Votan W.
ehem. "Neumühlscher Staat"
jetzt: "Nordischer Staat"

Neumühlscher Staat


Umbenennung in „Nordischer Staat“


Sonntag, 21. September 2014. Die Gruppe Neumühlscher Staat“, die in den letzten Monaten durch eine ganze Reihe spektakulärer fremdenfeindlicher Aktionen aufgefallen ist, hat ihre Umbenennung in „Nordischer Staat“ bekannt gegeben. Mit dem neuen Namen wolle die Organisation, so einer ihrer Sprecher, deutlich machen, dass sie ihren Befreiungskampf keineswegs auf ihre bisherige Hochburg Neumühl beschränken will, sondern den gesamten Duisburger Norden in ihre strategischen Planungen einbezieht. Die Namensänderung sei auch insofern unproblematisch, da sie – anders als etwa kürzlich bei der international bekannten Miliz „Islamischer Staat“ geschehen – eben kein neues Kürzel mitsamt der damit verbundenen Marketingproblemen erforderlich mache, sondern die bisherige Abkürzung, die ohnehin einen vertrauten Klang habe, einfach beibehalten werden könne. 


Am Rande der Infoveranstaltung im Neumühler Herz-Jesu-Gemeindezentrum hat sich die Gelegenheit ergeben, mit Votan W. (Kampfname), einem ranghohen Vertreter des „Neumühlschen Staates“, zu sprechen. Aus naheliegenden Gründen war W. freilich nicht bereit, seinen bürgerlichen - „in den Ämtern des Besatzerstaates registrierten“ - Namen preiszugeben. Zumal er auch nach erfolgter Reinigung (zunächst einmal) des gesamten Duisburger Nordens von allem Fremden beabsichtige, weiterhin – dann auch in Staatslenkungsfunktionen – den Namen „Votan W.“ zu tragen. Im Exklusivinterview konzentriert sich W. auf die Erläuterung der aktuellen Kampfparole „Kein Asyl in Neumühl“, auf die Beschimpfung der von ihm als „Volksverräter“ bezeichneten Politiker und auf die Darlegung der – durch die Namens-änderung schon angedeuteten – Expansionspläne seines zweifelsohne erfolgreichen Trupps.  


Votan W. wirkt dabei, nicht zuletzt wegen der häufigen Zuhilfenahme seines Zeigefingers, sehr überzeugt und überzeugungsstark. Nachfragen hingegen bringen seinen Redefluss ins Stocken. Zum Beispiel bringt die Frage, wie sehr sich der „Neumühlsche Staat“ sowohl inhaltlich als auch strategisch an dem weltweit beispielgebenden „Islamischen Staat“ orientiere, den Duisburger Volksmodschahedin merklich ins Stocken. Seine Antwort beginnt mit einer Philippika, dass man seine Gang doch bitte nicht mehr als „Neumühlschen Staat“, sondern ab sofort ausschließlich als „Nordischen Staat“ zu bezeichnen habe. Das kommt flüssig und verschafft die nötige Zeit zum Zurechtlegen des nicht ganz unkomplizierten Statements. Ohne die Methoden der IS im einzelnen bewerten zu wollen, so Votan W., müsse der Erfolg der Miliz durchaus anerkannt werden. Vor allem das Tempo beeindrucke ihn sehr.  


Wie der Islamische, so strebe auch der Nordische Staat ein von fremden Elementen vollständig gereinigtes Staatsgebiet an. Andererseits gebe es jedoch auch einige - „kulturell bedingte“ - Unterschiede. So käme der Religion, anders als beim IS, kein allzu hoher Stellenwert zu. In dieser Hinsicht, doziert Votan W, sei der Nordische Staat „deutlich liberaler“. Katholiken und Protestanten würden genauso umstandslos akzeptiert wie Atheisten und Agnostiker, auch wenn in der Führung des Neumühlschen Staates vorwiegend an Odin bzw. Wotan geglaubt werde sowie an Thor, seinen eingeborenen Sohn. Sie wissen schon: das ist der mit dem Hammer. Aber Religion sei nicht ganz so wichtig, sagt Votan W. im Herz-Jesu-Gemeindezentrum, wobei er auch unter der Mützenmaske seine Heiterkeit nicht verbergen kann. Nein, ein Herz-Jesu-Kämpfer ist unser Votan nicht... - dafür aber froh und glücklich, diese schwierige Frage so elegant gemeistert zu haben.  


