„Welch eine fantastische Neuigkeit!“ 

Das Referendum in Schottland


Mittwoch, 10. September 2014. Eine Hyperemesis gravidarum ist, wie Ihnen bekannt sein dürfte, während des Trimenon keineswegs ungewöhnlich. Im Gegenteil: die meisten Frauen leiden im ersten Drittel der Schwangerschaft über Übelkeit bis hin zum Erbrechen. Allerdings sind einige besonders stark betroffen, etwa auch die Herzogin von Cambridge. Das ist traurig. Sie wird in den nächsten Wochen etwas kürzer treten müssen. Wir hoffen, dass die Prinzessin nicht allzu sehr leiden muss! Es ist beruhigend zu wissen, dass sie medizinisch in besten Händen ist. So können wir uns freuen, einfach nur freuen. Was war das aber auch für eine Nachricht! Großartig. Gestern twitterte das Clarence House: „Ihre Königlichen Hoheiten, der Herzog und die Herzogin von Cambridge, freuen sich sehr bekanntzugeben, dass die Herzogin von Cambridge ihr zweites Kind erwartet.“  


Also, das Clarence House, das ist Williams Büro, wobei „Büro“ hier logischerweise weniger Aktenschrank und Telefon, Schreibtisch und -stuhl bedeutet. Denn diese Dinge können ja nicht twittern. Die Rede ist vielmehr vom Mitarbeiterstab des Herrn William Windsor, der von der Oma zur Hochzeit den Titel „Herzog von Cambridge“ verliehen bekam, und der es nunmehr für angezeigt hält, die Öffentlichkeit wissen zu lassen, dass er seine traute Gemahlin ein zweites Mal geschwängert hat. Frau Mountbatten-Windsor, geborene Middleton, also die Herzogin mit der Hyperemesis, trägt den hübschen Vornamen Catherine, den wir, ihre Freunde, aus rein praktischen Gründen gern auf „Kate“ verkürzen. Natürlich englisch ausgesprochen! Nicht etwa „Käthe“, auch nicht „Kate“, sondern „Keit“ - das e und das i wie ein E und ein I ausgesprochen. Nicht wie Ei.  


Dies nur für den Fall, dass Sie sich im europäischen Hochadel nicht so sehr auskennen. Und für den Fall, dass Sie sich für solcherlei Hoftratsch, wenn es hoch kommt, allenfalls einen Dreck interessieren, sind Sie hier erstens richtig und zweitens damit deutlich anders gestrickt als ein Großteil etwa der Schotten. Denn erstens geht hier an sich nicht um königliche Fortpflanzungsgewohnheiten, sondern um Politik. Und zweitens liegt sehr vielen Menschen in Schottland das Schicksal der englischen Königsfamilie sehr eng am Herzen. Es sind jedenfalls mehr Menschen und es liegt enger am Herzen als der Wunsch nach staatlicher Unabhängigkeit der nordbritischen Gebirgslandschaft, der ebenfalls nicht wenige Schotten bewegt. Nicht wenige, aber eben doch: weniger. Gar nicht so wenige wollen sogar beides: noch einen englischen Thronfolger und ein unabhängiges Schottland.  


Nun geht der Wunsch der Schotten nach royalem Glanz weit über das auch in Deutschland ausgeprägte Interesse für das Treiben im Hause Windsor deutlich hinaus. Die Schotten - und zwar auch diejenigen, die sich für ihre staatliche Unabhängigkeit stark machen – möchten die englische Königin und zukünftig dann eben den englischen König als ihr Staatsoberhaupt behalten. Gut möglich, dass der Herzogin Fertilität das Blatt im Endspurt zum Referendum in der nächsten Woche nochmal zu Gunsten der Unionisten gewendet hat. Nachdem das Yes-Lager der Schottischen Nationalpartei monatelang weit abgeschlagen hinten gelegen hatte, wies kürzlich eine Umfrage einen kleinen Vorsprung gegenüber der No-Seite („Better together“) aus. Das Echo auf diese Erhebung war gewaltig, das Momentum sprach plötzlich, dafür aber unverkennbar für einen Sieg der schottischen Nationalisten am 18. September.  


