"Islamischer Staat“ 

Die Wahnsinnigen


Donnerstag, 28. August 2014. Mit dem „Islamischen Staat“, abgekürzt: IS, ist hier nicht irgendein islamischer Staat gemeint, sondern die Jihadisten-Miliz, die seit einigen Wochen – unter starker internationaler Beachtung – große Gebiete Syriens und des Iraks mitsamt der darauf lebenden Menschen unter ihre Kontrolle bringt. Deshalb die Anführungszeichen in der Überschrift. Sie reduzieren nicht nur die Verwechslungsgefahr mit anderen islamischen Staaten, sondern verweisen überdies darauf, dass es sich hier um eine Selbstbezeichnung handelt. Damit bleibt offen, ob es sich bei dem „Islamischen Staat“ tatsächlich um einen islamischen Staat handelt. Wer den „Islamischen Staat“ in Anführungszeichen setzt, legt sich nicht fest, dass es sich bei dem IS um etwas Islamisches und / oder um einen Staat handelt. Sei es, dass der Staatscharakter nicht anerkannt, sei es, dass der islamische Charakter des Phänomens in Zweifel gezogen wird.  


Völlig außer Zweifel steht dagegen, dass es sich bei diesen Akteuren um Wahnsinnige handelt. Wenn sowohl Der Spiegel als auch die Bildzeitung die besagten Gotteskrieger als „die Wahnsinnigen“ bezeichnen, und zwar ohne Anführungszeichen, darf die Irrationalität ihrer Motive als unstreitig gelten. Die IS-Miliz ist demzufolge eine „Terrorgruppe“, also vom Begriff her so etwas wie die uns von zuhause bekannte RAF oder der NSU: ein paar durchgeknallte Psychopathen mischen mit Mord und Totschlag die im Großen und Ganzen heile Welt auf. Das muss man durchaus ernst nehmen, eine echte Bedrohung, keineswegs ungefährlich... - legt sich aber auch wieder. Wir bedauern die Opfer, trauern mit deren Angehörigen und versprechen schnelle und unbürokratische Hilfe. Und weil wir diese Sache so verdammt ernst nehmen, trifft sich die Bundes-regierung sogar am Sonntag, um über Waffenlieferungen zu entscheiden, die schon „in den kommenden Wochen“ über die Bühne gehen könnten.  


Die Bundeskanzlerin erklärt den „Paradigmenwechsel“: „Da kann man nicht so einfach sagen, das hat mit uns nichts zu tun. Wir sind da durchaus dabei.“ Jetzt sogar mit 6 – in Worten: sechs (!) - Soldaten, die bereits in den Irak geschickt wurden. Unbürokratischer geht es ja wohl kaum! Andererseits darf freilich, so sehr die Angelegenheit auch drängen mag, auch die Demokratie nicht zu kurz kommen. Darum darf am Montag auch der Bundestag über die besagten Waffenlieferungen abstimmen – vielleicht, wenn auch nur symbolisch. Denn so ein „Paradigmenwechsel“ will gut überlegt und niet- und nagelfest demokratisch legitimiert sein. Ein Rüstungsexport in ein Spannungsgebiet... – so etwas hat es doch noch nie gegeben. So etwas darf nicht am hohen Haus vorbei beschlossen werden. So ist es denn auch ein Zeichen demokratischer Reife, dass, wie die FAZ schreibt, „die Koalitionsparteien erwägen, ein Bundestagsvotum zu beantragen“. Und das in höchster Not!  


Denn der „Islamische Staat“ marschiert und marschiert... Gestoppt werden können diese Wahnsinnigen eigentlich nur von den Kurden – allerdings, wie die Kanzlerin klarstellte, nur von den guten Peschmerga und nicht von der bösen PKK. Zwar sind die Jesiden Anfang des Monats weder von den Amerikanern noch von der Peschmerga gerettet worden, sondern von der PKK. Doch dies passt nun wirklich nicht so ganz ins Konzept, ist doch die PKK hierzulande als „Terrororganisation“ verboten – im Gegensatz etwa zum „Islamischen Staat“, wie das BMI kürzlich noch ausdrücklich bestätigte: „Der Bundesminister des Inneren hat über die Organisation Islamischer Staat bislang kein Verbot verhängt.“ Zugegeben: Wahnsinn lässt sich schlecht verbieten. Hinzu kommt: wir wissen recht wenig über den „Islamischen Staat“. Wie stark ist die Rolle des „Kalifen“? Wie weit soll expandiert werden? Sind Anschläge im Westen geplant? Kooperiert der IS mit den Al-Qaida-Filialen überall auf der Welt? Fragen über Fragen...  


