Buchcover "Vermächtnis"



Die spektakulären Erinnerungen des 
Helmut Kohl

Mittwoch, 8. Oktober 2014. Was für eine Aufregung um diese Kohl-Protokolle! Dabei: der Mann hat doch Recht. Gorbatschow ist „gescheitert“. Ja, was denn sonst?! Er ist es, und er war es schon damals. Ja, was glauben Sie denn? Dass Gorbatschow im Sommer 1990 dem „Kanzler der Einheit“, wie die Deutschen ihren einstigen Regierungschef zu nennen pflegen, auf dem Strickjackentreff im Kaukasus gesagt hätte: „Helmut, jetzt wo ich auf ganzer Linie gesiegt habe, kommt es mir auf dieses bisschen Ostdeutschland auch nicht mehr an. Die DDR kannst Du ruhig haben. Ich verlange auch keine Gegenleistung. Wir sind doch Freunde.“ Nein, so war das nicht. Ja, sie hatten Strickjacken an, das ist wahr. Freunde aber konnten sie nicht mehr werden, nachdem der promovierte Historiker aus der Pfalz den sowjetischen Generalsekretär mit Goebbels verglichen hatte. 

Folglich war es auch kein Freundschaftsdienst, dass Michail Gorbatschow dereinst Helmut Kohl bzw. den Deutschen die Ehemalige vermacht hatte. Schon ein halbes Jahr zuvor war die Mauer gefallen und der Stacheldrahtzaun abmontiert. Was hätte Gorbi, wie die Deutschen ihren vermeintlichen russischen Freund zu nennen pflegen, denn jetzt noch machen sollen? Einen Krieg anfangen mit jenen, die man in ihren großen Massenblättern um eine kleine Spende anschnorrt? Nein, nein, Kohl hat absolut Recht: Gorbatschow ist „durch die Bücher durchgegangen" und hat festgestellt, dass er „am Arsch des Propheten" ist. O-Ton Helmut Kohl: „Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der Heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert." Dass es sich hier um einen O-Ton handelt, sehen Sie an dem schlichten (wenn auch falschen) „hat“. 

Selbstverständlich hätte sich der Heilige Geist zwecks Weltveränderung des Konjunktivs I („habe“) oder noch besser: des Konjunktiv II („hätte“) bedienen müssen, womit ich wiederum nicht das Klischee bedienen möchte, Kohl hätte die deutsche Sprache nicht beherrscht. Vielmehr ist dieser kleine Fauxpas ein Beleg dafür, dass hier aus einer Tonbandaufzeichnung zitiert wird. In einer Plauderei am heimischen Tisch spricht niemand druckreif, auch Kohl nicht. Dass er kein begnadeter Rhetoriker war, ist weithin bekannt. Dafür sah Kohl politische Ursache-Wirkungs-Beziehungen deutlich klarer als manch Andere. Etwa wenn er äußert, dass die Vorstellung, die Revolutionäre im Osten hätten in erster Linie den Zusammenbruch des Regimes erkämpft, dem "Volkshochschulhirn von Thierse" entsprungen sei. Keine Frage: diese Kohl-Protokolle sind ein Dokument der Zeitgeschichte.

Sie entstammen 630 intensiven Plauderstunden, die Helmut Kohl zwischen März 2001 und Oktober 2002 mit Heribert Schwan verbrachte. Gedacht als Rohmaterial für Kohls Autobiographie, die Schwan als Ghostwriter anfertigen sollte. Drei Bände sind längst erschienen, als Kohl – möglicherweise unter dem Einfluss seiner Frau Maike – Schwan ohne Angabe von Gründen das Mandat entzieht. Schwan, der verständlicherweise darüber verärgert ist, bearbeitet das restliche Material und veröffentlicht es auf eigene Faust. Rechtlich ein äußerst fragwürdiges Vorgehen, zumal ein Gericht entschieden hat, dass Schwan die Bände an Kohl aushändigen muss. Schwan begeht damit einen „Vertrauensbruch“, befindet der Spiegel, was ihn jedoch nicht davon abhält, Auszüge aus dem Schwan-Buch mit den schönsten Kohl-Zitaten zu veröffentlichen.

Ein Dokument der Zeitgeschichte, keine Frage. Und doch: Spektakuläres ist in den Darlegungen des „Kanzlers der Einheit“ nicht zu finden. Dahinter, dass die Deutschen das große Glück ihrer Wieder-vereinigung weniger einer Handvoll Pastöre, Kunstmaler und Minnesänger zu verdanken haben als der kritischen Gorbatschowschen „Durchsicht der Bücher“, hätten sie nach einigem Nachdenken auch selbst kommen können. Alles andere ist weitgehend irrelevant, innerparteilicher Knatsch längst vergangener Tage. Keine Tatsachenbehauptungen, sondern reine Wertungen. Norbert Blüm, ein „Verräter“? Das kann man natürlich so oder so sehen. Kohl hat großen Wert auf seine Sicht gelegt: „Da muss bei Blüm das Wort rein: Verräter. In irgendeiner Form." Das verstehe, wer will: „in irgendeiner Form." In Schriftform, nehme ich an. Keine Ahnung, der Altkanzler scheint emotional bewegt gewesen zu sein.

Kohl über Blüm: „Im Lichte der Ereignisse frage ich mich heute, wie ich mich so in seinem Charakter täuschen konnte." Ja, Herr Doktor Kohl, das frage ich mich allerdings auch. Merkwürdig. Politische Ursache-Wirkungs-Beziehungen sah Kohl deutlich klarer als manch Andere. Menschlich hingegen scheint der Pfälzer nicht sensibler zu ticken als der Mainstream seiner Landsleute, die den kleinen Opel-Bandarbeiter aus dem Revier so gern in Fernsehshows sehen. Wer weiß, vielleicht ist auch so etwas für Historiker von Interesse. Kohl hatte Blüm irgendwann einmal für eine ehrliche Haut gehalten. Ich gebe zu: amüsant ist es schon. Aber da kann man einmal sehen, von welchen Vollpfosten sich dieses überaus glückliche Volk regieren lässt. „Die Merkel hat keine Ahnung, und der Fraktionsvorsitzende ist ein politisches Kleinkind", sagt Kohl. Er selbst hat sich für etwas Besseres gehalten.

Werner Jurga, 08.10.2014