Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen ein

Was die Juden jetzt schon wieder denken mögen...


2. Dezember 2014. Einige fingen an, sich darüber Gedanken zu machen, ob es nicht doch das Beste wäre auszuwandern. Wie viele es waren, ist schwer zu sagen. Manche hatten darüber gesprochen, andere wiederum nicht. Fest steht aber: viele bekamen es mit der Angst zu tun. Das erste Mal in all den Jahren und Jahrzehnten. Damit hatten sie nicht gerechnet. Na sicher, es gab Antisemitismus, eine offene oder verdeckte Feindseligkeit Juden gegenüber. Aber den gab und gibt es in anderen Ländern auch. Zumeist schlimmer als in Deutschland. In Osteuropa und in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion weit schlimmer als hierzulande. Aber auch in den meisten westeuropäischen Ländern pflegte man seine Abneigung gegen die Juden deutlich unverkrampfter zum Ausdruck zu bringen als im Land des Holocausts. Die Deutschen, vorsichtiger geworden, weil historisch belastet, hatten gelernt, fein säuberlich zwischen den Juden, gegen die man nichts sagen darf, und dem Staat Israel, gegen den man etwas sagen dürfen muss, zu unterscheiden.  


Insofern war das, was sich in diesem Sommer auf deutschen Straßen abgespielt hatte, schon etwas überraschend. Nicht nur für die Juden, die sich in den letzten Jahren wieder verstärkt zwischen Rhein und Oder niedergelassen hatten. Mehr noch für diejenigen, die schon seit Jahrzehnten im Land der Täter lebten. Ja sogar für die Mehrheit der Deutschen, die allerdings nicht direkt, eigentlich gar nicht betroffen war, weil bekanntlich nicht jüdisch. Doch irritierend war es schon, was da abends in der Tagesschau gezeigt wurde. Nein, nicht der Gaza-Krieg. Der war empörend, aber da man ja schon wusste, was der Jude mit den Palästinensern macht, nicht weiter überraschend. Aber dass da junge Männer, zumeist mit Migrationshintergrund, in die Kamera skandierten: „Jude, Jude, feiges Schwein – komm heraus und kämpf allein!“... - nun, das kannte man bislang noch nicht. Gut, diese ganze Art kam einem irgendwie bekannt vor – in Schwarzweißbildern. Andererseits: dass so eine Nazihorde den Juden gebeten hätte, allein zu kämpfen... - nun ja, so Muslime haben einfach eine ganz andere Mentalität.  


Jedenfalls spielte sich das auf einer Demonstration in Berlin genau so ab, weshalb die Jugend-organisation der Linkspartei in Essen den Teilnehmern an ihrer Demo am 18. Juli 2014 untersagt hatte, diese fetzige Parole zu verwenden. Was auch von sämtlichen Demonstranten respektiert wurde, woraufhin sich einige genötigt sahen, ihre Solidarität mit dem palästinensischen Volk durch alternative Aktionsformen zum Ausdruck zu bringen. Sie bewarfen pro-israelische Gegendemonstranten mit Steinen und Flaschen, zeigten den Hitlergruß und riefen lautstark „Juden ins Gas!" Nun ist auch, was die Demonstranten aufgrund ihrer überwiegend türkischen oder arabischen Abstammung möglicherweise nicht gewussst hatten, dies hierzulande verboten. Die Polizei schritt dennoch nicht ein, und zwar nicht etwa deshalb, weil hier Unwissenheit vor Strafe geschützt hätte. Auch nicht, weil, wie vielfach vermutet wurde, die Staatsmacht durch das aggressive Verhalten der Friedensfreunde eingeschüchtert gewesen wäre, sondern, wie NRW-Innenminister Ralf Jäger darlegte, um eine blutige Eskalation zu vermeiden.  


Es sei, so Jäger, ganz bewusst darauf verzichtet worden, Sprechchöre wie „Juden ins Gas!" zu unterbinden, weil man doch die Täter später noch mit den Videoaufzeichnungen überführen könne. Nun gibt es auch tatsächlich hinreichend Videomaterial. Ich gehe davon aus, dass die Polizei gezielt zu Fahdungszwecken gefilmt hatte. Doch allein die Dateien, die über Youtube öffentlich zugänglich sind, stellen eine wahre Fundgrube dar. Nur, was Innenminister Jäger wohl nicht bedacht hatte: in diesem unserem Lande ist die Justiz unabhängig. Und eben in dieser ihrer Unabhängigkeit hat die Staats-anwaltschaft Essen nach mehr als viermonatiger Prüfung gestern bekannt gegeben, dass sie in dieser Sache fast alle Strafverfahren einstellen musste. Von insgesamt 49 Verfahren können nämlich 45 nicht weiterverfolgt werden, weil – na, was glauben Sie?! Achtung! - die Identität der Täter nicht ermittelt werden konnte. Da staunen Sie aber! Oder? Zugegeben: das ist in der Tat schon etwas überraschend. Haufenweise Fotos, jede Menge Videos... - aber: was nicht geht, das geht nicht.  


Was mögen jetzt die Juden wieder denken? Oder das Ausland? Zugegeben: es sieht natürlich für Fremde etwas merkwürdig aus. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen: da ziehen Dutzende junge Männer durch deutsche Straßen, zeigen den Hitlergruß, schreien „Juden ins Gas“, bedrohen alle und jeden, die tatsächlich oder vermeintlich nicht ganz dieser Meinung sind. Und die Polizei schaut zu, schreitet nicht ein. Die Staatsanwaltschaft kann nicht herausfinden, um welche Personen es sich handelt, so dass es erst gar nicht zu Gerichtsverfahren kommen kann. So könnte man die ganze Sache sehen, wenn man nicht wüsste, was man einfach wissen muss, wenn man nicht so denken will wie z.B. die Juden, die wahrscheinlich jetzt schon wieder denken, Deutschland hätte irgendetwas gegen sie. Ja, verflucht noch einmal! So etwas denken die doch immer! So etwas hatten die doch damals auch schon gedacht. Haben die denn überhaupt nicht begriffen, wohin das damals alles geführt hatte?! Manchmal denke ich, die wollen das gar nicht begreifen. Die Juden. Aber man darf ja nichts sagen...  


Werner Jurga, 02.12.2014


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