"Weltmachtgehabe"

Volker sein Kauderwelsch


Sonntag, 27. Oktober 2013. Da gebe ich „Kauder Weltmachtgehabe“ bei google news ein, und was kommt? Die Rückfrage: „Meinten Sie: kauder welt machtgehabe“? Nein, meinte ich nicht. Ich meine nicht „Welt Machtgehabe“, obwohl freilich auch „Weltmacht“ ein zusammengesetztes Wort ist, also getrennt werden kann. Und obwohl wir mit „Machtgehabe“ schon recht nah dran sind an dem, was ich suche. Und doch: “welt machtgehabe“ ist blöd. Dies würde ja der „Welt“ Machtgehabe unterstellen. Was soll das?! Es sei denn, mit dem Begriff „Welt“ wäre nicht unser netter Planet Erde gemeint, sondern das verlustbringende Flaggschiff des Springerkonzerns. Auch Quatsch, wobei allerdings...  


Die heutige Ausgabe der „Welt“, also die „Welt am Sonntag“, bringt ein Interview mit Volker Kauder, seines Zeichens Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und „rechte Hand“ Angela Merkels. In der Online-Ausgabe findet sich eine Zusammenfassung unter der Überschrift „Kauder geißelt `Weltmachtgehabe´ der USA“. Also: „Weltmachtgehabe“. Wenn überhaupt Trennen, dann zwischen „Weltmacht“ und „Gehabe“. Sonst macht das keinen Sinn. Doch auch so ist es nicht ganz einfach, den der Äußerung der rechten Merkelhand innewohnenden Sinn zu erkennen. „Weltmachtgehabe der USA“. Sehen wir uns den Zusammenhang an!  


Zitat Welt Online: „Im Abhörskandal um das Handy von Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Unionsfraktionschef Volker Kauder den Ton verschärft. `Amerika muss sein Weltmachtgehabe gegenüber seinen Partnern ablegen´, sagte Kauder der `Welt am Sonntag´. Der CDU-Politiker sprach von einem schweren Vertrauensbruch und einer `Ungeheuerlichkeit, die Konsequenzen haben muss´.“ Viel deutlicher wird Kauders Aussage auch im Zusammenhang nicht. Immerhin: wir wissen jetzt, dass der Unionsfraktionsvorsitzende nicht das tatsächliche oder vermeintliche „Weltmachtgehabe“ der USA im allgemeinen kritisiert, sondern nur das „gegenüber seinen Partnern“.  


Damit ist die Sache ein wenig eingegrenzt. Sprich: die Amis sollen uns gefälligst nicht so behandeln wie die Russen, Chinesen oder wie Nordkorea oder gar die Taliban, sondern vielleicht so wie die Italiener, Rumänen oder Polen. Ich gehe nicht davon aus, dass CDU-Kauder Deutschland von den Amerikanern so behandelt wissen will wie etwa die Kanadier und Engländer oder die Australier und Neuseeländer. Oder sagen wir mal: Wollen kann man eine ganze Menge. Ich wollte sagen: Ich gehe nicht davon aus, dass Kauder sich traut, auch noch so etwas „Welt am Sonntag“ zu erzählen. Wobei... - diese „Ungeheuerlichkeit, die Konsequenzen haben muss“. Albernes Machogehabe.  


Ach ja, „Gehabe“. Was meint dieser Kauder wohl mit „Weltmachtgehabe“ der USA? „Gehabe“, das ist unstreitig, ist ein Begriff, der abwertend gemeint ist. So definiert der Duden „Gehabe“ als “(abwertend) geziertes, unnatürliches Benehmen; Getue“, das digitale Wörterbuch der deutschen Sprache definiert ganz ähnlich „abwertend geziertes, wichtigtuerisches Betragen, Getue“, und das Wictionary nennt ein „meist negativ: (affektiertes) Verhalten“. Dazu ein Beispiel („Dein blödes Gehabe geht mir langsam auf die Nerven“) und eine „charakteristische Wortkombination“ („auffälliges, dummes Gehabe“). Okay, der Begriff „Gehabe“ macht so weit keine Probleme.  


Uns nicht. Doch wie steht´s um Herrn Kauder? Wenn der „Abhörskandal um Merkels Handy“ ein Beispiel sein soll für das „Weltmachtgehabe der USA“, wie von Kauder unterstellt, dann müsste ja das Auffliegen der Abhöraktion von der NSA gezielt mit eingeplant gewesen sein. Denn geheime Aktionen sind qua definitione kein Gehabe. Nochmal: Gehabe ist wichtigtuerisches Betragen, affektiertes Verhalten, eben: auffälliges Gehabe. Das kann Kauder eigentlich nicht gemeint haben. Allerdings: die Reaktion aufs Erwischtwordensein dürfte er ebenfalls nicht gemeint haben. Obama hat Merkel versichert, von der Aktion nichts gewusst zu haben und sich bei ihr entschuldigt.  


