Sonntag, 4. Januar 2015. An Heiligabend 2014 hielt Heiner Augustin, der Pfarrer der Friedens-kirchengemeinde „Auf dem Wege“ in Rheinhausen-Bergheim, im Gottesdienst eine Predigt, in der die Weihnachtsbotschaft nach Lukas 2 als "Alltag eines großen Teils der Menschheit" heute sichtbar wird...

Pfarrer Heiner Augustin

Lukas 2: Jesu Geburt


Heiligabend, 24. Dezember 2014

Liebe Schwestern und Brüder,

alle Jahre wieder stellen wir uns Tannenbäume ins Wohnzimmer, alle Jahre wieder hören wir die Geschichte aus dem Lukassevangelium, die uns von der Geburt Jesu in einem Stall in Bethlehem erzählt. Alle Jahre wieder stellen wir fest: es ist schon wieder Weihnachten.

Selbst für Menschen, die mit Kirche und Religion wenig anfangen können, ist Weihnachten ein Einschnitt im Jahreslauf. Endlich mal wieder ein paar Tage Zeit für sich selbst, für Freunde, für die Familie. Eine Unterbrechung im Alltag.

Die Geschichte, die dem Fest zugrunde liegt, ist bekannt. Maria und Josef, unterwegs nach Bethlehem, kein Platz in der Herberge, ein Stall muss als Notunterkunft reichen. dann die Engel, die vom Frieden singen und den Hirten den Weg zum Stall, zum Kind, zeigen.

Auch das beschreibt eine Unterbrechung im Alltag der in der Geschichte Beteiligten. Maria wird zum ersten Mal Mutter, Josef wird Vater, eine völlig neue Situation. Die Hirten werden aus ihrer Lethargie gerissen, sie machen sich auf den Weg.

45 Millionen Menschen auf der Flucht

Aber diese Geschichte unterbricht nicht nur Alltägliches, sie beschreibt auch Alltag; nicht unbedingt unseren, aber sie beschreibt den Alltag eines großen Teils der Menschheit. 45 Millionen Menschen sind derzeit auf der Flucht. Vor Verfolgung in ihrem Land, vor dem Hunger, auf der Suche nach einer Perspektive. Und Maria und Josef werden ebenfalls fliehen müssen, um das Leben ihres Kindes zu schützen. Wer heute aus Syrien, aus dem Kongo, aus Palästina oder einem anderen Kriegs- und Bürgerkriegsland flieht, der ist automatisch Teil dieser Weihnachtsgeschichte.

Es ist die rücksichtslose Willkür eines Staates, der die beiden überhaupt nach Bethlehem bringt. Es geht um Steuerlisten, um die Staatseinkünfte, um das reibungslose Funktionieren des Staates. Da spielen persönliche Schicksale keine Rolle. Menschen in den Diktaturen dieser Welt, kennen dieses Gefühl nur zu gut. Und selbst in unserem Land macht sich dieses Gefühl der Ohnmacht breit, wenn Menschen von Sozialleistungen unseres Staates leben müssen. Wenn sie sich abgewertet fühlen, als namenloser Fall oder Nummer.

Und selbst die auch in Duisburg um sich greifende Praxis, noch das letzte Loch im eigentlich unbewohnbaren Haus für viel Geld an die zu vermieten, die keine Chance haben auf irgendeinen Raum in einer Herberge - ungeliebte Zuwanderer oder Hartz-IV-Empfänger, selbst das spiegelt sich in der Geschichte der Geburt Jesu.

Die Geschichte ist kein Märchen aus der Vergangenheit, sie ist aktuell, wie selten vorher. Und auf den Feldern vor Bethlehem ist die Angst vor Terror von der einen, wie von der anderen Seite sehr lebendig. Es ist eine Angst, die mit jeder Meldung, jeder Schlagzeile auch nach uns greift.

Der Schrei nach Frieden, nach Veränderung, nach Gerechtigkeit ist unüberhörbar. Genauso wie das Kriegsgeschrei. Der Weg nach Syrien, in den Irak und in die anderen Krisenherde der Erde ist kurz, sehr kurz. Der Weg nach Bethlehem, zur Krippe, zu den Engeln, die vom Frieden singen, scheint hingegen unendlich weit zu sein.

In der Stille der heiligen Nacht, in der seltsamen Wärme und Geborgenheit dieser Geschichte von der Geburt Jesu in Bethlehem, in der Verkündung von Frieden und Freude durch himmlische Boten, steckt eine ungeheure Sehnsucht. In der Stille dieser Nacht ist Gott zum Greifen nahe.

Der Traum von einer besseren Welt

Diese Nacht ist die Nacht zum Träumen. Der Traum von einer besseren Welt ist noch nicht ausgeträumt, auch, wenn die Geschichte von Gewalt und gegenseitiger Ausbeutung der Menschheit scheinbar ungehindert ihren Lauf nimmt.

Aber die Geburt Jesu ist mehr als nur eine Randnotiz der Geschichte, deren Erinnerung außer uns kaum jemand wachzuhalten scheint. Gott kommt zur Welt. Das verändert nicht unbedingt die Welt, aber es verändert Menschen.

