Robert Harting
Screenshot ARD-Sportschau



Robert Harting wünscht sich  

eine Meinung für Deutschland


Mittwoch, 7. Januar 2015. Das ist Robert Harting, Spitzname „Shaggy“. Shag ist eine Krähenscharbe, so dass es sich bei Shaggy wohl um eine kleine Krähenscharbe handeln dürfte. Von Beruf ist Harting Diskuswerfer, ein ziemlich erfolgreicher zudem. Das Bild, das Sie sehen, zeigt ihn nach einem Wettkampf, in dem er – wie so oft – die Scheibe wieder mal ein Stückchen weiter weggeschmissen hatte als alle Anderen. Dann freut er sich verständlicherweise, und zwar so sehr, dass er – eher unverständlich – sein Hemdchen zerreißt und seinen athletischen Körper der jubelnden Masse zeigt. Wobei ich mir habe sagen lassen, dass dies in letzter Zeit etwas weniger geworden sein soll. Also dass Robert Harting diese Hulk-Nummer ein bisschen seltener bringt. Wie man überhaupt anerkennend feststellen muss: der Robert ist ein äußerst lernfähiger Mensch. In der Rheinischen Post lesen wir zum Beispiel: „Der Sportsoldat kommt aus bescheidenen Verhältnissen und musste sich alles erkämpfen. Früher nahm `Shaggy´ das mit dem Durchboxen auch mal zu wörtlich, doch längst sind Worte die schärfste Waffe des Hobby-Malers.“  


Dabei ist jedoch die „Diplomatie definitiv nicht Hartings Stärke.“ Na klar, der Mann kommt aus bescheidenen Verhältnissen, musste sich alles erkämpfen, musste sich durchboxen... - dann wird man natürlich nicht so ein smarter Schniegelmann für einen Botschaftsempfang. Dann lässt man, wenn man so richtig sauer ist, auch schon mal Sätze raus wie "Wir ruinieren hier unseren Körper mit dem größten Verschleiß im Training und sind dabei sauber. Dabei verlieren wir bestimmt fünf Athleten-Jahre...“, und sagt Sachen wie „...während sich die anderen zu Hybrid-Wesen spritzen und durch Doping länger leistungsfähig bleiben". Robert Harting – ein ruppiger Streiter gegen den Betrug durch Medikamenten-missbrauch. Heute. Vor gut fünf Jahren sah das noch anders aus; da befürwortete Harting die Freigabe von Doping-Mitteln. Wie schon erwähnt: Robert ist ein äußerst lernfähiger Mensch. So hat er sich auch in dieser Sache inhaltlich klar weiterentwickelt. Wobei er sich in der Form ganz klar treu geblieben ist. Ruppig, rau – Robert echt authentisch.  


Während der Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin 2009 wurde eine Aktion von Doping-Opfern der DDR veranstaltet. „Teil dieser Aktion war die Verteilung von Pappbrillen an die Zuschauer, um plakativ auf den im Verborgenen weiter stattfindenden Missbrauch verbotener Mittel aufmerksam zu machen.“ Dies wurde von Harting kommentiert mit den Worten: „Wenn der Diskus aufkommt, soll er gleich gegen die Brillen springen, damit die wirklich nichts mehr sehen.“ Dass diese Äußerung sowohl vom Deutschen Leichtathletik-Verband als auch von der Öffentlichkeit scharf kritisiert wurde, ist kein Wunder. Man kennt das ja: zeigt man mal klare Kante, fallen sie alle über einen her. Zugegeben: das war damals echt nichts. Für Doping zu sein, geht gar nicht, schon gar nicht für Doping in der DDR. Aber man muss auch sehen: diese Geschichte liegt jetzt fünf Jahre hinter uns! Also: nicht die DDR, die ist noch länger schon die ehemalige. Nein, Roberts Wunsch nach durch seinen Diskus zerspringenden Brillen. Wie gesagt: das war nix. Doch Harting hat sich geläutert, er kämpft jetzt gegen Doping – man muss auch mal verzeihen können.  


Die „Öffentlichkeit“ - in diesem Fall also die Sportjournalisten – konnte. Und zwar schon lange, weshalb Robert Harting kürzlich zum dritten Mal in Serie zum Sportler des Jahres gewählt wurde. Gott sei Dank! Gewiss, einige Unversöhnliche hast Du immer. Leute, die die größte Errungenschaft des christlichen Abendlandes, nämlich Verzeihen zu können, einfach nicht drauf haben. Die völlig unchristlich, fast schon morgenländisch mit dem Finger auf Andere zeigen. Leider auch unsere Maria Höfl-Riesch, die beliebte Skirennläuferin, die soeben ihre Karriere beendet hat. Und das kennen wir ja schon: Sportler, die aufgehört haben, werden aufsässig. Der Thomas Hitzlsperger ist dann damit rausgekommen, dass er schwul ist. Und Höfls Maria wagt sich, Robert Hartings Wahl zum  Sportler des Jahres als „Fehlgriff“, gar als ein „Armutszeugnis“ zu bezeichnen. Lächerlich. Er ist es doch zum dritten Male hintereinander geworden. Na ja, eigentlich wäre es auch egal; schließlich kann ja jeder sagen, was er gerade will. Meinungsfreiheit, wenn Sie verstehen. Blöd nur, dass die sympathische Maria dieses Jahr zur Sportlerin des Jahres gewählt worden ist.  