Weltmachtgehabe“ sieht anders aus. Wir kommen hier nicht weiter. Vielleicht versteht Kauder unter dem Begriff „Gehabe“ etwas ganz Anderes als das landläufig Definierte. Und was den Begriff „Weltmacht“ betrifft: auf wen, wenn nicht auf die USA, könnte er denn sonst zutreffen? Das muss einem nicht passen. Man mag sich darüber ärgern, dass die Vereinigten Staaten von Amerika eine Weltmacht sind. Ihnen jedoch Weltmachtgehabe, also das Gehabe einer Weltmacht vorzuhalten, deutet auf Probleme mit der deutschen Sprache hin. Kauderwelsch: „Jetzt wird in Europa Deutsch gesprochen", rief auf dem CDU-Parteitag im November 2011 derjenige aus, der jetzt bei den USA „Weltmachtgehabe“ ausmacht.  


Die Dominanz Deutschlands wird in vielen EU-Ländern kritisch gesehen“, so der Spiegel seinerzeit, "doch in der CDU nimmt darauf nicht jeder Rücksicht: Auf dem Parteitag in Leipzig erklärte Fraktionschef Kauder die Bundesrepublik zum Vorbild für Europa.“ „Auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen", so zitierte die besagte „Welt“ den „epochenversetzten Ausbruch Kauders in überholten Nationalismus“ (Cicero: Provinzpolitiker Kauder und die deutsche Sprache“). Nein, vor zwei Jahren kam Kauder wahrlich nicht gut an. „In Europa Deutsch gesprochen" – irgendwie weckte das unangenehme Erinnerungen.  


Diesmal sieht die Sache für die „rechte Hand“ Angela Merkels allerdings ungleich günstiger aus. Denn diesmal geht es scheinbar nicht um (also: für) deutsches Großmachtgehabe, sondern gegen amerikanisches „Weltmachtgehabe“. Das ist zwar erstens schon in sich in jeder Hinsicht sinnfrei und zweitens für Volker Kauder genau dasselbe; doch diesmal geht es gegen die USA, da sieht die ganze Sache schon ganz anders aus. So wie im Kalten Krieg der Ausruf „Diesmal ist der Ami auf unserer Seite“ für nationales Wohlbefinden gesorgt hatte, so vermag heute ein „Diesmal geht es gegen die USA“ die ansonsten so zerstrittene Nation zu einigen.  


Werner Jurga, 27.10.2013





Volker Kauder
Foto: Laurence Chaperon via Wikipedia





Auszüge aus Volker Kauders Wikipedia-Eintrag:

Kauder wird immer wieder als „rechte Hand“ Angela Merkels bezeichnet.


In den Medien wurde er wiederholt als Beispiel für die Nähe einflussreicher Politiker zur evangelikalen Bewegung angeführt. Kauder erklärte unter anderem, Glaubenskraft habe er auch bei den Evangelikalen gefunden.


In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau im Dezember 2010 sprach Kauder sich gegen ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare mit der Begründung aus, er „glaube nicht, dass sich Kinder wünschen, in einer homosexuellen Partnerschaft aufzuwachsen“.Die Positionierung Kauders in dieser Frage wurde in einigen Medien mit seiner Nähe zur evangelikalen Evangelischen Allianz in Verbindung gebracht.


Auch nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Mai 2013 zum Ehegattensplitting schließt Kauder eine Gleichstellung von Ehe und gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften weiter aus. So habe er „unter großem Beifall darauf hingewiesen, dass es für uns die Homo-Ehe nicht gibt.“


Im September 2013 kritisierte die Vorsitzende der Grünen, Claudia Roth, dass Kauder im Jahr 1997 im Deutschen Bundestag gegen die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe gestimmt habe.


Volker Kauder steht in der Kritik, Waffenexporte des Unternehmens Heckler & Koch zu unterstützen und bei der Abwicklung von Aufträgen zu helfen. Die Wochenzeitung Die Zeit nennt Kauder einen „gewichtigen Fürsprecher“ des in seinem Wahlkreis ansässigen, profitabel arbeitenden, jedoch als hoch verschuldet geltenden Waffenherstellers, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen Bestechung von Amtsträgern ermittelt. Nach Aussage des Hauptgesellschafters Andreas Heeschen habe Kauder „immer wieder die Hand über uns gehalten“.


In unterschiedlichsten Zusammenhängen verwies Kauder wiederholt auf „unsere christlich-abendländische Tradition“. Im Rahmen der Konservativismus-Debatte innerhalb der CDU rief er dazu auf, das christliche Menschenbild weiter in den Mittelpunkt ihres Handelns zu stellen, statt darüber zu diskutieren, ob die Partei ihre konservative Wurzel ausreichend pflege.


Kauder ist strikt gegen Forderungen, den Islam in Deutschland als gleichberechtigte Religionsgemeinschaft anzuerkennen.


Kauder lehnt das Instrumentarium der Präimplantationsdiagnostik grundsätzlich ab. Aus seiner Sicht beginnt das menschliches Leben mit der Verschmelzung von Ei und Samenzelle.






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