Er gibt sich nicht auf. Von der Psyche her. Technisch bleibt das
natürlich alles überschaubar. Aber so ist nun einmal Zweite Liga.

aus einer WDR2-Radioreportage vom 21.12.2014



Die SPD – fußballerisch gesehen  


Von der Psyche her


22. Dezember 2014. Nein, nicht noch einmal! Jedenfalls nicht heute. Das Problem ist doch folgendes: wenn Du über ein Thema einen Artikel schreibst, musst Du Dich einlassen. Einlassen auf den-, die- oder dasjenige, der, die oder das Gegenstand dieses Themas ist oder sind. So, und nach den-, die- und das-jenige(n), worauf sich dieses komische Wort „Pegida“ bezieht, stand mir gestern einfach nicht der Sinn. So von der Psyche her. Pegida – da musst Du Bock drauf haben. Den hatte ich aber gestern nicht. Sonntag nachmittags, draußen Regen... - dann bitte nicht auch noch Pegida! Selbst wenn die vorhaben, heute Abend Weihnachtslieder zu singen – es gibt so Tage, da willst Du einfach nicht daran denken. Und gestern war so ein Tag. Das ist nicht weiter schlimm; denn so wie die Dinge liegen, bleibt uns die ganze leidige Angelegenheit noch eine Weile erhalten. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.  


Es geht bei der ganzen Sache schließlich nicht zuletzt auch um Sie, liebe Leserinnen und Leser. Sie haben ein Recht darauf, finde ich, ab und zu auch einmal etwas über die schönen Dinge des – hier umständehalber: politischen – Lebens lesen zu dürfen. Sie ahnen vielleicht schon, worauf diese gewinnende Überleitung hinausläuft. Richtig: heute geht es um die SPD. Deren Vorsitzender, der Sigmar Gabriel, hat nämlich gestern dem Tagesspiegel ein Interview gegeben, worauf er auch via Facebook alle seine Freunde aufmerksam gemacht hat. Als ich das gesehen hatte, war mir sofort klar: that´s it! Das ist doch mal ein Thema. Und da habe ich mir gedacht: Moment. Ich sagte mir: Wenn Du jetzt mit dem Schreiben anfängst, dann isst Du wieder den ganzen Tag nichts. Es war, siehe oben, schließlich schon Nachmittag. Also erst einmal ab in die Küche und, wie es meine Gewohnheit ist, das Radio angeschaltet. 


WDR 2. Radio-Reportage, selbstverständlich live, aus Bochum. Zweitligaspiel gegen das Schlusslicht aus Aue. Für die sowohl in Fußballfragen als auch in Heimatkunde Nachhilfebedürftigen: das liegt im Erzgebirge. Das schöne Städtchen Aue. Egal. Sensationell dagegen: in der 90. Minute schafft Bochum den Ausgleichstreffer zum 1:1. Der Schiedsrichter gibt fünf Minuten Nachspielzeit obendrauf. Der VfL – für die sowohl in Fußballfragen als auch in Grönemeyer-Angelegenheiten Unkundigen: das ist die Mannschaft aus Bochum. Also: der VfL will es jetzt wissen. Der WDR-Reporter ist ganz aus dem Häuschen. Offenbar die Voraussetzung dafür, einen Satz wie diesen kreieren zu können: „Er gibt sich nicht auf. Von der Psyche her. Technisch bleibt das natürlich alles überschaubar. Aber so ist nun einmal Zweite Liga.“ Lieber Gott, warum hast Du mich nicht so gut schreiben lernen lassen wie diesen Reporter sprechen?!  


Gott antwortete mir: „Weil Dein Thema nicht der VfL Bochum ist, sondern die Sozialdemokratische Partei Deutschlands.“ Ja, so ist er, der liebe Gott. Auf jeden Pott hat er einen Deckel. Und der VfL Bochum hat zwar kein Tor mehr gemacht, aber immerhin das 1:1 gegen die Krampen aus dem tiefsten Osten halten können. Der Sigmar Gabriel... - ich bitte um Verständnis, dass ich jetzt wirklich zu meinem Thema kommen muss; Sie wissen ja: ich habe schon eine Mahnung von ganz oben – also der SPD-Partei-vorsitzende hat auf Facebook gepostet: „Dem Tagesspiegel habe ich gesagt...“ Und dann hat er tatsächlich höchstselbst das zitiert, was er schon in dem Interview... - okay, was auch sonst?! „2014 war das erfolgreichste sozialdemokratische Jahr seit langem.“ Keine Frage: das stimmt. Ich frage mich nur: schickt sich das denn, so hemmungslos mit dem eigenen Erfolg zu prahlen? Gerade in der heutigen Zeit?


