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9. November 2014

German Nineeleven


12. November 2014. Geschafft. Den 9. November haben wir hinter uns gebracht. Auch diesen 9. November! Und dieser war besonders heftig. Logisch: 25 ist zwar keine gerade Zahl, trotzdem aber ein runder Geburtstag. Zugegeben: 25 Jahre Mauerfall – das ist schon etwas! Es stimmt schon: eigentlich ist der 9. November der  Nationalfeiertag der Deutschen, und nicht der 3. Oktober, an dem im Grunde nichts passiert ist, außer dass im Jahr darauf einige Politiker unter das ohnehin schon Geschehene ihre Autogramme gesetzt hatten. Und dafür, dass die Mauer am 9. November – ausgerechnet am 9. November! - gefallen ist, kann doch auch keiner was. Außer vielleicht Günter Schabowski, aber der hatte sich nun wirklich nichts Böses dabei gedacht. Was nichts daran ändert, dass der Nineeleven in Germany mehrfach belastet ist, weshalb wir dem promovierten Historiker Helmut Kohl zu Dank verpflichtet sind, dass er uns den 9.11. als gesetzlichen Feiertag erspart und stattdessen den absolut unverdächtigen 3.10. durchgedrückt hatte.

Dieses Jahr konnte es nicht helfen. Die Silberhochzeit fiel auf einen Sonntag. Hinzu kommt (und das gilt in jedem Jahr!), dass es zwar vom 9.11. bis zum 3.10. eine ganze Weile hin ist, dass es aber – und das muss Kohl übersehen haben – vom 3. Oktober bis zum 9. November keine sechs Wochen sind. Das „glücklichste Volk der Welt“, wie Walter Momper dereinst, nämlich am besagten 9.11.89, die Deutschen genannt hatte, hat seither keinerlei Probleme damit, diesen vergleichsweise kurzen Zeitraum mit der pausenlosen Zurschaustellung seines Glückes zu füllen. Und schon kommen einem diese knapp sechs Wochen nicht mehr ganz so kurz vor. Der Höhepunkt des Glücks überfällt uns am 9. November selbst, also dem Abschluss der deutschen Jahreszeit, und dieses Mal, also am Sonntag, war es wegen des Silberjubiläums besonders schlimm. Ganz und gar unerträglich, um ein Idiom des Kanzlers der deutschen Einheit zu benutzen. Aber gut, wir haben es geschafft. Wir haben auch das hinter uns gebracht.


Meine Devise lautet: „Man muss auch Gönnen Können“, wie ich schon vor Jahren eine Kolumne über den „Machtkampf zwischen Freiheit und Sozialismus“ betitelte. Will sagen: ich habe nichts dagegen, wenn Menschen, sogar deutsche Menschen, sich freuen, auch wenn ich selbst mich außerstande sehe, mich mit zu freuen. Das ist für mich kein Problem, schon allein deshalb nicht, weil ich mich ja über andere Dinge freuen kann. Wenn zum Beispiel eine grüne Verhandlungsführerin engagiert in die Fernsehkameras erklärt, dass sie felsenfest zum Unrechtsstaat stehe und dass deshalb selbiger, also der Unrechtsstaat, nicht verhandelbar sei, dann, ja dann... - freue ich mich. Oder wenn die Linkspartei-Linken, die „Reste der Drachenbrut“, wie der große Wolf Biermann sie liebevoll nennt, sich nach dieser schlimmen Schmähung innerhalb weniger Stunden wieder aufrappeln können, sich erheben und gemeinsam mit ihren unzweifelhaft demokratischen Kolleginnen und Kollegen im Deutschen Bundestag das Lied der Deutschen des leidenschaftlichen Nationalchauvinisten und besessenen Antisemiten Hoffmann von Fallersleben schmettern, dann, ja dann...

