Allen mörderischen Versagern zum Trotz:  

Wir sind Charlie Hebdo


Montag, 12. Januar 2015. Zu Weihnachten habe ich eine DVD geschenkt bekommen. „Ich mach´ mein Ding – die Show“. Der Mitschnitt eines Udo-Lindenberg-Konzerts in der Köln-Arena. Im Zeppelin schwebt der Meister zu den Klängen seiner „Odyssee“ in den Randalesaal, und schon geht’s ab: „Ich mach´ mein Ding“. Dabei schwenkt die Kamera immer wieder ins Publikum. Die Leute, völlig aus dem Häuschen, total euphorisiert, singen mit, schreien mit: „Und ich mach´ mein Ding - egal, was die ander´n sagen“. Wir sehen etwa zehn Udo-Imitate. Herren mittleren Alters in Schwarz, ein Hut auf dem Kopf, aus dem die langen Haare herausquellen, Sonnenbrille auf. Klar, die machen nicht ihr Ding; die machen Udos Ding. Wir sehen aber auch ganz viele, völlig normale Menschen – ebenfalls meist mittleren Alters, aber auch ältere, auch jüngere. Auch sie schmettern jede Zeile mit: „Ich geh´ meinen Weg - ob grade, ob schräg, das ist egal“. Sie haben Spaß, sie lächeln beim Mitsingen, sie sind richtig gut drauf. Sie machen ihr Ding. Jetzt. Machten sie immer ihr Ding, würden sie nicht so ausflippen, wenn sie mitsingen dürfen. 


„Ich mach´ mein Ding - egal, was die ander´n labern. - Was die Schwachmaten einem so raten, das ist egal.“ Den völlig normalen Menschen kann es überhaupt gar nicht egal sein, „wenn auch jeder sagt, du spinnst“. All die ökonomischen Zwänge, die individuelle Verantwortung – und wenn dann auch noch, was gar nicht mal so selten der Fall ist, individuelle Zwänge und ökonomische Verantwortung hinzukommen, dann haut das einfach nicht immer hin mit dem eigenen Ding. Der Udo hat gut reden bzw. singen: „Du wirst es genau so bringen. Mach´s auf die charmante Art, mal elastisch, manchmal hart, manchmal musst du das Glück auch zwingen.“ Nun, das mag ja alles sein; aber es ist nicht mein Ding. „Ich mach´ mein Ding“ heißt für die meisten von uns, das zu machen, was wir zumindest einigermaßen gelernt haben. Wenn wir uns darin trotz alledem nicht nur wiederfinden, sondern sogar noch ein wenig mögen können, ist eine Menge erreicht. Eigentlich sind wir ganz anders; wir kommen nur viel zu selten dazu. Eigentlich sind wir ganz okay, aber: Wir sind nicht Udo Lindenberg.  


Das ist kein Problem. Wir haben das nie behauptet. Niemand hatte das je von uns erwartet. Und überhaupt! Wer ist schon Udo Lindenberg? - Man weiß es nicht genau. Die einen sagen so, die anderen so, wie auch immer: eins ist er nicht. Udo ist kein Heiliger. Etwas anders sieht dies, jedenfalls in diesen Tagen, bei Charlie Hebdo aus. Ob Charlie Hebdo nun tot ist oder, weil andere Zeichner weitermachen, auch nicht: die Menschen, die bisher Charlie Hebdo gemacht hatten, sind tot. Ermordet von selten dummen Schweinen, die sich auf den Islam berufen. Entscheidendes über diese Versager ist bislang noch nicht bekannt. Wir wissen nicht, ob, und wenn ja, wie weit dschihadistische Organisationen hinter diesen Verbrechen stehen. Dass zig Staats- und Regierungschefs am Sonntag auf der Kundgebung in Paris waren, könnte darauf hindeuten, dass, wie von den Mördern behauptet, der „Islamische Staat“ und / oder Al Qaida die Massaker in Auftrag gegeben hatten. Wir werden sehen...  


Doch selbst wenn diesen kranken Hirnen aus Paris mehr oder weniger von allein diese entsetzlichen Hinrichtungen in den Sinn gekommen sein sollten, wir ahnen, dass nicht „nur“ Zeichner getroffen werden sollten, weil sie eine spitze Feder führten. Dass nicht nur Juden getroffen werden sollten, weil sie nun einmal Juden sind. Wir spüren, dass der Terror uns gilt. Uns – das muss man sich nur einmal vorstellen! Uns. Eigentlich unglaublich: wir werden eingeschüchtert, obwohl wir nicht einmal insofern Udo Lindenberg sind, als dass wir auch nur soeben unser Ding machen könnten. Wir, die wir nicht Charlie Hebdo sind, weil wir – wer wollte uns das verdenken? - nicht auch nur ansatzweise das Zeug dazu haben. Stéphane Charbonnier, der ermordete Chefredakteur von Charlie Hebdo, wollte lieber aufrecht sterben als kniend zu leben. Nein, wir sind nicht Charb, und deshalb sind wir, auch wenn wir jetzt Gegenteiliges behaupten, auch nicht Charlie Hebdo. Und dennoch haben uns diese drei Scheißkerle aus Paris das Kompliment gemacht, uns einschüchtern zu wollen. Ausgerechnet uns.  


Ein extrem zweifelhaftes Kompliment, das zwanzig Menschen mit ihrem Leben bezahlen mussten. Wir verneigen uns vor den Opfern. Wir stecken uns aus Solidarität „Je suis Charlie Hebdo“ ans Revers, wohl wissend, dass wir es nicht sind. Aber ahnend, dass wir gemeint sind. Es ist ja nicht sicher, dass es sich bei den nächsten Toten wieder um kritische Geister handelt oder um Juden. Wir wissen, dass es ihnen, wenn nur genug Blut fließt, auch egal ist, wer von uns ins Gras beißt. Sie hassen unsere Art zu leben. Weil sie selbst nichts, aber auch gar nichts gebacken kriegen, was ihrer individuellen Verantwortung und den ökonomischen Zwängen auch nur halbwegs gerecht werden könnte. Weil sie es nicht ertragen, dass wir – jedenfalls die meisten von uns meistens – es irgendwie schon schaffen. Wir machen unser Ding. Deshalb nehmen uns die mörderischen Versager ins Visier. Wir erschrecken kurz; denn wir sind Menschen. Doch niemand wird uns davon abhalten, unser Ding zu machen. Wir sind Charlie Hebdo.  


Werner Jurga, 12.01.2015



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