Antisemitische Vorkommnisse 

Und dann


Freitag, 8. August 2014. Und dann wurde ich gefragt, ob ich mir das denn erklären könne. Und dann auch noch im Fernsehen! Und dann stand ich da... - besser gesagt: saß ich da. Im Fernsehstudio. Live on TV. Am Montag im Studio 47, dem Duisburger Stadtfernsehen der Rheinischen Post Mediengruppe. Immerhin der erste regionale TV-Sender in Nordrhein-Westfalen und unter den privaten wohl auch der erfolgreichste. Aber egal, man will ja, egal wie viele zuschauen, wenn man schon mal im Fernsehen ist, einigermaßen rüberkommen. Und dann das! Ob ich mir das erklären könne... In Sekundenschnelle ist es mir durch den Kopf geschossen: ein Profi würde jetzt eine Antwort präsentieren. In diesem Fall, also in Ermangelung derselbigen, ein kleines Referat so knapp neben der Frage. Macht aber nichts; merkt ohnehin keiner. Höchstens die Fragestellerin. Sollte diese – wider Erwarten – auf die, wenn auch knappe, Verfehlung des Themas hinweisen, auch kein Problem. 


Ein TV-Kurzinterview ist kein Uni-Seminar. Je nachdem: mit einem „Ja genau“ kommt man da schon heile raus. Wenn man Profi ist. Das war mir, als diese Frage kam, in Sekundenschnelle klar. Und ebenfalls, in den Tiefen des Unterbewussten wie in Stein gemeißelt, deshalb allgegenwärtig: das sichere Gefühl, keiner sein zu müssen. Ich will oder muss nicht gewählt werden. Ich bin nämlich kein Politiker. Mir kann keiner; deshalb: auf eine klare Frage eine klare Antwort. In diesem Fall: „Nein.“ Zum besseren Verständnis die kleine Wiederholung. Die Frage lautete, ob ich mir das erklären könne, sprich: eine Entscheidungsfrage, keine Alternativfrage, was Nicht-Profis nur die Möglichkeit lässt, mit Ja oder Nein zu antworten. Und dann habe ich halt Nein gesagt. Wahrheitsgemäß. Ja, jetzt mal unter uns: können Sie sich das etwa erklären?! Können Sie mir mal sagen, woher – das war nämlich die Frage – auf einmal dieser dramatische Judenhass in unserer Gesellschaft gekommen ist?  


Jetzt sagen Sie nicht „Gaza-Krieg“! So schlau bin ich nämlich auch. Allein: es ist doch nicht das erste Mal (gewesen), dass Israel im Gazastreifen gegen die Hamas militärisch vorgeht. Die Operation Protective Edge (Schutzrand) ist die dritte Intervention dieser Art in den letzten gut fünf Jahren. Nach der Operation Gegossenes Blei zum Jahreswechsel 2008 / 2009 und der Operation Wolkensäule im November 2012. Nun gut, die Operation Wolkensäule, die mitunter auch als „Operation Säule der Verteidigung“ bezeichnet wurde, ist mittlerweile weitgehend vergessen. Sie hatte schon 2012 nicht für allzu großes Aufsehen hierzulande sorgen können. Hermann Dierkes ist mal mit einem kleinen Pulk von „Friedensfreunden“ durch die Duisburger Innenstadt gezogen. Doch insgesamt hielt sich die Empörung in engen Grenzen. Die Opferzahlen auf palästinensischer Seite waren weitaus niedriger als bei den beiden anderen Gaza-Konflikten, und die Israelis hatten auch einige Tote und viele Verwundete zu beklagen. Das konnte mit dem hiesigen Gerechtigkeitsempfinden in Einklang gebracht werden.  


Völlig anders verlief die Operation Gegossenes Blei 2008/2009, nämlich so ähnlich wie der jüngste Gazakrieg. Die Dauer war etwas geringer, nämlich „nur“ drei Wochen – wobei ich zur Stunde nicht weiß, ob die Operation Protective Edge wirklich ein Ende gefunden hat. Am Vormittag werden es die in Kairo verhandelnden Konfliktparteien wissen lassen. Auch die Anzahl der im Gazakrieg 2008/2009 getöteten Palästinenser war mit weit über tausend Opfern erschreckend hoch. Und ja, auch Anfang 2009 gab es in Deutschland – wie überall in Europa – antiisraelische Demonstrationen, und vereinzelt sollen bei diesen Protesten auch antisemitische Parolen gerufen worden sein. Der Sonderfall des damaligen Duisburger Linken-Politikers Dierkes ist von mir hinreichend erörtert worden. Insgesamt muss aber festgestellt werden, dass es weder 2009 noch 2012 zu diesen entsetzlichen antijüdischen Exzessen, die wir in den letzten Wochen zur Kenntnis nehmen mussten, gekommen ist.  


