Reinhold Spaniel
Foto: Stadt Duisburg


Reinhold Spaniel 

Eine Frage des Stolzes


Samstag, 23. August 2014. Der Stadtdirektor setzt an zum Gegenangriff. Spitzenmäßig vorgetragener Konter des Sozialdezernenten: „Jetzt kommen die Schlaumeier, die alles besser gewusst haben.“ Besser als Reinhold Spaniel. Lächerlich. Spaniel ist nämlich Vollprofi. „Ich mache das seit 20 Jahren.“ Insofern ist es nur allzu verständlich, dass Spaniel sich – so beschreibt es jedenfalls Oliver Schmeer – "ereifert". Es geht um, wie Sie schon geahnt haben dürften, die Zeltstadt bzw., wie wir neuerdings sagen, das Zeltdorf, oder, wie der Stadtdirektor es selbst nennt, das Zeltlager... - wobei: „Lager“ - ich weiß ja nicht. Egal: es geht jedenfalls um das Equipment auf dem ehemaligen Sportplatz von Walsum 09, das Duisburg Flüchtlingen ab Montag willkommenskulturell zur Verfügung stellt. Willkommenskultur bedeutet in diesem Zusammenhang: den Menschen, so weit es nur irgendwie geht, die Umstellung erleichtern und ihnen ein Stück Heimatgefühl zu vermitteln versuchen. 


Dies scheint Spaniel einigermaßen gelungen zu sein, wie auch Hildegard Chudobba zugeben muss, wenn sie schreibt: „Das ganze Szenario auf dem Platz erinnert an Bilder von Flüchtlingslagern aus weit, weit entfernt liegenden Zonen am Rande von Kriegsgebieten.“ Doch Duisburg wäre nicht Duisburg, wenn es nicht auch bei optimalen Lösungen etwas herumzumäkeln gäbe. Womit wir schon den Grund gefunden haben, warum sich der Stadtdirektor ausgerechnet beim WAZ-Redaktionsleiter über die Schlaumeier, die alles besser gewusst haben“, beschwert bzw. ereifert. Chudobba ist nämlich Redaktionsleiterin der Rheinischen Post. Doch anstatt es bei ihrer Impression von den Kriegsgebietsrändern zu belassen, hat sie es sich nicht nehmen lassen, die Betten im Zeltdorf einem „Praxistest“ zu unterziehen. Das Resultat: „Die Betten sind - so der Praxistest - unbequem, Rückenprobleme dürfen die, die dort schlafen müssen, auf jeden Fall nicht haben.“ Das Fazit: „Eine Notunterkunft ohne jeden Komfort.“  


Man kann dies „investigativen Journalismus“ nennen. Man kann sich aber auch genauso gut auf den Standpunkt stellen, dass ein Flüchtlingslager nun einmal kein Hotel ist. Die Betten sind nicht bequem. Ja, mein Gott! Reinhold Spaniel klagt auch nicht über seinen Rücken. Den legt er sich krumm für diese „teils traumatisierten“ Menschen, und dann kommt so ein Schlaumeier, in diesem Fall: so eine Schlaumeierin und attestiert den Früchten seiner Arbeit, sie seien „ohne jeden Komfort“. Da ist es nicht nur recht und billig, sondern auch hochprofessionell, dass er die Repräsentanten der örtlichen Presse so geschickt gegen-einander ausspielt. Die Schlaumeier haben doch, wie ihr Name schon sagt, keinen blassen Schimmer. Aber dem Schmeer kann er es ja sagen: „Ich mache das seit 20 Jahren, und so dramatisch war die Lage noch nie.“ Stimmt. Einerseits. Gnade der späten Geburt. Denn wenn Spaniel – andererseits – es schon 25 Jahre machen würde, wüsste er, dass 1991/92 „die Lage“ noch weitaus dramatischer war als heute.  


Aber das heißt ja nichts. Gestern war gestern, und heute ist heut´. Und heutzutage ist die Welt – keine Ahnung, warum – irgendwie aus den Fugen geraten. Das weiß er natürlich schon, der Stadtdirektor Spaniel. Und wer das nicht weiß, der muss einfach nur mal abends den Fernseher einschalten. Dann weiß er, warum es so viele Flüchtlinge gibt. So hatte es der Sozialdezernent auf der Informationsveranstaltung am 8. August im Rheinhauser Bezirksrathaus dem aufgebrachten Anwesenheitsgesindel erklärt. Diese Tatsache sei – wörtlich: „selbsterklärend“. Da hat er mir gut gefallen, der Reinhold Spaniel. Dann hat er auch noch allgemein verständlich dargelegt, dass die Asylbewerber nach dem Königsteiner Schlüssel auf die jeweiligen Bundes-länder verteilt werden – etwa 21 % für NRW, und dass innerhalb NRWs ebenfalls proportional auf die Kreise und kreisfreien Städte zugewiesen wird. Wie gesagt: ein Vollprofi, der Spaniel. Nur eben das mit diesem blöden „Islamischen Staat“... - damit hätten weder er noch die Schlaumeier rechnen können.  


