Bild: Magazin Jobmensa



 Lügenpresse“, „Schicksalsjahr“ oder was? 

Das war 2014


31. Dezember 2014. Mein Gott, im abgelaufenen Jahr – da ist ja eine Unmenge passiert. Politisch und so. Das hört und liest man überall. Dann wird es ja wohl stimmen, sollte man meinen. Andererseits: was sollen sie auch sonst sagen oder schreiben, im Fernsehen oder in den Zeitungen?! „Im letzten Jahr ist echt nicht viel passiert. Trotzdem senden wir jetzt einen Jahresrückblick. Der dauert eine Stunde. Was soll´s? Wir haben ja Zeit. Bleiben Sie dran!“ So läuft das heutzutage nicht (mehr). Wenn man schon einen Jahresrückblick sendet, dann muss einfach eine Menge los gewesen sein. Und wenn die Zeitungen eine ganze Seite oder eher noch mehr „opfern“, um in Wort und Bild noch einmal die letzten zwölf Monate Revue passieren zu lassen, dann kann das gar nicht Allerweltskram gewesen sein, dann war es nun einmal wirklich etwas Besonderes. Alles. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass das Attribut „historisch“, seitdem es das Privatfernsehen gibt, wesentlich häufiger an politische Ereignisse verliehen wird als vorher?  

Sie sind zu jung, um dies beurteilen zu können? Okay, macht nichts; es ist aber so. Wenn Sie so wollen, können wir hier von einem „Gesetz“ der Mediengesellschaft sprechen. Je schärfer die Konkurrenz auf dem Informationsmarkt, desto bedeutungsvoller, einmaliger, eben „historischer“ sind die Ereignisse. Und die Konkurrenz könnte schärfer kaum sein. Der gesamte Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt befindet sich in einer Existenzkrise. Seitdem das Internet als neuer sowie besserer, weil schnellerer Übertragungsmodus für Informationen hinzugekommen ist, befinden sich mehr oder weniger alle Printmedien in einem Überlebenskampf, zumal es nicht gelungen ist, Journalismus online profitabel anzubieten. Jedenfalls noch nicht, jedenfalls in Europa noch nicht. Das macht Druck; da werden aus Nachrichten action news. Gewiss: diese Darstellung ist grobschlächtig. Die Bildzeitung war auch schon in der guten, alten Zeit ein Revolverblatt. Und auch im 3-Sender-System der alten BRD wurden die Jahresrückblicke nicht mit „War echt nichts los“ anmoderiert.  

Doch heute muss etwas los gewesen sein. Logischerweise war und ist freilich auch immer irgendetwas los gewesen. Das geht ja gar nicht anders. Die Frage ist nur: welchen politischen Stellenwert hat das politische Ereignis (gehabt)? Dafür gibt es Kriterien. Anders, nämlich einfacher, liegen die Dinge nach Betrachten einer Unterhaltungssendung. Da reicht die Fragestellung „na, wie geil war das denn?“ völlig aus, um dann auf einer Skala von minus 5 bis plus 5 ein Kreuzchen zu machen. Geschmackssache. Aber nach einem politischen Jahresrückblick? Wie soll man da, wie kann man da sagen, ob dieses zurückliegende Jahr nun eher bedeutsam... zumal: es sind ja doch so einige Ereignisstränge gewesen, die da nebeneinander hergelaufen sind. Mal mehr zusammenhängen, mal weniger, manchmal auch überhaupt nicht. Glaube ich jedenfalls. Haben Sie sich denn einen dieser Jahresrückschauen angesehen? Oder wenigstens mal in einer Zeitung oder Zeitschrift angesehen? Ach! Im Internet. Auch gut...  


Gut, dann frage ich Sie mal direkt. Was würden Sie sagen: war 2014 eigentlich eher viel oder eher nicht so viel los? Ich meine natürlich: Weltgeschehen. Meinetwegen auch in Deutschland oder Europa. Ja klar, politisch. Viel passiert oder nicht so viel? Oder anders gefragt – besser, weil ja ständig unendlich viel passiert: hat sich etwas Wichtiges ereignet oder gar sehr Wichtiges? Nun, ich frage ja nur. Wenn Sie sich wenigstens einen der vielen Rückblicke auf das Jahr angesehen hätten, wüssten Sie Bescheid. Es ist ungemein viel, eminent Wichtiges geschehen in den letzten zwölf Monaten. Sagen oder schreiben alle. Aber das hatten wir ja schon: das müssen alle schreiben. Sonst kauft keiner die Zeitung. Oder wer in der Glotze etwas anderes sagt, wird weggezappt. Deshalb muss das aber nicht falsch sein. Wer von vornherein sagt oder denkt „Lügenpresse, halt die Fresse“, muss nicht in jedem Fall die Weisheit für sich gepachtet haben. Blöd. Weil alles so kompliziert ist. Besser wäre es, wenn einem einfach mal klar gesagt würde...  

Schließlich hat unsereins auch noch etwas anderes zu tun, als sich ständig mit Politik und dem ganzen Kram zu beschäftigen. Also, nur der Klarheit halber: ich jetzt nicht, aber Sie vielleicht. Also: beschweren Sie sich nicht! Alle sagen Ihnen doch im Grunde das Gleiche: 2014 ist ein außerordentlich ereignisreiches, folgenschweres Jahr gewesen mit womöglich schicksalhaften Weichenstellungen. Sagen doch alle. Nur ich jetzt z.B., weil ich ja sonst nichts zu tun habe, habe mich gefragt, ob sich das so ohne weiteres sagen lässt. Solch eine Frage lässt sich doch nur per Vergleich beantworten. 2014 wäre also in Relation zu setzen mit vorangegangenen Jahren und am besten auch noch mit den folgenden Jahren. Das geht natürlich nicht, woraus mal wieder folgt: ganz genau weiß man es sowieso erst hinterher. Auch blöd. Aber ich wollte Sie jetzt wirklich nicht verunsichern. Wie auch?! Sie wissen doch: im vergangenen Jahr haben folgenschwere Entwicklungen eingesetzt (ihren relativen Anfang genommen), die in ihrer historischen Tragweite erst im Laufe der Zeit erkennbar werden.  


Werner Jurga, 31.12.2014





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