Antje Sirleschtov (Screenshot youtube)


Große Koalition  

Die SPD und die Friseurinnen in Thüringen


Sonntag, 20. Oktober 2013. Der SPD-Konvent in Berlin hat begonnen und enden wird er – da wird Antje Sirleschtov mit ihrem Artikel im heutigen Tagesspiegel schon recht behalten - mit der Zustimmung zu Koalitionsverhandlungen mit CDU und CSU. „Natürlich werden die 200 Genossen des SPD-Konvents an diesem Sonntag ihrer Parteiführung das `Go´ für Koalitionsverhandlungen mit der Kanzlerin geben. Was denn sonst! Erst die Backen aufblasen und dann kneifen?“ Einmal ganz abgesehen davon, dass Antje Sirleschtov aus Hannelore Krafts aufgeblasenen Backen, die dann gekniffen haben, etwas völlig anderes vernommen hat als die meisten in diesem unseren Lande.  


Im Grunde hat Sirleschtov Recht: „Am Ende haben die Genossen immer gewusst, wo ihre Aufgabe ist, nämlich bei den Leuten. Ihren Alltag ein klein wenig besser machen: Da sieht die Sozialdemokratie ihre Bestimmung.“ So soll es sein, so wird es sein: die SPD bei den Leuten. Und zwar nicht nur bei den „eigenen“ Leuten, sondern bei allen Leuten, wenn sie denn – das ist allerdings schon die Voraussetzung – klein sind. Die SPD ist nämlich – das weiß man aber! - die Partei der kleinen Leute. Insofern also auch die Partei der Friseurinnen in Thüringen. Ob die das nun wollen, wissen oder auch nur wahrhaben wollen oder nicht, die Thüringer Friseurinnen.  


Nun liegen mir keine belastbaren Daten über das Wahlverhalten der dortigen Hairstylistinnen vor, und die letzte Landtagswahl in Thüringen liegt jetzt auch schon vier Jahre zurück. 18,5 % hatten seinerzeit die SPD gewählt. 18,5 % aller Thüringer, nicht nur der Friseurinnen. Und die Wahlbeteiligung war 2009 mit 56,2 Prozent deutlich angestiegen gegenüber der Wahl zuvor in 2004 (53,8 Prozent). Wir dürften folglich annehmen, dass rund 10% der Thüringer Friseurinnen SPD-Wählerinnen wären, wenn wir nicht – freilich in aller Vorsicht – berücksichtigen müssten, dass die Wahlbeteiligung in dieser Berufsgruppe etwas unter dem Durchschnitt liegen könnte, und dass in den neuen Bundesländern die SPD nun nicht gerade der Geheimtipp sämtlicher Geringverdiener ist.  


Vielleicht auch deshalb, weil die Sozialdemokraten ihre Liebe zum Mindestlohn erst sehr spät entdeckt hatten? Es ist ein wenig in Vergessenheit geraten, dass es die deutschen Gewerkschaften waren, die bis 2006 jeden staatlich festgesetzten Mindestlohn mit Zähnen und Klauen bekämpft hatten. Das Umdenken in den Gewerkschaften begann 2007, woraufhin sich die SPD auf ihrem Berliner Parteitag 2011 für den Mindestlohn ausgesprochen hatte. Im und nicht zuletzt auch nach dem Bundestagswahlkampf 2013 konnte man dann aber den Eindruck gewinnen, dass der staatlich festgesetzte Mindestlohn im Grunde den Vereinszweck dieser 150 Jahre alten Partei darstellt.  


Da sieht die Sozialdemokratie ihre Bestimmung“, schreibt Antje Sirleschtov. „Und ob es nun für einen großen Schritt reicht... oder nur für den kleinen: Das macht am Ende kaum einen Unterschied.“ Außer vielleicht für die Thüringer Friseurinnen. Sie sind, wenn schon nicht die „Herzkammer“ der SPD, so doch – wenn man Frau Antje aus dem Berliner Parlamentsbüro Glauben schenken darf – das Gewissen der Partei: „Wer noch immer glaubt, es sei besser, in Würde gegen diese Kanzlerin zu opponieren, statt sich in ihre Regierung zu setzen, der soll das mal den Friseurinnen in Thüringen erklären: Lieber kein Mindestlohn für Euch, weil es für die reine sozialdemokratische Lehre kein Mandat gibt?“  


So geht es natürlich nicht. Ideologisch verblendete Genossen oder einfach nur schlechte Wahlverlierer. Mann, Mann, Mann! Die „Würde der Partei“ gegen das dringend benötigte Geld der armen Friseurinnen? Ich glaube es wohl! Ob es „nun für einen großen Schritt reicht... oder nur für den kleinen“: die Thüringer Friseurinnen werden in jedem Fall die ersten sein, die achtkantig rausfliegen, weil nämlich Lohnsubventionen nicht auf der Agenda der Großen Koalition stehen. Und profitgierigen Unternehmern, die nicht einmal den Anstand besitzen, ihre Mitarbeiter ordentlich zu bezahlen, dafür auch noch Steuergelder hinterher zu werfen, kommt schon mal gar nicht in Frage. Allein schon wegen der Würde der Partei.  


Nein, die Reihenfolge muss klar sein“, darauf pocht Antje Sirleschtov, Leiterin des Parlamentsbüros des Berliner Tagesspiegels, Vorstand der Bundespressekonferenz: „Erst das Land, erst die Menschen, dann die Partei.“ Darauf hatte ich gewartet. „Erst das Land, erst die Menschen...“, aber selbstverständlich. Ein Parteikonvent, der das Wohl der Partei im Auge hat. Wo gibt es denn sowas?! Und damit auch dies klar ist! Die Wahl ging „25,7 zu 41,5 für die Union“ aus. „Man muss es vielleicht noch mal aussprechen: Die SPD hat die Bundestagswahl mit Abstand zur Union verloren.“ Ja, das kann man gar nicht oft genug sagen, liebe Antje Sirleschtov. Also? „Die SPD wird also ein paar harte Jahre vor sich haben.“ Danke, Antje!  


Ja gut, ey, “harte Jahre“... - ist schon klar. Aber, wenn ich einmal fragen darf: was sollen wir denn jetzt machen? Kein Problem, Sirleschtov weiß Rat. Es folgt das absolute Highlight aus dem Programm „Verzweifelte Sozialdemokraten fragen, Frau Antje antwortet“: „Zunächst muss der Versuch unternommen werden, wenigstens einige der richtigen Erkenntnisse aus dem Wahlprogramm in ein Koalitionsbündnis einzubringen.“ Ach ja, sicher, da hätte man drauf kommen können. „Richtige Erkenntnisse“, natürlich, das tut gut! „Einbringen“ - ja ganz genau! „Einige“, nicht alle – das ist ja logisch, bei dem Ergebnis! Und zwar? „An vorderster Stelle ein Mindestlohn.“ Schon allein wegen der Friseurinnen in Thüringen, nehme ich an.  


Werner Jurga, 20.10.2013





Seitenanfang