Kurt Flasch:

Beweise bitte! Ich brauche Beweise



Donnerstag, 24. Oktober 2013. 
Kurt Flasch war bis 1995 Professor für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Jetzt, im zarten Alter von 83 Jahren, hat er abermals ein Buch veröffentlicht. Es heißt „Warum ich kein Christ bin. Bericht und Argumentation“, ist erschienen bei C. H. Beck, hat 280 Seiten und kostet 19,95 Euro. Dem Spiegel hat er dazu ein Interview gegeben, das in der aktuellen Ausgabe nachzulesen ist und den Titel trägt: „Gott gesucht und nicht gefunden“. Das ist an und für sich schon bitter genug, um so mehr fragt man sich, wie unter diesen Umständen jemand in diesem biblischen Alter die Kraft aufbringen kann, einen 280-Seiten-Wälzer zu verfassen. Flaschs Antwort darauf fand ich so bestechend, dass ich sie Ihnen nicht vorenthalten möchte: „Jetzt, da es auf das Ende zugeht, habe ich gedacht, wenn Du demnächst vor dem Weltenrichter stehst, dann willst Du doch ein Buch in der Hand haben, in dem steht, dass es ihn nicht gibt.“


Dieser Kurt Flasch! Nun gut, was das Irdische betrifft, kann man sich mit 83 Jahren so etwas durchaus leisten. Man kann auch die zeitgenössischen Theologen mit der Feststellung anpöbeln: „Die wissen ja noch nicht einmal mehr, ob es die Hölle gibt.“ Allein: der Umstand, dass die von Flasch offenbar nicht sonderlich geschätzten heutigen Interpreten der Worte Gottes es nicht so genau wissen, ist kein Beweis dafür, dass es sie nicht gibt. Die Hölle. Insofern scheint mir es doch etwas unvorsichtig zu sein, vor dem Weltenrichter mit einem Buch in der Hand erscheinen zu wollen, in dem steht, dass es ihn nicht gibt. Gut, das muss freilich jeder selbst wissen. Andererseits: einmal kesse Lippe schwingen, und dafür bis in alle Ewigkeit blöde vor sich hin braten... - ist es das wert? Okay, Kurt Flasch hat den Glauben, und zwar den katholischen, im Laufe seines Lebens abgelegt. Das kann er ja machen. Aber dann, so kurz vor Feierabend? Das ist leichtsinnig!  


Zumal Flasch im Spiegel-Interview selbst sagt – nachzulesen etwa hier: „Ich habe einen gewissen Respekt vor dem alten Christentum, das sagt, entweder du glaubst, oder du kommst in die Hölle. Damit kann ich etwas anfangen, mit dem heutigen Drumherumreden vieler Theologen nicht. Die wissen ja noch nicht einmal mehr...“ - ja, das hatten wir schon: „ob es die Hölle gibt.“ Zugleich ist er der Meinung, die Kirchen unterdrückten das Zweifeln. Ach Gott, ja! Die Einen sagen so, die Anderen so. "Selbst in der evangelischen Kirche darf man nicht sagen, das Grab Jesu sei nicht leer gewesen", setzt Flasch nach, woraufhin Spiegel-Redakteur Romain Leick dankenswerterweise feststellt: „Die Auferstehung Christi gehört zum Kern des christlichen Glaubensbekenntnisses.“ Eben. Zumal die alten Römer doch nicht so beknackt gewesen sein werden und das Risiko in Kauf genommen hätten, dass sich hier ein Wallfahrtsort für einen verbissenen jüdischen Sektierer gebildet hätte!  


Ich glaube daran, dass die Grabkammer Jesu leer gewesen war. Wie es sich gehört. Man weiß es halt nicht. Sicher dagegen ist, dass Jesus – damit kennt sich Professor Flasch aus - „in den Evangelien nicht sagt: Ich bin wahrer Gott, und zwar die zweite Person der Dreifaltigkeit, außerdem bin ich vollständiger Mensch und lasse mich für Euch kreuzigen, damit Ihr von der Erbsünde befreit werdet und mein Vater Euch wieder gnädig sei.“ Na und?! Das musste unser Herr nicht auch noch extra sagen. Denn auch für Christus galt, was im Christentum immer noch gilt: es lohnt sich nicht, über Selbstverständlichkeiten zu reden. So etwas weiß man eben, dafür muss man kein Professor sein. Wahrer Gott, vollständiger Mensch, Vergebung der Sünden. Und überhaupt: „Sind wir als Europäer nicht alle Christen, ob gläubig oder nicht?“, fragt Leick für den Spiegel. „Doch, das sind wir“, antwortet Flasch. „In dem Sinne bin auch ich ein Christ.“ Na bitte, geht doch.  


Und außerdem: dass es keinen Gott gäbe, lässt sich ja schließlich auch nicht beweisen. Insofern stehen auch die Atheisten reichlich gelackmeiert da. Wissenschaft und pipapo... - diese Schlagzeile möchte ich sehen: „Jetzt wissenschaftlich erwiesen: es gibt keinen Gott!“ Mit dieser “Nachricht“ bräuchte gar nicht erst die Titanic aufzumachen, oder die Bild. Wer auch immer sie brächte, sie wäre ein echter Schenkelklopfer. Kurt Flasch allerdings ficht auch das nicht an: „Zwar höre ich die Theisten jubeln, wenn der Atheismus unbewiesen dasteht, aber dazu haben sie keinen Grund, denn sie sind beweispflichtig.“ Aha, „beweispflichtig“ also. Das kann ja nicht gut gutgehen, was selbstredend auch Flasch klar wie Kloßbrühe ist. Mit seinem „Cogito ergo sum“, “ich denke, also bin ich“, hatte Descartes einen entscheidenden Schritt der Aufklärung getan. Doch dies war nicht die genuine Absicht.  


Ein Gottesbeweis sollten sie werden, die „Meditationes de prima philosophia“. Bekanntlich ist nichts daraus geworden, der liebe Gott steht immer noch unbewiesen da. Und mit der unmittelbaren Selbstgegebenheit des Denkenden hatte auch schon Augustinus in seinem „Gottesstaat“ argumentiert: Vor Descartes (XI, 26): „Si enim fallor, sum. Nam qui non est, utique nec falli potest.“ Auf gut Deutsch: „Selbst wenn ich mich täusche, bin ich. Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen. Und demnach bin ich, wenn ich mich täusche." Nun gut, so weit waren wir schon 1200 Jahre vor Descartes. Womit bewiesen wäre: uns gibt es. Was weder im 4. / 5. Jahrhundert noch im 17. Jahrhundert ganz so selbstverständlich war – wie z.B. die Existenz Gottes. Diese wiederum wird in neuerer Zeit verstärkt in Zweifel gezogen. Und was müssen wir feststellen? Sie ist nicht bewiesen! Dabei könnte der Allmächtige doch einfach mal vorbeischauen und einen kleinen Beweis aufs Parkett legen.  


Werner Jurga, 24.10.2013




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