Jetzt der Jubel über ein weiteres „Royal Baby“, der nach Meinung aller Experten den Better-together-Leuten in die Hände arbeitet. Die Aussicht, dass die Queen und Charles, Willi, Kate und der süße kleine George nicht mehr die ihren, nicht mehr „unsere Royals“ wären, ängstigt viele Wähler im hohen Norden offenbar weit mehr als andere von den Nein-Leuten stets vorgetragene Risiken. Man wende nicht ein, dass die Queen doch, genau wie in anderen Commonwealth-Ländern, Staatsoberhaupt bleiben könne. Schottland gehört bei einem Ja in der Volksabstimmung nicht mehr zum Vereinigten Königreich. Das ist ja gerade der Sinn der Übung. Das Mitleiden an Kate´s Übelkeit erhält für viele Schotten einen tieferen Sinn. Der Herzog und die Herzogin von Cambridge, William und Catherine haben sich schon jetzt um das Vereinigte Königreich verdient gemacht.  


Es ist schon äußerst erstaunlich, dass zwei Personen noch im 21. Jahrhundert auf diese ebenso private wie weit verbreitete Weise politische Weichen stellen können. Es wäre kühn zu prognostizieren, dass ein Nein zur Unabhängigkeit, also der Fortbestand des Vereinigten Königreichs damit schon feststünde. Klar ist aber, dass Willi und Kate einen wesentlichen Beitrag zur Stärkung der unionistischen Kräfte geleistet haben. Morgen in einer Woche stimmt Schottland ab. Am späten Donnerstag Abend wissen wir mehr. Denkbar ist aber auch immer noch, dass die Schotten sich für einen Austritt entscheiden. Was dann käme, wäre ein Abenteuer mit unabsehbaren Folgen. Wie sähe es aus mit der Währung? Blieben die Engländer hart und würfen die Schotten aus dem Pfund raus? Wie sähe es mit den Mitgliedschaften in der EU und in der NATO aus? Auch die Jasager können diese Fragen freilich nicht beantworten.  


Keine Frage: ein Zerfall des Vereinigten Königreichs brächte ganz erhebliche Erschütterungen mit sich. Ein United Kingdom von England, Wales und Nordirland? Am Ende wäre England vermutlich nur noch mit Wales „vereinigt“. Mindestens ebenso besorgniserregend wäre aber das Signal, das von der Insel an die anderen (west-) europäischen Regionen ginge, in denen ebenfalls das Sezessionsvirus wütet. In Katalonien soll nach dem Willen der Regionalregierung am 9. November 2014 ein entsprechendes Referendum stattfinden. Auch in anderen spanischen Regionen gibt es bekanntlich Abspaltungstendenzen. Die Trennung von Italien stellt den Hauptprogrammpunkt der rechts-populistischen Lega Nord dar. In Frankreich ist mindestens die Insel Korsika (der Mohrenkopf mit dem weißen Stirnband) trennungswillig.  


Die Gefahr besteht, dass dem Westen eine ähnliche Entwicklung bevorsteht, wie sie der Osten Europas nach dem Ende des Kalten Krieges durchmachen musste. Sie wird auch nicht gebannt sein, wenn am nächsten Donnerstag in Schottland die Vernunft obsiegt. Ginge es aber in den Bergen Nordbritanniens schief, käme dies einem Startschuss zu einer Serie von Sezessionskonflikten in Westeuropa gleich. Aus Osteuropa ist uns solch ein Prozess bekannt. Dass er sich in der Regel unter Gewaltanwendung vollzog, ist ebenfalls bekannt. Für den als Europäische Union verfassten Westen des Kontinents gilt dies bislang als undenkbar. Das Verständnis der EU als Friedensgaranten ist so selbstverständlich geworden, dass Politiker ein müdes Lächeln ernten, wenn sie diese vermeintliche Banalität ansprechen.  


Mit Sezessionen innerhalb von EU-Mitgliedsstaaten war ja nicht zu rechnen. Der Herzogin von Cambridge ist übel. Sie wird es überstehen, sie ist medizinisch in besten Händen. Alles wird gut – in der britischen Königsfamilie. Für das britische Königreich steht dies (noch) nicht fest. Frau Mountbatten-Windsor hat einen gewichtigen Teil dazu beigetragen, dass das United Kingdom vereint bleibt. Eine Niederlage des schottischen Nationalismus wird auch alle anderen Kräfte des Regionalismus und der Spaltung schwächen. Die Nachricht von der freudigen Erwartung royalen Nachwuchses auf der britischen Insel könnte als der entscheidende Dämpfer für all diejenigen erweisen, die sich im 21. Jahrhundert noch nicht von der Sehnsucht verabschieden konnten, auf einem Handtuch zu leben. Wir haben Lady Catherine zu danken. Danke Kate!  


Werner Jurga, 10.09.2014

  


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