Alles kein Problem, der Eine freut sich hierüber, der Andere darüber. Sie mögen sich freuen, meine deutschen Landsleute! Nochmal: kein Problem! Etwas nervig – ja, aber das ist mein Problem. Das Problem der Deutschen ist allerdings, dass sie sich über etwas freuen, das einerseits für sie in der Tat ziemlich wichtig ist: sozusagen ihr Gründungsmythos, das Selbstbild ihrer Identität. Andererseits erzählen sie sich dazu eine Geschichte, die zwar schmeichelhaft ist, dafür aber nur wenig realitätskongruent. Sie geht etwa so: irgendwie war es nach dem Krieg, also dem letzten Krieg, wie wir ihn zu nennen pflegen, einer Clique von Kommunisten gelungen, in einem Teil Deutschlands die Macht an sich zu reißen. Also sollte in diesem Teil der Kommunismus eingeführt werden – an und für sich eine schöne Utopie, die sich natürlich nicht verwirklichen lässt. Das Volk – immerhin Deutsche! - merkte das schnell und setzte sich ab in die freie Welt, in das freie Deutschland. Daraufhin sperrten die Kommunisten – aus ideologischer Verblendung und / oder aus Machtgier – die Menschen ein und drangsalierten sie. Die wiederum ließen sich das nicht gefallen und fegten via Revolution die Diktatoren hinweg. Freiheit, deutsche Einheit, Jubeln vor Glück...


Ich habe diese Geschichte so kurz wie möglich zusammengefasst, weil Sie diese Story vermutlich fast genauso häufig gehört haben wie ich. Sie hat, wie gesagt, nicht allzu viel mit der realen Geschichte zu tun. Das Problem beginnt da, wo man „aus der Geschichte lernen“ soll, wie Walter Bau seine kurze Mahnung in der WAZ überschreibt. Ich habe mir seinen Kommentar beispielhaft herausgegriffen, ich hätte auch irgendeinen anderen nehmen können. In sämtlichen Medien waren in der letzten Zeit Kommentare wie dieser zu lesen. Walter Bau bildet keineswegs eine schlimme Ausnahme, im Gegenteil: er ist ein von mir geschätzter Journalist, mit dem ich in den meisten politischen Dingen weitgehend übereinstimme. Ich habe seinen Artikel gewählt, gerade weil er so repräsentativ ist. Bau schreibt: „Aus der Geschichte der DDR lässt sich vieles ablesen – von der Pervertierung einer politischen Idee über die Totalüberwachung eines Volkes bis hin zum Sieg der Bürger über ein kollabierendes Unrechtsregime.“ Die Geschichte, so wie sie heutzutage erzählt wird.

Walter Bau schließt mit der Frage: „Ist es zu weit hergeholt, Deutsche Geschichte als eigenes Schulfach zu fordern?“ Ja, lieber Herr Bau, das ist zu weit hergeholt, entschieden zu weit hergeholt. Einmal ganz abgesehen davon, dass hierzulande selbstverständlich die deutsche Geschichte über die Jahrzehnte und die Schuljahre hinweg im Zentrum des Geschichtsunterrichts steht, und auch abgesehen davon, dass mir nicht so ganz klar ist, was Sie sich dabei gedacht haben mögen, das Adjektiv „deutsche“ als Attribut für „Geschichte“ großzuschreiben, verkennt Ihr Vorschlag, dass das Ende der DDR, wie übrigens auch ihr Anfang, mit seiner Zuordnung zur „deutschen Geschichte“ nicht hinreichend zu erfassen wäre. Ohne hier auf die durch die Indiskretionen über Helmut Kohl ausgelöste Diskussion, ob nun die DDR-Bürgerrechtsbewegung oder Michail Gorbatschow einen größeren Anteil am Ende der DDR hatten, näher eingehen zu wollen, lässt sich feststellen, dass ohne die Zustimmung oder zumindest Duldung Moskaus weder das Machtmonopol der SED hätte gebrochen noch die deutsche Wiedervereinigung hätte vollzogen werden können.


Und so wie das Ende dieser Geschichte nicht ganz richtig erzählt wird, so... - nein! Der Anfang dieser Story wird, wenn nicht gleich im Dunkeln gelassen, völlig falsch vorgetragen. Es war eben nicht so, dass nach dem Zweiten Weltkrieg eine Clique von Kommunisten irgendwie (?) die Macht im Osten Deutschlands an sich reißen konnte. Vielmehr war es so, dass die spätere DDR die sowjetische Besatzungszone war und dass der sog. Kalte Krieg sich so früh manifestiert hatte, dass ein geeintes Deutschland keine Chance hatte. Stalin war an einem neutralen, entmilitarisierten Deutschland durchaus interessiert, weil dann Amerikas NATO noch ein Stück weiter weg von der Sowjetunion gestanden hätte. Keine Chance, die USA konnten ihr Ding durchziehen, und das bedeutete, dass die schon vor Kriegsende gezogenen Ost-West-Grenzen bzw. Zuordnungen von Einflusssphären in Kraft traten. Wovon bekanntlich nicht nur Deutschland, sondern Ostmitteleuropa insgesamt getroffen war.