Die Sicherheitsbehörden betrachten die Aktivitäten des Neumühlschen Staates nicht ohne Sorge. Auch wenn nur wenige so weit gehen wie ein selbsternannter sog. Duisburger „Flüchtlingsrat“, der dem Neumühlschen, jetzt: Nordischen Staat gar die Bereitschaft zu gewalttätigen Angriffen auf Asylbewerber im ehemaligen Barbara-Hospital andichtet und deswegen eine starke Polizeipräsenz an der Landesasyleinrichtung fordert, wird das Anwachsen der germanischen Kolonne durchaus mit Argwohn verfolgt. "Gerade junge Leute lassen sich durch zielgerichtete Propaganda im Internet und über soziale Netzwerke leicht erreichen und emotionalisieren", erklärt der Verfassungsschutz, der zugleich versichert, alles Menschenmögliche zu unternehmen, um einen Anschlag zu verhindern. Von Votan W. ist über konkrete Anschlagspläne freilich nichts zu erfahren. Er möchte nicht mehr sagen, als dass die Befreiung des Barbara-Hospitals das nächste „wichtigste Nahziel“ seiner Organisation darstellt.  


Eine Studie des Innenministeriums kommt zu dem Ergebnis, dass bildungsferne, junge Männer, die in der Gesellschaft weitgehend chancenlos sind, für radikale Positionen ganz besonders empfänglich sind. Genau diese, vom großen Vorbild „Islamischer Staat“ hinlänglich bekannte, Struktur, lässt sich auch beim Nordischen (ehemals: Neumühlschen) Staat ausmachen. Beunruhigend ist deren Attraktivität gerade für junge Männer aus einkommensschwachen und bildungsfernen Schichten. Unabdingbare Voraussetzung ist freilich die autochtone (zu deutsch: reinrassige), hilfsweise: russlanddeutsche (stark in Neumühl vertrete), Herkunft. Endlich haben auch blond-blauäugige Loser-Typen eine faire Chance, ihre Identitäts- und Sinnkrise, ihr Gefühl der Chancenlosigkeit, sprich: ihren Status als Opfer der Duisburger Verhältnisse in einer Art Bekehrungserlebnis umzukehren in ein Empfinden von Macht und Stärke.  


Sozialpsychologen raten deshalb dringend zu mehr Präventionsarbeit. Psychosoziale Institute erwarten mehr Geld für das breite Spektrum entsprechender psychosozialer Aktivitäten. Die Polizeigewerkschaften erklären einvernehmlich, wenngleich unabhängig voneinander, dass die Polizei nicht die Probleme lösen könne, die die Politik ihnen überlasse. Die Integrationskommission gibt zu bedenken, dass der Neumühlsche Staat mit seiner Umbenennung in Nordischer Staat seinen Herrschaftsanspruch auf den gesamten Duisburger Norden erhebe, und bringt deshalb Waffenlieferungen an einschlägig bekannte Milizen in Marxloh ins Gespräch. Seitens der Politik wird diesbezüglich Diskussionsbereitschaft signalisiert, sofern ein Gleichgewicht zwischen den Empfängern mit türkischem und denen mit kurdischem Migrationshintergrund gewährleistet sei. Im übrigen dürften diese Waffen nur zur Verteidigung Marxlohs eingesetzt werden, nicht aber für Angriffe auf Roma und / oder Asylbewerber.  


Während absehbar ist, dass die Politik im Laufe dieses Kalenderjahres – nicht zuletzt auch wegen der offenen Koalitionsfrage – keine Gelegenheit finden wird, sich mit der in der Tat unerfreulichen Materie „Neumühlscher / Nordischer Staat“ zu befassen, regen die Kirchen ökumenische Gottesdienste an – zwecks besseren Verstehens von Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen. Worauf die Integrationskommission schon jetzt positiv reagiert hat und dies als Chance für einen vertieften interreligiösen Dialog begreift. Für den „Neumühlschen“, Entschuldigung: „Nordischen Staat“ erreicht uns nach Redaktionsschluss eine Stellungsnahme von Votan W.: aufgrund der positiven Erfahrungen im Herz-Jesu-Gemeindezentrum könne der „Nordische Staat“ für solch einen ökumenischen Gottesdienst eine Feuerpause anbieten. Vorausgesetzt natürlich, dass sich weder „Volksverräter“ (Politiker) noch „Asylschwindler“ (Asylbewerber) dort blicken ließen. Die Politik will dieses Angebot „unvoreingenommen prüfen“.  


Werner Jurga, 21.09.2014