Screenshot WDR-Lokalzeit



Ja, er spricht! 

Sprachfähigkeit


Donnerstag, 14. August 2014. „Ich bin ja durchaus auch sprachfähig.“ So der Schlusssatz des Interviews, das Sören Link dem WDR gegeben hat und das in der Lokalzeit heute Abend ausgestrahlt wird. „Durchaus auch sprachfähig“ zu sein, macht sich ganz gut – insbesondere in bestimmten Berufsgruppen. Zum Beispiel im Beruf des Politikers... - da gilt Sprachfähigkeit von Alters her gleichsam als Schlüsselqualifikation. Cäsar, Cicero und viele Andere im antiken Rom. Oder noch früher: die Redner im alten Athen. (Alt-) Griechisch hatte ich aber auf der Schule nicht gewählt; da kenne ich mich also nicht so aus. Doch im guten alten Rom... - die hohe Schule der Rhetorik. Mit welchen Tricks und Kniffen diese begnadeten Redner damals die Leute beschissen hatten! Wirklich beeindruckend. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Rhetorik als Kunstform auf ein eher zweispältiges Echo stößt. Einerseits das anerkennende „Der ist aber ein guter Rhetoriker!“ Andererseits klingt in der Bemerkung „Rhetorisch ist der aber gut“ schon der Gedanke durch, dass dieser Politiker es nicht ganz so gut meint, wie er redet.  


Jedenfalls darf – das wird Ihnen aufgefallen sein - in Sätzen, in denen von Rhetorik die Rede ist, niemals das „Aber“ fehlen. Weshalb sich hierzulande durchgesetzt hat, die Kunst der Rhetorik überhaupt nicht zu beherrschen und dennoch, nein: deshalb von den Leuten gemocht zu werden. Wie Sie wissen, hat die deutsche Bundeskanzlerin diese Fähigkeit zu ihrer Königsdisziplin entwickelt. In diesem Fall: Königinnendisziplin. Wobei man naheliegenderweise als junger und auch noch männlicher Politiker damit seine Politikerkarriere nicht starten kann. Womit wir wieder bei Sören Link wären. Der ist Oberbürgermeister in Duisburg und hat, wie eingangs bemerkt, stolz und entschlossen darauf hingewiesen, dass er „ja durchaus auch sprachfähig“ sei. Und das ist auch gut so. Denn erstens hätte er schlecht sagen können: „Ich bin ja durchaus auch rhetorisch ganz schön auf Zack“. Wie gesagt: „rhetorisch“ geht gar nicht. Das mögen die Leute nicht so. Gerade die Deutschen nicht. Unsere Geschichte, Sie wissen schon... Also: man darf nicht sagen oder über sich sagen lassen, dass man rhetorisch gut sei.  


Rhetorisch gut Sein geht natürlich. So lange es niemand merkt. Kann, muss aber nicht. Was man aber Können muss, jedenfalls als Politiker, ist Sprechen. Dafür braucht man nicht unbedingt diese zwielichtige Rhetorik. Es reicht, wenn man sprechen kann. Wissenschaftlich ausgedrückt: es genügt die Sprachfähigkeit. Nun ließe sich einwenden, dass niemand auf die Idee kommen könnte, selbige dem Oberbürgermeister abzusprechen. Mag sein. Noch nicht. Wenn sich Sören Link dennoch schon dazu bemüßigt gesehen hat, darauf hinzuweisen, dass er über sie verfüge, nämlich über die Sprachfähigkeit, hat dies, wie das bei einem Politiker so ist, seinen Grund. Und zwar nicht den, dass irgendein Fernsehzuschauer bezweifeln könnte, dass er "ja durchaus auch sprachfähig“ sein könne. Denn, wie bereits erwähnt, dabei handelt es sich ja um die Abschlussbemerkung des Oberbürgermeisters im Lokalzeit-Interview, d.h. Link konnte zuvor schon sechs Minuten lang beweisen, dass er sprechen kann.  


