Heinrich Hiesinger


Gelebte Werte – heute:  

Heinrich Hiesinger


10. Dezember 2014. Ja, ich weiß es doch: das Standardwerk zur politischen Ökonomie des Kapitalismus heißt „Das Kapital“ und nicht etwa „Der Kapitalist“. Und ich weiß auch, warum das so ist. Dieser Titel deutet schon an, dass die ganze Veranstaltung namens Kapitalismus nach der Logik des Kapitals funktioniert und eben nicht danach, wie der eine oder andere Kapitalist es für richtig hält. Überhaupt: „Kapitalisten“ in diesem Sinne gibt es heutzutage überhaupt nicht mehr. Jedenfalls nicht da, wo es wirklich drauf ankommt. Vielleicht noch in irgend so einer kleinen Klitsche, wo sich der Herr Raffzahn in der Raffzahn & Söhne GmbH und Co.KG noch richtig nach Belieben austoben kann. Allerdings selbst der nur so lange, wie sich sein Belieben noch irgendwie mit der Kapitallogik verträgt. Wenn er übertreibt, verschwindet er vom Markt. So einfach ist das alles.  


Aber, wie gesagt: da, wo es wirklich drauf ankommt, also in der richtigen Wirtschaft, da gibt es solcherlei „Kapitalisten“ schon seit einiger Zeit nicht mehr. Da schmeißen jetzt Verwalter den Laden. Die werden, weil sich das cooler anhört als „Verwalter“, Manager genannt, und das sind Leute, die von der ganzen Sache richtig was verstehen. Also von der Kapitallogik, denn schließlich verwalten sie Kapital. Und zwar das Kapital, das anderen Leuten gehört, die deshalb naheliegenderweise Wert darauf legen, dass es auch richtig – d.h. so gewinnbringend wie möglich – verwaltet wird. Das ist ja logisch. Die Kapitallogik eben. So weit, so gut. Warum aber in Gottes Namen, möchte man fragen, muss dann so ein Manager, wie es sich am Sonntag in Duisburg zugetragen hatte, auch noch hingehen und in einem großen Gottes-dienst namens Barbarafeier von der Kanzel herab predigen, dass er in Gottes Namen handele?!  


Auch so etwas ist letztlich leicht erklärt. Und zwar auch ohne genauere Kenntnisse darüber, wie so ein Heini namens Heinrich Hiesinger in den Tiefen seiner Seele ganz genau tickt. Man mag sich darüber ärgern, dass er den lieben Gott für von ihm zu verantwortende Entscheidungen bemüht, die genau diejenigen treffen, die ihm in aller Andacht lauschen. Doch wenn man die ganze Sache einmal emotions-los betrachtet, entdeckt man, dass es auch hier nichts Geheimnisvolles zu entdecken gibt – kein Mysterium, nichts Geniales, was so einem wie Hiesinger anhaften könnte, sondern einfach nur dies: die ganze Veranstaltung namens Kapitalismus beruht darauf, dass gesellschaftlich Produziertes privat angeeignet wird. Oder, wie man auch sagen könnte, darauf, dass die einen die anderen bescheißen. Das darf man denen aber natürlich nicht sagen. Also erzählt man denen Geschichten von „unserem“ Werk.  


Das wirft alles so lange keine sonderlichen Probleme auf, wie die Arbeit in „unserem“ Werk zwar die Knochen verschleißt, die monetäre Gegenleistung aber nicht nur die Anschaffung des großen Flachbildschirms, sondern auch noch die Wiederherstellung der wertvollen Arbeitskraft all inclusive in fernen Ländern ermöglicht. Richtig unangenehm wird es allerdings, wenn die gesellschaftliche Produktion zwar immer noch privat angeeignet wird, man selbst aber nicht mehr so richtig zur Gesellschaft gehört. Einfacher gesagt: Ausbeutung wird erst dann so richtig ärgerlich, wenn man selbst nicht mehr zu den Ausgebeuteten gehören darf. Dann wird es heikel – für den Arbeiter (logisch), aber auch und gerade für den Manager. Denn bei einer solchen Frage, also „bei der Frage der Restrukturierung“, ist, sagt Bruder Hiesinger, “verantwortungsvolles Handeln komplex und bisweilen widersprüchlich“.  


Da macht sich so ein einfacher Arbeiter, der in all seiner Einfachheit damit rechnen muss, einfach nur rauszufliegen, doch gar keinen Begriff von, mit welchen Seelenqualen sich ein dem christlichen Menschenbild verpflichteter Entscheidungsträger wie Heinrich Hiesinger herumschlagen muss. Ihm stellen sich Fragen wie „Sind wir den Mitarbeitern verantwortlich, denen eine sichere Zukunft ermöglicht wird? Oder den Mitarbeitern, die ihre Stelle verlieren?“ Nun hat uns Lokalredakteur Martin Ahlers die Antwort auf Hiesingers selbst gestellte Frage nicht überliefert – weder in der WAZ noch in der Rheinischen Post. Und doch dürfen wir annehmen: im Prinzip beiden Sorten. Wäre da nicht dieser "unauflösliche Konflikt zwischen dem Einzelschicksal und der Zukunft des Ganzen“. Deshalb war und ist es immer auch einmal „richtig und verantwortungsbewusst, sich von einem Teil zu trennen, um das Ganze zu bewahren.“  


Wobei Hiesinger freilich die „schmerzhaften Folgen für die Beschäftigten“ sieht, was ja auch nicht ganz so schwer ist, aber – es hilft ja nichts: „Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit. Geld fehlt dann in anderen Unternehmensteilen. So riskieren wir langfristig das Unternehmen als Ganzes.“ Klar ist das, logisch, jeder muss das einsehen. Das ist wie in der Familie. Wenn „ein Glied“ es nicht bringt, „so leiden alle Glieder mit“. Also raus mit diesem Versager! Denn der Kompass des Handelns beruht auf dem christlichen Menschenbild. Und „daraus leite ich“ - Originalton Heinrich Hiesinger - „den Auftrag ab, die Menschen ernst zu nehmen. Dieser Respekt erfordert Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit.“ Großartig! Vorbildlich! Und das lohnt sich auch; denn – wie Hiesinger direkt fortfährt: „Aber gelebte Werte bringen auch wirtschaftlichen Erfolg.“  


Werner Jurga, 10.12.2014




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