Bürger durch eine fremde Macht nicht gefallen - schon gar nicht die der Bundeskanzlerin.“ Ja, mein Reden! Na gut, dann rüsten wir uns jetzt eben gegen die USA. Sicherheitshalber doch noch einmal die Frage: kommt das nicht ein bisschen plötzlich? Was meinen Sie, Herr Journalist? „Wenn sich die Umstände ändern, werden die Karten neu gemischt. Weder Frankreich noch Deutschland haben den Amerikanern die Gefolgschaft gekündigt. Die USA haben der Vernunft gekündigt.“  


Aha, ich verstehe: Karten neu mischen! Geänderte Umstände. Zwar haben wir denen nicht gekündigt, und die nicht direkt uns. Aber sie haben der Vernunft gekündigt; und die Vernunft, das weiß ja jeder, das sind wir. Dagegen sind „die USA inzwischen ein totalitärer Staat“ - da staunen Sie, was? Okay: „in dem Sinne, dass ihr Anspruch auf Sicherheit absolut und allumfassend ist“. Aber trotzdem, wir merken uns einfach: „die USA sind inzwischen ein totalitärer Staat“. All dies erzählt uns Jakob Augstein, Freitag-Herausgeber, einem breiteren Publikum bekannt geworden als Antisemitismuspreisträger, in seiner wöchentlichen Kolumne auf Spiegel Online. „Im Zweifel links“ nennt er sie; doch Augstein ist nicht der Typ, der Zweifel hat. Man sieht es an der klaren Ansage im Schlusssatz: „Angela Merkel muss - technologisch – aufrüsten.“ Im Zweifel die Parenthese.  


Werner Jurga, 29.10.2013



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