Robert D.:
"Kauzig, aber nicht gefährlich"


Todesschüsse in Goch

Ein Fall von Notwehr


Freitag, 26. September 2014. Robert D. ist tot. Am 11. August 2014 starb er im Alter von 37 Jahren im Stadtpark von Goch. In der Niers – das ist der kleine Fluss, der durch das schöne Städtchen und seinen nicht minder schönen Stadtpark fließt. Robert D. war in Goch stadtbekannt und er war „als psychisch auffällig stadtbekannt“, wie es in der Lokalzeit Duisburg vom 12. August hieß. Er „galt als kauzig, aber nicht als gefährlich“. Aber, so kann man sich irren: am 11. August ist Robert D. mit einem Taschenmesser in der Hand auf einen Polizeibeamten losgegangen - „ausgeklappt waren die Säge, der Schraubenzieher und der Dorn des Multifunktionsmessers“. So steht es in der Rheinischen Post, die sich auf die Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft beruft. Dem Polizisten blieb unter diesen Umständen nichts anderes übrig, als sich selbst zu schützen. Er – O-Ton RP - „musste wohl in Notwehr handeln“. Deshalb schoss er Robert D. gleich dreimal in die Brust.  


Robert D. war kein Unbekannter – in Goch nicht, und auch für die Behörden nicht. Bis vor nicht allzu langer Zeit war er noch in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht. Danach, also auch an diesem unseligen 11. August, stand D. unter Betreuung. Leider konnte auch dadurch nicht verhindert werden, dass Robert D. illegale Drogen zu sich genommen hatte. Im toxikologischem Bericht konnte ihm – freilich posthum - Cannabis-Konsum nachgewiesen werden. Welch dramatische Folgen das Rauchen von Haschisch nach sich ziehen kann, sollte sich an diesem herrlichen Sommertag in Goch zeigen. Robert D. saß nackt im Stadtpark, was zweifellos eine Straftat darstellt. Wie gut also, dass zwei aufmerksame Gocher Bürger die Polizei um Hilfe gerufen hatten! Kurz darauf traf eine Streife am Ort des Geschehens ein. Doch als die beiden Beamten den Missetäter ansprachen, „ergriff dieser“ - wieder O-Ton RP - „plötzlich die Flucht“.  


Selbstverständlich nahmen die beiden Staatsdiener, wie in jeder guten Vorabendserie, unverzüglich die Verfolgung des Nackedeis auf. Dabei versuchte der eine, Robert D. den Weg zur Niers abzuschneiden. Leider vergeblich, weshalb der andere dem flitzenden Robert in den kleinen Fluss folgen musste. Es versteht sich von selbst, dass die polizeitaktische Überlegung, warum nun genau der Beamte ebenfalls in den Fluss steigen musste, der Geheimhaltung unterliegt. Etwaige Nachahmungstäter könnten andernfalls Rückschlüsse auf die polizeitaktischen Finessen in Goch ziehen. In der Niers selbst jedenfalls – und dies verdeutlicht das Ausmaß der kriminellen Energie dieses mittlerweile von uns gegangenen Robert D. - brach dieser seine Flucht so plötzlich ab, wie er sie begonnen hatte. Er kehrte um und bewegte sich mit dem schon erwähnten Taschenmesser drohend auf den ahnungslosen Polizisten zu, der vorsorglich schon einmal seine Dienstwaffe gezückt und entsichert hatte.  



Staatsanwalt Stefan Müller:
„Noch fünf bis zehn Sekunden
nach Brustschuss handlungsfähig"


Der Beamte habe dann einen Warnschuss in die Luft abgefeuert, was die Staatsanwaltschaft von den beiden Polizisten erfahren haben muss; denn es gab ja keine weiteren Augenzeugen. Wohl aber Ohrenzeugen, die jedoch nur drei Schüsse gehört haben wollen. Einer zu wenig, weil drei Kugeln ja schon in Robert D.´s Brust steckten. Aber was soll´s? Was die Leute immer so erzählen?! Die hielten schließlich auch – siehe oben - Robert D. für „kauzig, aber nicht für gefährlich“. Nun gut, nach dem Warnschuss musste der Polizeibeamte, da sich der Täter nicht beeindrucken ließ, auf Robert D. schießen. Bedenken Sie bitte! Auch wenn D. das kleine Messer selbst nicht ausgeklappt hatte, auch mit der Säge, dem Schraubenzieher oder dem Dorn eines Taschenmessers hätte der Täter den Gesetzes-hüter gefährlich verletzen können. Also ein Schuss zur Selbstverteidigung. In die Brust, weil Robert D. doch mit den Beinen in der Niers stand und weil ein Kopfschuss von polizeifeindlichen Schreiberlingen gewiss als unverhältnismäßig denunziert worden wäre.  


Das Problem bei so einem Brustschuss ist nur: er bringt nichts. Denn „der Getroffene kann“ - jetzt halten Sie sich fest! - „noch fünf bis zehn Sekunden nach einem Treffer handlungsfähig bleiben". Das weiß Staatsanwalt Stefan Müller, dem ich allerdings dringend davon abraten würde, diese auf unsereins zunächst einmal etwas überraschend wirkende Erkenntnis in einem Selbstversuch zu testen. Also: testen zu lassen. Das wird er wohl auch nicht tun, weil er weiß, dass nach diesen „fünf bis zehn Sekunden“ durchaus, wenn es schlecht läuft, gesundheitliche Folgeschäden eines Schusses in die Brust nicht ganz ausgeschlossen werden können. Aber eben diese „fünf bis zehn Sekunden“... - was hätte da nicht alles passieren können?! Diesem tapferen Polizisten, der Tag für Tag für unser aller Sicherheit seine Knochen hinhalten muss. Also – ein drittes Mal O-Ton RP - „entschied sich dieser, zwei weitere Schüsse abzugeben, die das Todesopfer zweimal in der Brust trafen“.  


Der Abschlussbericht steht zwar noch aus, aber, so Staatsanwalt Stefan Müller: „Wenn es bei diesem Sachverhalt bleibt, müssen wir von Notwehr im Einsatz ausgehen." Damit ist dann für die Staats-anwaltschaft der Fall erledigt. Bitter für den Polizeibeamten, der möglicherweise noch den Rest seines Lebens unter den Folgen dieses furchtbaren Geschehens zu leiden haben wird. Erschütternd. Die WDR-Lokalzeit Duisburg hat gestern ihren Beitrag zum Thema mit den bewegenden Worten beendet: „Dass er einen Menschen mit seiner Dienstwaffe getötet hat, wird er mit sich selber ausmachen müssen.“ Aber daran denkt ja niemand! Die Menschen denken stattdessen an Robert D., 37 Jahre alt, der „vielen Parkbesuchern als Sonderling mit merkwürdigem Benehmen, nicht aber als gefährlich“ galt. Er wird in Erinnerung bleiben, wenngleich auch nur den Spaziergängern im Stadtpark von Goch. Einige von ihnen werden den Sommer 2014 noch sehr lange in Erinnerung behalten. Sie werden uns aber nicht erzählen warum.  


Werner Jurga, 26.09.2014


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