Es fängt schon damit an, dass wir die einzelnen Personen in der Geschichte sehen. Maria, Josef, die Hirten, das Neugeborene. Weder Augustus, noch seine Bürokratie, haben diese für die Beteiligten weltbewegenden Ereignisse überhaupt wahrgenommen.

Der unpersönliche Ablauf der Geschichte wird in einem einzigen Moment durchbrochen. Aus der unpersönlichen Masse der Menschen, die unterwegs sind, treten einzelne Menschen ins Licht. Maria, mit ihrer Sorge um ihr Kind. Josef, ein einfacher Handwerker. Die Hirten verlassen ihr Schattendasein am Rande der Stadt. Jesus, der schon als Kind das Schicksal vieler Kinder dieser Welt teilt. Kein Dach über dem Kopf, bedroht von Gewalt und Willkür, auf der Flucht, wie 45 Millionen andere.

Der Frieden, den die Engel auf den Feldern verkünden, fällt nicht vom Himmel. Er beginnt im Kleinen. Gott wird Mensch heißt den Einzelnen wahrzunehmen, so wie er ist. Mit seinen Schwächen und Fehlern, mit seinen Wünschen, mit seiner Sehnsucht und mit seinen Ängsten. Die Botschaft der Engel ist Verständnis und Ermutigung an jeden Einzelnen: Fürchte dich nicht! Ich lasse dich nicht allein.

Spiele mit der Angst der Menschen

Mit denen, die sich mit ihrer Angst alleingelassen fühlen, spielen auf den Straßen unserer Städte Menschen, die vor der Islamisierung des Abendlandes warnen. Auf der Welle der Angst sind Vertreter rechter Parteien in unser Rathaus gekommen. Mit unmenschlicher Sprache warnen sie vor Menschen, die sie nicht kennen, als handle es sich um Naturgewalten. Sie schüren die Angst vor unpersönlichen Massen. Sie sortieren die Menschen nach willkürlichen Kriterien in gut und böse.

Wie Brandstifter ziehen sie durch das Land, durch ganz Europa, und wollen uns erzählen, dass unsere Angst gar nicht groß genug sein könne, vor einer Bedrohung, die sie inszenieren und an die Wände malen. Unsere Angst ist ihre Macht.

Unsere Angst ist ihre Macht

Wir lassen uns in dieser Nacht sagen: Fürchte dich nicht! Und es braucht in der Tat Mut, um diesen Kreislauf zu durchbrechen. Es braucht Mut, auf den Fremden zuzugehen, von dem angeblich die Bedrohung ausgeht. Aber die, die diesen Schritt gegangen sind, haben die Erfahrung machen können, dass sie Menschen begegnet sind. Mit Sorgen und Ängsten, wie sie jeder nachvollziehen kann.

Es haben sich Menschen gefunden, die die ungeliebten Roma bei Ämtergängen, Wohnungssuche und im Alltag begleiten. Es gibt die Menschen, die sich nicht beeindrucken ließen von den Parolen zur Asylantenschwemme, und die denen, die kamen, ihre Hilfe angeboten haben.

Nicht die, die sich hierhin flüchten, sind die Bedrohung, sondern die, die durch Gewalt und Benachteiligung in den Heimatländern die Fluchtgründe liefern.

Der Friede, den die Engel verkündet haben, kommt mit jedem Schritt, den Menschen auf dem Weg des Friedens gehen. Und dieser Weg führt immer zu Menschen hin.

Wenn Gott als wehrloses Kind zu den Ohnmächtigen kommt, dann zeigt uns das auch deutlich, welche Wege in die Irre führen. Jeder Versuch, Gewalt mit noch größerer Gewalt zu bekämpfen, ist ein Irrweg. Gewalt, gerade auch Gewalt, die sich die berechtigte Angst von Menschen zunutze macht, ist der Betriebsstoff einer unmenschlichen Welt. Und diese Gewalt fällt nicht vom Himmel, die liefern wir Menschen selbst.

Isis mit Gewalt Herr werden?

Isis ist eine Bedrohung, aber um wieviel größer und heftiger muss die Gewalt sein, die dieser Gewalt Herr werden will? Wieviele Waffen und Ausbilder wollen wir noch in die Krisenregionen dieser Erde schicken? Wie soll Frieden werden, wenn wir nur noch vom Krieg reden und den nächsten mit vorbereiten?

Das Kind in der Krippe ist Gottes offene Hand, die er uns reicht. Es ist eine Zumutung in einer Welt, die immer noch auf Gewalt, auf Macht und Ohnmacht, basiert. In dem einen Moment der Geschichte, auf den wir heute schauen, hat er diesen Kreislauf durchbrochen.

Fürchte dich nicht, sagt der Engel. Lass dich nicht von Gewalt beeindrucken. Werde nicht zum Sklaven deiner Angst! Lass dich ermutigen den ersten Schritt zu tun!

Die Weihnachtsbotschaft ist Sand im Getriebe dieser Welt. Mit jedem Nein zur Gewalt, mit jedem Schritt zu den Menschen, mit jedem Angebot zur Versöhnung, lassen wir es wieder für einen Moment Weihnachten werden.

Und Gott sagt uns: Friede soll herrschen, Gerechtigkeit soll regieren. Geh diesen Weg und fürchte dich nicht, ich gehe mit.

Amen


Heiner Augustin, 24.12.2014



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