Dies war allerdings auch bitter nötig. Denn seitdem Anfang Juli öffentlich wurde, dass er am 23. Juni gegenüber dem Ruhrtriennale-Intendanten die Ausstellung des „Totlast“-Kunstwerkes in Duisburg abgelehnt hatte, sprach Sören Link nicht mehr. Verlust der Sprachfähigkeit? Sie kennen das, z.B. aus dem Fernsehen: ein ganz schlimmes, gar traumatisches Erlebnis, und die Leute – nicht alle, aber manche – hören schlagartig auf zu sprechen. Wir können das nicht klären; jedenfalls haben ihn, wie der Oberbürgermeister im Interview einräumt, “die Reaktionen sehr überrascht“. Haben Sie ihm, wie man so sagt, die Sprache verschlagen? Wie auch immer: Link hat wochenlang geschwiegen, aber jetzt spricht er wieder. Gut so und bitter nötig auch deshalb, weil die Ruhrtriennale morgen eröffnet wird – selbstredend in Anwesenheit des Ober-bürgermeisters, der dann zwar „nicht mit Anfeindungen rechnet“, aber „Kritik nicht ausschließen kann“. Und das ist der Punkt! Für diesen nicht auszuschließenden Fall der Fälle – nämlich: Kritik – erklärt Link klipp und klar, “ja durchaus auch sprachfähig“ zu sein.  


Hier haben wir sie also doch, die rhetorische Figur der Sonderklasse. Hinter der mit einem angedeuteten milden Lächeln vorgetragenen Formulierung mit der Sprachfähigkeit verbirgt sich die Warnung oder – sagen wir es ruhig: brutale Drohung: „Wer mich morgen schräg von der Seite anquatscht, kriegt von mir richtig was reingedrückt!“ Nicht schlecht, sozusagen ein grande Finale. Allein, die Frage bleibt: Warum? Warum den Leuten schon vor der Veranstaltung den Bullemann machen? Weil diese „Sprachfähigkeit“ auch den letzten Kritiker seiner Entscheidung, bei der es sich eigentlich mehr so um eine Bitte gehandelt hatte, vor Angst verstummen lässt? Weil sich morgen niemand wagen soll, Sören Link öffentlich zu überführen? Also: ihm die Maske herunterzureißen und der versammelten hochkulturellen Öffentlichkeit zu zeigen, dass sich hinter der bieder vorgetragenen Sprachfähigkeit nichts Anderes verbirgt als die professionelle Rhetorik eines Polit-Profis, der sich nach einer schlaflosen Nacht zu der Entscheidung durchringt, jemanden um etwas zu bitten?  


Fragen über Fragen. Womöglich werden wir nie dahinter kommen. Womöglich wird Link auch hier wieder zu der eiskalten Strategie zurückkehren, die er mindestens genauso gut, wenn nicht noch besser beherrscht, als die Polit-Rhetorik. Nämlich das Schweigen. Und uns bleibt dann nur zu spekulieren. Warum das alles? Ja, einem echten Mann fällt es schwer, einen anderen um etwas zu bitten. Andererseits: wenn es nicht schwer wäre, wenn es leicht fiele, könnte es ja auch jemand Anderes machen. Ein Mann muss Entscheidungen treffen können. Harte Entscheidungen. Sehr harte Entscheidungen. Wie etwa eine von der Sorte, entscheiden zu müssen, jemanden zu bitten, dieses oder jenes zu lassen. Ich für meinen Teil verstehe dies sehr gut; allerdings: ich bin (noch) nicht so weit. Obwohl mir manchmal danach wäre. Glauben Sie mir: es ist hart. Es ist keine rhetorische Figur. Zu entscheiden, jemanden zu bitten, etwas zu lassen... - doch, doch, das geht. Aber ich mache es nicht. Zumal ich nicht verhehlen will, dass Sören Link auch viel Zuspruch erhalten hatte.  


Werner Jurga, 14.08.2014



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