Jetzt haben wir den Salat, jetzt gibt es „keine anderen Möglichkeiten. Ich lebe bei der Unterbringung quasi von der Hand in den Mund.“ Er habe bereits – das hat er dem nächsten Redaktionsleiter erzählt, nämlich dem NRZ-Mann Ingo Blazejewski - „200 Wohnungen in der Stadt beschlagnahmt, dort die Hälfte der rund 1500 Asylbewerber dezentral untergebracht.“ Solch „dezentrale Unterbringung“ wird freilich – welch Wunder! - von Flüchtlingshilfeorganisationen begrüßt. „Pro Asyl befürwortet die Unterbringung in privaten Wohnungen.“ Allerdings, lesen wir in der Welt: „Die Bundesländer gehen mit den Flüchtlingen sehr unterschiedlich um. So betrug die `Wohnungsquote´ Ende 2012 beispielsweise in Rheinland-Pfalz 91,81 Prozent, in Bayern 33,83 Prozent.“ Ohne nun die Themen „Asyl“ und „Zuwanderung aus Südosteuropa“ auch nur irgendwie vermischen zu wollen, was strengstens untersagt ist, lässt sich sagen, dass Duisburg sich in diesen Dingen am bayrischen Vorbild zu orientieren pflegt.  


Aus humanitären Gründen, versteht sich. „Man kann die Menschen dort ja auch nicht alleine lassen und sagen: Seht zu, wie ihr klarkommt“, so Spaniel zur NRZ. „Manche Flüchtlinge sind traumatisiert, andere müssen sich in dem fremden Land erst einmal zurecht finden.“ Deshalb erst einmal lecker ab in die Zeltstadt, sozusagen als „Schonraum“ für zivilisatorisch unterbelichtete Kanaken aller Art. Und das Beste: die Stadt hat auch etwas davon. Schließlich ist „der Betreuungsaufwand für die Unterbringung in den Wohnungen immens, Sozialarbeiter müssen die Familien alle einzeln aufsuchen“. Langer Rede kurzer Sinn: „Damit (also: mit der Hälfte der rund 1500 Asylbewerber) ist die Grenze erreicht.“ 750 Wohnungen in einer Boomtown-City wie Duisburg – wie soll da noch mehr gehen?! Außerdem, und da kommen – leider, leider – diese beiden an und für sich strengstens zu trennenden Themen doch wieder zusammen: diese Roma. Sie haben zwar nichts damit zu tun. Sind aber schuld.  


Denn, so erzählt es der Sozialdezernent der WAZ: „Die 10.000 Armutszuwanderer aus Südosteuropa belegen möglichen anderen Wohnraum und Unterbringungskapazitäten. Nein, dezentral in Wohnungen lassen sich die Flüchtlinge nicht unterbringen, erklärt Spaniel“. Verstehen Sie?! Selbst wenn er wollte, was er nicht will, dennoch ein paar hundert Mal gemacht hat, könnte er nicht – wegen der teuren Sozialarbeiter, der Zigeuner und weil es in Duisburg sowieso kaum freie Wohnungen gibt. In dieser Situation blieb ihm – mit der Hand im Mund - gar keine andere Möglichkeit, als bundesweit Aufmerksamkeit zu erregen. Bundesweite Aufmerksamkeit, sieh an! Allerdings ist Spaniel – logisch - "nicht stolz auf diese Situation", wie er jedem, der es hören will oder auch nicht, erzählt. Hauptsache, es wird gedruckt. Und mir, wenn ich das dann lese, schießt – und zwar jedes Mal – unwillkürlich durch den Kopf: „Glaube ich nicht!“ Schlimm, so ein Problem mit den inneren Stimmen. Okay, dafür habe ich nichts am Rücken.  


Aber trotzdem: so eine innere Stimme, vielleicht kennen Sie das, ist irgendwie undifferenziert, trifft den Nagel nicht ganz auf den Kopf. Spaniel zum Beispiel ist nämlich gleichzeitig stolz und nicht stolz, und das heißt: er präsentiert mit seinem Nicht-stolz-Sein nur eine halb beleuchtete Bühne. Das heißt aber freilich auch: meine innere Stimme, die sich stets mit einem „Glaube ich nicht!“ zu Wort meldet, liegt ebenfalls nur auf einer Seite der Medaille richtig. Sie übersieht, dass Spaniel der arme Teufel ist, der für diesen ganzen Schlamassel den Kopf hinhalten muss. Meine Güte, ist das peinlich: „Es ist eine Notmaßnahme. Ich bin sicher, dass wir das Zeltlager in spätestens acht Wochen abreißen können." Stolz mag sich dabei nicht einstellen, wenn man so einen Quatsch erzählen muss. Das ist nur auszuhalten in warmen Gedanken an die „widerspenstige Politik vor Ort und allzu bürokratische Rathaus-Bürokratie“. Schmeer meint: „Dieser Schuss ging nach hinten los.“ Ich weiß es nicht, und ich will es auch gar nicht wissen. 


Werner Jurga, 23.08.2014




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