Wir wissen doch: das Leben ist kein Ponyhof. Die Wirtschaft steht kurz vor einem Abschwung, die Eurokrise meldet sich zurück, die Energiewende stottert, und draußen im Lande brechen die Dämme zwischen der bürgerlichen Rechten und dem völkisch gesinnten Mob. Und dies alles nach dem „erfolgreichsten sozialdemokratischen Jahr seit langem“. Klar, so etwas gibt es. Des einen Freud ist aller anderen Leid. Vielleicht liegt es daran, dass „der Wähler“ der SPD ihre Erfolgsserie nicht gönnt und ihr in den Umfragen nicht mehr als ein Viertel der Stimmen zuzubilligen bereit ist. So etwas in dieser Art müssen sich auch die Tagesspiegel-Redakteure gedacht haben, als sie nachfragten: „Wie soll die SPD Stolz entwickeln, solange sie in den Umfragen bei 25 Prozent liegt?“ Sie haben dies gefragt, und zwar genau so, obwohl sie hätten wissen müssen, dass Genosse Gabriel solche Fragen nicht mag.  


Trotzdem: ein Erfolgsmensch wie Gabriel antwortet auch auf derlei Frechheiten, und zwar so: „Wir haben im ersten Jahr unsere Wahlkampfversprechen erfüllt. Das hat Vertrauen geschaffen.“ Aha. Und bevor jetzt irgendein Blödmann fragen könnte, warum man denn davon nichts merke, sogleich die Erläuterung für die ganz Doofen: „Das ist die Basis für künftigen Erfolg,...“ Verstehen Sie?! Weil 2014 das „erfolg-reichste Jahr“ gewesen ist, kann 2015 eigentlich nur besser werden. Aber sicher, um Sigmar Gabriel vollständig zu zitieren, das „reicht aber natürlich nicht aus“. Denn die Lage der SPD ist – sagen wir mal: beschissen wäre gestrunzt. Sie hat in der Tat in der Großen Koalition das durchgesetzt, was für sie drin war („Wahlkampfversprechen erfüllt“). Merkel hat sehr deutlich gemacht, dass jegliches Entgegen-kommen ab jetzt ein Ende hat. Die Umfragen zeigen mehr als 40 gegen gerade mal 25.  


Das neue Jahr startet mit der Edathy/Hartmann-Affäre. Die Grünen können ein Lied davon singen, wie es sich auf Wahlergebnisse auswirkt, wenn eine Partei mit dem Thema „Pädophilie“ auch nur irgendwie in Verbindung gebracht wird. Die Grünen können froh sein, dass ihre Wahlniederlage 2013 heute allent-halben auf ihre (damaligen) Steuerpläne und den „Veggie-Day“ - und nur darauf - zurückgeführt wird. Ich habe keine Belege für meine Annahme, dass die diesbezüglichen Verfehlungen während der Gründerjahre der Grünen für das verhagelte Resultat mindestens ebenso ausschlaggebend waren. Wie auch immer: das, was der SPD jetzt bevorsteht, ist von anderem Kaliber. Ich weiß nicht, wie lange dieser unappetitliche Skandal noch durch die Medien gehen wird. Ich weiß auch nicht, ob die SPD-Führung gut beraten ist, sich geschlossen hinter Michael Hartmann zu stellen. Ich weiß nur, es wird jetzt sehr ernst.


Auch Sigmar Gabriel weiß das. Die SPD befindet sich, um abermals ein Bild aus dem Fußball zu bemühen, mitten im Abstiegskampf. Und da geht es nicht mehr um Schönheit; da geht es nur noch um Punkte. Da brauchst Du Spieler, die – wie es im Fußball heißt - „Gras fressen“. Zu Deutsch: Leute, die sich schinden, die sich für nichts zu schade sind, die nicht auf den Applaus der Tribüne schielen, denen es einzig und allein darum geht, Punkte zu machen. Insofern mag es sein, dass Sigmar Gabriel gerade jetzt der Richtige für die SPD ist. „Er gibt sich nicht auf. Von der Psyche her.“ Allerdings: „Technisch bleibt das natürlich alles überschaubar.“ Die SPD steckt gegenwärtig in einer derart ernsten Situation, dass man es nicht bei einem lapidaren Spruch bewenden lassen kann wie „Aber so ist nun einmal Zweite Liga“. Sigmar Gabriel wird sich effektivere technische Hilfe organisieren müssen. Sonst hat es sich mit Zweiter Liga, sonst geht es unter die 20-%-Marke.


Werner Jurga, 22.12.2014




Seitenanfang