Die Lage ist ernst, und zwar derartig ernst, dass die Frankfurter Allgemeine höchstselbst ran muss, um den von dieser undankbaren jungen Frau zugefügten Imageschaden für dieses unser Land wenigstens einigermaßen in Grenzen zu halten. In der Not frisst der Teufel Fliegen. Im Katastrophenfall wirft sich das Blatt, hinter dem angeblich immer ein kluger Kopf steckt, sogar für einen Vollpfosten wie Harting in die Matsche. Diese dankbare Aufgabe ging an einen Christoph Becker, Jahrgang 1978, Sportredakteur. Er stellt die Frage aller Fragen, nämlich „Ist Hartings Wieder-Wahl also nicht der große Wurf der Journalisten, die aufgerufen sind, Deutschland beste Sportler zu küren?“ - Doch, lautet schließlich die Antwort, was Beckers Job ist, wobei jedoch auch er zuvor einräumen muss, dass „der Scheibenwerfer vor gut fünf Jahren, vor der Leichtathletik-WM in Berlin ein paar Sätze gegen die Doping-Opfer des DDR-Staatsdopings herausschleuderte, die nicht nur despektierlich, sondern beleidigend und verletzend, schlicht skandalös waren. Damals klang Harting wie jemand, der nicht nur nicht wusste, was sich nicht gehört, sondern wie jemand, der nicht weiß, wovon er spricht.“  


So geht das bei der FAZ: auch die Gegenargumente berücksichtigen, um sie dann zu widerlegen. Gut, im Sportteil kommt man dafür mit der Technik des gymnasialen Besinnungsaufsatzes aus. Erst kontra, dann pro, fertig ist die Lauge. Hier also: kontra abgehandelt, dann „er hat sich geläutert“ und pipapo. Es folgen Weihnachten, die besinnlichen Tage zwischen den Jahren, Silvester, Neujahr und schließlich ein nicht namentlich gezeichneter FAZ-Artikel über den Sportler des Jahres. „Aus Sorge vor einem Doping-Anschlag auf ihn halte er sich mit `öffentlicher Kritik an bestimmten Personen zurück“, wird jetzt für die klugen Köpfe nachgeschoben. Aus der Agenturmeldung wird Harting unkommentiert zitiert, das muss für FAZ-Leser reichen. „Ein Anschlag ist sehr leicht aus zu führen. Das alles ist anscheinend möglich und verängstigt mich enorm.“ Denn Harting ist überzeugt, dass „das System nicht in der Lage ist, Unschuldige zu schützen“. Natürlich nicht, Robert! Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht. Wobei: Mut allein genügt nicht. Mut ist dafür eine notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung.  


Um so etwas auszusprechen, also dass das System nicht in der Lage ist, Unschuldige zu schützen, brauchst die einen, der mutig ist, aber auch begabt, intelligent, durchsetzungsstark und all sowas. Also: einen Scheibenschmeißer. Aber: nur den Besten. Heißt: Robert Harting. Und der sagt: „Das Diskuswerfen ist wie ein anstrengender Management-Beruf: Es ist eine Kunst, alle Fähigkeiten des Körpers miteinander zu koordinieren." Oh yeah! Okay Meister, jetzt sag uns bitte noch, was das neue Jahr bringen wird! Macht er, der Robert; ich zitiere: „Jedes Jahr hat ganz andere Farben und am Ende kommt ein schönes Bild heraus." Ja, das glaube ich. Einerseits. Andererseits ist es aber nicht so schön, dass das System nicht in der Lage ist, Unschuldige zu schützen. Ob unser Musterathlet aus den kleinen Verhältnissen auch darauf eine Antwort weiß? - Natürlich. Allerdings: auch wenn Harting kein Diplomat im engeren Sinne ist, formuliert er in dieser Sache vorsichtig. Schließlich kennt man das ja noch von früher. Kaum sagt man mal irgendetwas gegen das System, schon hat man den dicksten Ärger am Hals.  


Sonntagabend, der 21. Dezember 2013. Im Bénazetsaal des Kurhauses von Baden-Baden werden Deutschlands Sportler des Jahres gewählt. Neben den 700 geladenen Gästen verfolgen auch Millionen von Fernsehzuschauern den stilvollen Galaabend live im ZDF. Dabei bekommen sie mit, dass Robert Harting, wenn auch denkbar knapp, das Triple geschafft hat, und dass ihm zu der Frage einer Reporterin, was er sich fürs neue Jahr wünsche, folgendes eingefallen ist – im Video der zweite Sportler ab 0:44 Min.: „Ich wünsche mir eine Meinung in Deutschland. Dass die Politik aus der Lethargie erwacht. Ich wünsche mir eine hoffentlich positive Vergabe der Olympischen Spiele zwischen den deutschen Städten an Berlin. Ich wünsche mir persönlich viel Gesundheit für meine Familie und mich, und dass jeder eigentlich so ein bisschen aus sich herauskommt und die Sache verändern möchte.“ Harting wünscht sich „eine Meinung in Deutschland“. Eine Meinung für ganz Deutschland. Wir erfahren nicht, welche genau. Klar ist aber: es darf nur eine sein. Und dass jeder so ein bisschen die Sache verändern möchte. Wir wissen nicht, welche „Sache“ er meint. Dabei hat die Lügenpresse überhaupt nichts gekürzt. Mehr hat Harting schlicht nicht sagen wollen.


Werner Jurga, 07.01.2015




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