Andererseits ist es nicht so, dass man nichts wüsste. Wir wissen zum Beispiel, dass es sich beim „Islamischen Staat“, auch wenn er finsterstes Mittelalter predigt und medial inszeniert, um einen multi-nationalen Konzern handelt, der „evidente Ähnlichkeiten bei Organisationsformen, Strukturen und Öffentlich-keitsarbeit“ (Telepolis) mit den legalen, allseits bekannten Großkonzernen aufweist. Der IS „operiere wie ein `multinationales Unternehmen´, titelte etwa der britische The Telegraph, während die in Wirtschaftsfragen bewanderte Financial Times zu der Schlussfolgerung gelangte, das Dschihadisten-Netzwerk strebe letztendlich danach, `Terror zu verkaufen´.“ Das Finanzmanagement der Organisation ist hochprofessionell, ihre „Geschäftsberichte“, die sie an die millionenschweren Gönner auf der arabischen Halbinsel schickt, sind eng an die Muster der Vorbilder aus Dow und Dax angelehnt. Die PR- und Medienarbeit ist eher noch besser.  


Die vielfach beachteten und betrachteten IS-Videos beginnen freilich nicht mit: „Grüß Gott miteinander, wir wünschen eine gute Unterhaltung mit dem Islamischen Staat.“ Denn die Zielgruppe der IS-Strategen besteht nicht aus Rentnern und geistig minderbemitteltem, dafür aber relativ gut versorgtem Fußvolk aus der Festung Europa, sondern aus dem überschüssigen männlichen Jungvolk aus aller Herren Länder. Ganz egal, ob Erste oder ob Dritte Welt. Egal auch, ob beim Einzelnen ein Fall von Talentverschwendung vorliegt, oder ob im Oberstübchen tatsächlich so wenig Strom fließt, dass sich eine Verwertung der geschundenen Kreatur in der legalen Ökonomie schwierig bis aussichtslos darstellt. Wie dem auch sei: im aufstrebenden Konzern namens IS erhält jeder seine Chance. Die Börsenfreaks, die Computercracks, die Organisationstalente, die Führungsstarken... - die alle sowieso. Aber auch die weniger Begabten haben endlich wieder eine Zukunft.  


Jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen“ - nach diesem paradiesischen Muster ließe sich die Personalpolitik des Kalifats in etwa beschreiben. Der Eine macht etwas in der Küche, der Andere hilft bei der Umsetzung der Scharia vor Ort, ein Dritter beweist sich direkt an der Front in der Schlacht. Wichtig ist auf jeden Fall: die Kameradschaft. Und: Arbeit muss Spaß machen! Zum Beispiel dieses Pickup-Fahren durch die Wüste – das ist doch geil! Apropos: geil: für Frauen ist natürlich reichlich gesorgt, weil die ja, wie Sie wissen, auch im Falle falscher Religionszugehörigkeit nicht ausscheiden, sondern zwecks Steigerung der islamischen Population... - sagen wir mal: mitgenommen werden. Nun schreibt zugegebenermaßen der Prophet zwar vor, dass bei vier Frauen Schluss zu sein hat. Doch in diesen stürmischen, weil expansiven Zeiten lässt der Kalif für verdiente Kämpfer die Fünf auch mal gerade sein. Das macht schon Spaß.  


Und nicht zuletzt die ganze Corporate Identity. Arbeit soll nämlich nicht nur Spaß machen, sondern auch Sinn geben. Schaun Sie sich doch einfach mal so ein Video an! Wie gesagt: die IS-Medienleute, echte Profis, die Besten weltweit. Laufend produzieren sie „eine aufs Wesentliche reduzierte Fassung eines Actionfilms, wie sie andauernd weltweit über die Bildschirme und Kinoleinwände verbreitet werden, oder eines Computerspiels, in dem der Nutzer mordend und zerstörerisch meist düstere Szenen durchläuft, gleich ob mit modernen Waffen in einem modernen Szenario oder in alten oder archaischen Welten.“ Das ist doch stark, oder? Und Sie sind mittendrin. Okay, Sie können natürlich auch weiterhin jeden Morgen ins Büro trotten und sich abends ihre langweilige Alte angucken. Andere Leute haben halt lieber Action auf der Arbeit und lassen sich danach mit ein paar orientalischen Bräuten belohnen. Nennen Sie es ruhig „wahnsinnig“! Irgendwann steht der Jihad auch bei Ihnen vor der Haustür.  


