Sigmar Gabriel im Gespräch




Privatmann Sigmar Gabriel


"wollte nur mal zuhören"


Sonntag, 25. Januar 2015. Er sei „als Privatmann“ erschienen, hat er gesagt, der Sigmar Gabriel. Deshalb hat er auch den feinen Zwirn im Kleiderschrank gelassen und sich stattdessen in die Freizeitklamotten gehauen. So wurde auch für jede und jeden nach außen sichtbar: hier sitzt weder der Bundes-wirtschaftsminister noch der Vizekanzler noch, was in diesem Fall am bedeutsamsten ist, sorry: wäre 
– der SPD-Vorsitzende, sondern nur eine – weitere – Privatperson. „Hier“ ist das Stadtmuseum Dresden, in dem am Freitagabend Sigmar Gabriel ganz überraschend erschienen ist. Die sächsische Landeszentrale für politische Bildung hatte, was auch schon skandalös genug, hier aber nicht das Thema ist, zu einem „Dialog zwischen Pegida-Befürwortern und -Gegnern“ eingeladen. Privatmann Gabriel „wollte nur mal zuhören" – in Freizeitkluft, versteht sich, was die Frage aufwirft: hatte Sigmar diese zwanglose Kleidung an seinem Arbeitsplatz in Berlin vorrätig oder musste der Chauffeur auf der Tour nach Dresden wegen dieser Äußerlich-keiten extra den nicht ganz unerheblichen Umweg über den Heimatort Goslar fahren?  


Leider ist hier auch dies nicht das Thema, um welche dieser beiden Varianten es wohl gehandelt haben mag. Was schon allein deswegen sehr bedauerlich ist, weil es mir große Freude bereitet hätte, Abhandlungen sowohl über die Variante Eins als auch über die Variante Zwei zu verfassen. Doch in beiden Fällen hätte es sich um nichts weiter als um Spekulationen gehandelt. Vielleicht wäre hinterher noch herausgekommen, dass sich Sigmar Gabriel am Freitag vor seiner Abfahrt nach Dresden die Klamotten schnell noch in Berlin gekauft hat. Wie stünde ich dann da?! Ich meine: möglich wäre es ja durchaus, dass Privatmann Gabriel am Freitagnachmittag mal eben in Berlin shoppen geht. Denn selbstverständlich stehen einem Spitzenpolitiker auch in seiner Freizeit die Bodyguards zur Verfügung. Der Personenschutz gilt freilich rund um die Uhr. Sonst hätte ja der Sigmar Gabriel bei der Pegida ohne Security-Personal auflaufen müssen! Das kann er aber echt nicht machen – weder dienstlich noch privat. Aber der Chauffeur... - nicht dass da der Bundesrechnungshof oder der Bund der Steuerzahler eine Dienstwagenaffäre draus machen!  


Wohl bemerkt: ich weiß es auch gar nicht so ganz genau, ob Gabriel überhaupt mit Dienstwagen und Chauffeur nach Dresden gefahren ist. Das habe ich jetzt einfach mal so unterstellt. Wie unseriös! Vielleicht hatte er auch seinen privaten PKW genommen oder den Zug. Wie man das als Privatmann eben so macht. Na ja, es ist ja auch egal. Jedenfalls ist er irgendwie angekommen und hat sich in die Veranstaltung gesetzt. Völlig unauffällig, höchstens von dem ein oder anderen Kamerateam gefilmt. Aber sonst... - hatte er auch nichts gesagt. Während der Veranstaltung. Danach hat er gesagt: "Ich wollte mich nicht melden, weil ich kein Dresdner bin.“ Prima Politiker! Einfach mal zuhören. Von der Pegida lernen heißt Siegen lernen. Nach Abschluss der Veranstaltung hat Gabriel dann aber doch mit denen gesprochen, wobei er „jetzt auch nicht mit Organisatoren reden (würde), die im Neonazi-Raum stehen.“ Das ist klar. Woran der das merkt, ob jemand im Neonazi-Raum steht oder nicht. Nun, so etwas merkt man eben, wenn man ein Spitzenpolitiker ist – und zwar, das ist die Kunst, schon bevor man mit denen redet. Denn ansonsten würde man ja mit Neonazis reden.  


Das will man aber nicht, nicht einmal Sigmar Gabriel. „Aber mit den Menschen, die dort hingehen, die Sorgen haben und die verärgert sind über die Politik, natürlich muss man mit denen reden." Also: mit den Mitläufern, nicht mit den Organisatoren. So hatte ihn, also den SPD-Vorsitzenden, auch Yasmin Fahimi, die SPD-Generalsekretärin, verstanden. Originalton Fahimi im Interview mit der Frankfurter Rundschau: „Ich habe Sigmar Gabriel so verstanden,...“ - der Ton macht die Musik, „...dass er sich gegen jeden Dialog mit den Organisatoren von Pegida ausspricht.“ Worauf die FR nachhakt: „Aber Sie sagen: Auch die Teilnehmer müssen wissen, wem sie folgen.“ Fahimi: „Ja, klar. Wir reden hier über mündige Bürger. Wer mündig ist, trägt Verantwortung für seine Taten und dafür, wem er hinterherläuft. Deswegen möchte ich in keinen Dialog treten mit Leuten, die Stimmung schüren gegen Migranten, gegen Ausländer und gegen Andersdenkende. Ich stehe lieber an der Seite der vielen, vielen Menschen, die sich für Weltoffenheit und Toleranz einsetzen. Bei allem Verständnis dafür, dass jeder seine Meinung sagen darf, müssen wir als SPD auch eine politische Haltung beweisen. Das erwarten unsere Wähler von uns.“  


Wie das so ist: der Vorsitzende steht in besonderem Maße für die Politik, er prägt die Linie der Partei entscheidend mit. Der Generalsekretär, in diesem Fall: die Generalsekretärin hat den Vorsitzenden dabei zu unterstützen. Ich halte dies für richtig. Aus prinzipiellen Gründen. Dass Yasmin Fahimi in diesem Punkt Sigmar Gabriel nicht umstandslos folgen will, halte ich jedoch auch für richtig. Ebenfalls aus prinzipiellen Gründen. Auch Spitzenpolitiker haben selbstverständlich das Recht auf ein Privatleben. Ich weiß nicht, weil ich nicht in diesen Kreisen verkehre, wo und wie sich unter diesen Umständen das Recht auf Privatheit durchsetzen lässt. Ich weiß nur: ganz gewiss nicht bei der Pegida in Dresden. Nein, Sigmar Gabriel ist dort nicht als ein Privatmann erschienen. Dass er dennoch zu diesem offensichtlich absurden Konstrukt gegriffen hat, um seinen Alleingang zu erklären, zeigt einzig und allein, dass er nicht gewillt ist, diesen Schritt vom SPD-Parteivorstand „absegnen“ zu lassen. Schließlich kann privat jeder machen, was er will. Allerdings steht auch dem Vorstand frei, einen unzweideutigen Beschluss über den Umgang mit der Pegida zu fassen.  


Werner Jurga, 25.01.2015