Bild: Vlahovic (The Guardian)


Plötzlich und unerwartet: der Abschwung

Standhalten und weiter sparen!


Mittwoch, 15. Oktober 2014. Ja, Moment mal! Wie kann das denn jetzt?! Damit haben wir ja überhaupt nicht gerechnet. Eine unangenehme Überraschung. Das kann doch wohl nicht wahr sein! Plötzlich und unerwartet… - gerät die Wirtschaft ins Stocken. Unsere Wirtschaft! Das erzählen sie jedenfalls, und zwar alle. Sie wissen schon: die Experten, die Institute und jetzt auch die Bundesregierung. Und wenn das alle sagen, wird es ja wohl stimmen. Wobei: so richtig Gewöhnen kann ich mich an diesen Gedanken eigentlich nicht. Ich weiß nur: wir Deutsche sind Exportweltmeister. Das müsste so etwas sein wie Wirtschaftsweltmeister, denke ich. Dabei sind auch wir hier wahrlich nicht auf Rosen gebettet. Aber egal: Wirtschaftseuropameister sind wir auf jeden Fall. Das ist ja auch wirklich schlimm, was man aus Europas Krisenländern immer hören musste. Die aus dem Süden, die nicht sparen wollen, wahrscheinlich auch nicht sparen können, weil sie es nicht gelernt haben.  

Das ging los mit den Griechen, dann die Portugiesen und Spanier, schließlich die Italiener und Franzosen. So weit, so gut. Die haben Wirtschaftskrise, irgendwie immer, das ist klar. Aber wir doch nicht! Wir sparen doch wie die Weltmeister. Und zur „Belohnung“ sollen wir jetzt auch eine Krise bekommen?! Also, gerecht ist das nicht. Wir strengen uns doch wirklich an. Nächstes Jahr schaffen wir sogar die „schwarze Null“, sagt die Regierung. Da kann man doch stolz drauf sein. Da sieht man einmal, was die Politiker leisten können, wenn sie es nur wollen. Wenn die damit aufhören, sich gegenseitig runterzumachen, sondern gemeinsam an der Lösung der Probleme arbeiten. Dafür werden sie ja schließlich auch bezahlt. Na bitte, es geht doch. Kompliment an die da oben. Was ich aber dann erst recht nicht verstehe: wieso es unter diesen – muss man schon sagen – idealen Umständen mit unserer Wirtschaft abwärts gehen sollte.

Andererseits: wenn die es selbst sagen, wird schon etwas dran sein. Aber woran liegt das nur? Ich könnte mir ja vorstellen, dass das Ausland schuld ist. Also sozusagen eine importierte Krise, wie die Fachleute sagen. Das ergibt Sinn, das ist logisch: wenn die Anderen alle, weil sie nicht sparen können, pleite sind, ihnen also das Geld fehlt, um unsere tollen Maschinen, Autos und all das Zeug bei uns kaufen zu können, dann bricht unser Export ein. Im August um 5,8 %. Dafür können wir zwar nichts, aber wir müssen es natürlich ausbaden. Denn weil wir, wie es sich gehört, eine stark exportabhängige Wirtschaft haben, gehen dann auch die Industrieaufträge und die Produktion zurück. Wir dürfen uns allerdings jetzt nicht verrückt machen. Die August-Zahlen sagen nämlich nicht die ganze Wahrheit, sagen einige Experten. Die haben herausgefunden, dass in vielen Bundesländern diesmal die Sommerferien im August gelegen haben. Das verzerrt freilich das Bild.

Warten wir einfach mal die September-Zahlen ab, da kann die ganze Sache schon wieder ganz anders aussehen. Nun gut, der Aufschwung ist vorbei. Von mir aus. Wenn das alle sagen, wird es ja wohl stimmen. Aber Abschwung? So etwas gibt es doch gar nicht. Jedenfalls nicht bei uns. Warum auch? Die Russland-Sanktionen? Das kann eigentlich nicht, weil die ja die Russen treffen sollen, und nicht uns. Gucken Sie mal in die Zeitung: die Russen spüren die Sanktionen sehr wohl! Und wir? Wenn überhaupt, dann läuft auch dieser Randaspekt bei mir unter „importierter Krise“ (siehe oben). Allerdings muss ich davor warnen, die Schuld immer nur bei den Anderen zu suchen. Nationale Überheblichkeit darf, selbst wenn man Alles richtig macht, in einer globalisierten Welt nicht den selbstkritischen Blick auf Dinge versperren, die weiter verbessert werden können. Oder gar auf Dinge – in einer Demokratie muss man das sagen dürfen! – die wirklich falsch waren.

Zum Beispiel das „Müttergeld“, die sog. „Rente mit 63“ oder der Mindestlohn. Ich bin nicht der Erste, der diese von der Großen Koalition beschlossenen Kostenfaktoren in Verdacht hat, für das jetzige Stottern unserer Wirtschaft verantwortlich zu sein. Namhafte Vertreter der Wirtschaftsverbände und des CDU-Wirtschaftsflügels haben den Mut aufgebracht und diese vermeintlichen „sozialen Wohltaten“ als Krisenursache benannt. Kleiner Schönheitsfehler: nichts von diesem ganzen Sozialklimbim ist bereits in Kraft, alles kommt erst noch. Oder: soll erst noch kommen. Das heißt aber nichts; denn wer auch nur ein bisschen Ahnung von Wirtschaft hat, weiß natürlich, dass Wirtschaft zu einem ganz großen Teil aus Psychologie besteht. Und das bedeutet: allein die Ankündigung, anstrengungslosen Wohlstand über das gemeine Volk ausgießen zu wollen, nimmt den Leistungsträgern die Lust auf Leistung, belastet das Investitionsklima und treibt so die Fleißigen dahin, wo die Faulen schon sind: in die soziale Hängematte.

Ob es nun so gewesen ist oder auch nicht, eine Sache jedenfalls ist völlig klar: ab sofort sind keine weiteren sozialen Wohltaten mehr drin. Allein schon deshalb, weil wir sie uns gar nicht mehr leisten können. Sie kennen das ja: Abschwung, das heißt mehr Arbeitslose, die fürs Nichtstun abkassieren, und gleichzeitig weniger Einnahmen in den Steuer- und Sozialkassen. Es können harte Zeiten auf uns zukommen. Sogar die „schwarze Null“ könnte in Gefahr geraten. Standhaftigkeit ist gefragt. Jetzt müssen unsere Politiker zeigen, was sie wirklich drauf haben. Die Kanzlerin, der Finanz- und der Wirtschafts-minister haben deutlich erklärt, dass sie trotz Abschwung gar nicht daran denken, mit dieser Schulden-macherei einfach mal so weiterzumachen. Werden sie standhalten oder bei der kleinsten Brise Gegen-wind nachgeben? Der Wind wird heftiger werden. Die ganze Welt, alle Ökonomen und demnächst auch unsere Kostgänger werden den Druck erhöhen. Merkel, Schäuble und Gabriel können ihr Meisterstück abliefern.

Werner Jurga, 15.10.2014




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