Sie sagen, diese ganze Köpfeabschneiderei käme Ihnen aber doch etwas bescheuert vor. Okay, kann man so sehen. Und klar: die Leute, die das mit den langen Säbeln machen, denen macht das Spaß. So Typen haben Sie aber überall. Anderswo müssen Sie ihre Neigung unterdrücken; im Kalifat dürfen Sie sie ausleben. Das ist alles. Die Typen mögen bescheuert sein; das Köpfen ist es nicht. Es spricht sich rum, nicht zuletzt auch durch die tollen Videos. Im Ergebnis kann der IS Ortschaft für Ortschaft kampflos übernehmen, weil die zu ihrer Verteidigung vorgesehenen Soldaten längst stiften gegangen sind. Das heißt: diese schon unter Dschingis-Khan von den Hunnen erprobte Taktik vermeidet unnötige Schlachten und schont somit letztlich Menschenleben. Ist doch was für Sie! - Ich meine dies jetzt rein argumentativ. Dass Sie selbst offenbar keinerlei Interesse daran haben, auf Mudschahid umzusatteln, ist mir mittlerweile klargeworden. Sie haben sich in der sündigen Welt einrichten können.  


Aber denken Sie doch auch einmal an die kleinen Jungs aus Dinslaken-Lohberg! Für die ist das doch mal ein echter Ausweg. Raus aus den vom Jobcenter angeordneten Endlos-Warteschleifen, die ohnehin nichts bringen. Weg von diesem ömmeligen Marktplatz, wo sowieso nur ständig mit den ollen Schrott-BMWs im Kreis gefahren und dann dann aus Langeweile irgendwelche Scheiße gebaut wird. Aus dem Einen oder Anderen ist im Kalifat schon richtig was geworden. Natürlich gibt es auch diejenigen, die man auch dort nur als Selbstmordattentäter einsetzen konnte. Aber sind die wahnsinnig? Überlegen Sie doch mal: wären die in Lohberg geblieben, hätten sie – mit viel Glück, versteht sich – höchstens noch so eine Import-Ayşe zuarrangiert bekommen. Doch für den ollen 3er BMW hätte kein neuer drin gesessen. In Sachen Märtyrertod bestehen zwei Möglichkeiten: entweder stimmt das mit dem Paradies, das wäre der Hauptgewinn. Oder das ist Quatsch, Tod ist einfach „Licht aus“. Das ist aber auch immer noch besser als Lohberg.  


Nennen Sie es ruhig „wahnsinnig“! Tatsache ist: der Islamische Staat hat Erfolg um Erfolg. Und deshalb werden sich nach den Jungs aus Lohberg auch die Kollegen aus Marxloh oder Neukölln oder sonstwo her ihre Gedanken machen, ob es nicht mal langsam Zeit ist für neue Herausforderungen und innovative Zukunftskonzepte. Ja, wir wissen recht wenig über den „Islamischen Staat“. Wie lange wird das Kalifat noch expandieren? Kann es sich konsolidieren? Oder bricht alsbald alles wieder zusammen. Wie dem auch sei: die Erfahrung bleibt: es hat funktioniert! Denken Sie an die Pariser Kommune! Die hatte nicht einmal ein Vierteljahr geschafft, sich aber dennoch ins Bewusstsein eingebrannt als Beispiel dafür, dass es gehen kann. Das Kalifat des Ibrahim ist viel größer als Paris, es ist fast so groß wie Frankreich. Es besteht „offiziell“ noch nicht ganz so lang, aber inoffiziell schon viel länger. Es verfügt über modernste Waffen, Unmengen Geld und zigtausende hochmotivierte Kämpfer.  


Ob es stabil ist, vermag ich nicht zu sagen. Ob es „wahnsinnig“ ist, dieses Projekt des Dr. al-Baghdadi, hängt nicht zuletzt auch davon ab. Wer ist hier eigentlich „wahnsinnig“? Am Sonntag wird die deutsche Bundes-regierung Rüstungsexporte an die Kurden genehmigen – nur an die Peschmerga, nicht an die PKK. Vielleicht wird am Montag auch noch der Bundestag – nach einer gewiss engagiert geführten Debatte – diesen Lieferungen zustimmen. Kurdistan grenzt nordöstlich an das Kalifat, und es stimmt: Arbil ist immer noch in Gefahr. Doch mittlerweile stellt sich die Situation für die Turkmenen in Amerli noch weitaus dramatischer dar. Die Bundesregierung hat sechs Militärberater hingeschickt. „SPD-Fraktionschef Oppermann machte indirekt die USA für den Vormarsch der Extremistengruppe `Islamischer Staat´ mitverantwortlich“ - wegen des Sturzes von Saddam Hussein. Aber, wie war das noch? War der nicht ebenfalls wahnsinnig? Auf jeden Fall war es der Irre in Teheran. Und jetzt dieser „Islamische Staat“. Nur wir, wir sind normal.  


Werner Jurga, 28.08.2014







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