Die Westmächte gründeten in ihrer Trizone den Staat BRD, die Sowjets konterten mit der Gründung der DDR in ihrer Zone. Ein stalinistischer Staat - was denn sonst?! -, mit dessen „Aufbau“ (DDR-Lieblingsbegriff) die Handvoll Kommunisten beauftragt war, die in Moskau Exil gefunden (und dies überlebt) hatten. Auf Stalin folgte Chruschtschow, der „reale Sozialismus“ war nicht mehr ganz so furchtbar, allerdings ist aus Chruschtschows Ankündigung, man werde in Kürze den Kapitalismus überholen, nichts geworden. Im Gegenteil: das Wohlstandsgefälle zwischen West und Ost stieg mehr und mehr, so dass Chruschtschow Anfang der 1960er Jahre vor der Wahl stand, entweder das zu tun, was Gorbatschow 1989 getan hatte, nämlich die DDR und mit ihr ganz Osteuropa aufzugeben, oder aber, es nicht zu tun. Chruschtschow entschied, das osteuropäische Glacis zu behalten, und das bedeutete, die Menschen – auch gegen ihren Willen – auf den Territorien des sowjetischen Vorfeldes festzuhalten. Chruschtschow ließ den Eisernen Vorhang hinunter, der sich „durch ganz Europa von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer“ zog.


Dies alles ist bestens bekannt. Niemand, wirklich niemand innerhalb der bereits in Jalta festgelegten sowjetischen Einflusssphäre hätte sich der Moskauer Entscheidung, die Grenzen gen Westen zu sperren, widersetzen können. Niemand, schon gar kein Deutscher. Jeder, wirklich jeder wusste das. Im Sommer 1987, also zweieinhalb Jahre vor dem Mauerfall, rief US-Präsident Reagan unter großem Applaus in Berlin: „Mr. Gorbachev, open this gate! Mr. Gorbachev, tear down this wall!“ Wie jetzt bekannt geworden ist, hatten zu diesem Zeitpunkt Gorbatschow und die Entscheidungsträger in Moskau genau dies, nämlich den Abriss der Mauer, in Erwägung gezogen. Dass Honecker und Konsorten über die Planung ihrer Entmachtung wenig erfreut waren, kann nicht verwundern. Und doch waren es nicht sie, die über Sein oder Nichtsein der Mauer und damit der DDR zu befinden hatten, sondern ihre Vorgesetzten in Moskau. Und bürgerbewegte friedliche Revolutionäre, die einen demokratischen Sozialismus mit menschlichem Antlitz wollten, hatten erst recht keinerlei Einfluss auf den Gang der Dinge.

Der am Sonntag wieder einmal groß gefeierte „Sieg der Bürger über ein kollabierendes Unrechtsregime“ (Walter Bau) ist nichts als ein Phantasma. Nun spielen imaginäre Phantasien in der Psychoanalyse eine ziemlich wichtige Rolle, etwa wenn es um die Selbstbehauptung, um die Auflehnung gegen unwürdige Verhältnisse geht. Es ist offensichtlich, dass es den Deutschen nach diesem Gründungsmythos dürstet, der sie als Volk von Freiheitskämpfern ausweist, das die scheinbar übermächtigen Tyrannen besiegt. Bau will dafür das Schulfach „Deutsche Geschichte“ („deutsche“ groß geschrieben) einführen. Alles schön und gut. Warum nicht auch mal sich selbst ein wenig schmeicheln?! - Die Gegenfrage mag auf die Spur zur Antwort führen. Warum werden die Jubelfeiern zum German Nineeleven mit solcher Inbrunst inszeniert? Warum wird Freude gleichsam zum Zwang? Warum wird keinerlei Widerspruch zu der schwer glaubhaften Geschichte geduldet? Warum wird jeder Zweifel an der Unrechtsstaat-Saga mit einem Ausschluss aus der idellen Volksgemeinschaft sanktioniert?


Werner Jurga, 12.11.2014




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