In der Fernsehsendung hatten die Moderatorin und ich stichpunktartig dargestellt, was alles während der letzten Wochen in Deutschland vorgefallen ist. Übelste antisemitische Parolen auf diversen Demonstrationen, Schmierereien und Anschlagsdrohungen gegen Synagogen, Gewalt gegen erkannte Juden, Körperverletzungen und schwere Körperverletzungen gegen jüdische wie nicht-jüdische Gegen-demonstranten, Telefonterror gegen jüdische Einrichtungen und Privatpersonen, und so weiter und so fort. Spitzenpolitiker mahnen, die Medien berichten – ein Ruck der Solidarität mit den bedrängten, bedrohten und teilweise angegriffenen Mitbürgern bleibt aber aus. In Deutschland hat sich eine antijüdische Atmosphäre breitgemacht, wie es sie so nach dem Krieg (nach dem Holocaust) nie gegeben hatte. Ich weiß von Juden, die darüber nachdenken, die Koffer zu packen. Menschen, die hier geboren sind. Auch das ist neu. Was sollen sie ihren Kindern sagen, die sie fragen, ob sie jetzt Angst haben müssen?  


Und dann werde ich gefragt, ob ich mir diese Eskalation des Hasses auf Juden erklären kann. Das Wort vom „importierten Antisemitismus“ geht um. Das hört sich erstens schlau an und deckt sich zweitens mit der Beobachtung, dass auf den einschlägigen Videos vor allem junge Männer mit Migrationshintergrund zu sehen sind, die diese widerwärtigen Sprüche brüllen. Doch erklären tut es nichts, lebten hierzulande doch auch in den letzten Jahren schon genügend Männer, deren Wurzeln in islamisch geprägten Ländern liegen. Und überhaupt: es gibt keinen Import ohne Importeure, die importieren wollen. Alles Unsinn. Ausgerechnet die Deutschen sollen die Judenfeindlichkeit importiert haben. Wir wissen doch, dass alle Umfragen stets und ständig einen erschreckend hohen Prozentsatz von Deutschen ausweisen, die freimütig auch den irrwitzigsten antisemitischen Ressentiments zustimmen. Die Mitbürger, die mit vollem Namen und Anschrift ihre Leserbriefe zwecks Veröffentlichung an die WAZ senden, haben nichts „importiert“.  


Die Studierten aus dem grün-linken Milieu, die pflichtschuldigst jede Spielart des Antisemitismus entschieden als Rassismus verurteilen, dabei jedoch ergänzen, dass Israels Kriegsführung ebenfalls verurteilenswert, weil „unangemessen“ sei, sind keine Ideologie-Importeure. Sie sind homegrown, deutsch von den Haarspitzen bis in die Fußnägel, besonnen und ausgewogen. So etwas von ausgewogen, dass ihnen, die sich ansonsten nicht nehmen lassen, zu jedem Killefitt ihren Senf abzugeben, gar nicht erst der Gedanke kommen kann, irgendetwas für ihre bedrängten Mitmenschen zu tun. Für die bedrohten „MitbürgerInnen jüdischen Glaubens“, wie Juden in diesen Kreisen scheinbar respektvoll genannt werden. Auch dieses Verhaltensmuster ist für sich genommen nicht neu, dafür aber umso bemerkenswerter. Denn die vorzugsweise in akademischen Berufen beschäftigten gemäßigt-linken Zeitgenossen haben selbstredend ganz genau registriert, dass der Antisemitismus eine neue Qualität erreicht hat.  


Nein, ich kann mir nicht erklären, wie bzw. warum es zu dieser neuen Qualität des Judenhasses gekommen ist. Ich weiß, er war immer da. Ich weiß nicht, warum er gerade jetzt so laut und frech aus allen Ritzen gekrochen kommt. Ich weiß, dass es nicht an Gaza liegt. Gaza ist nicht die Ursache, sondern nur der Vorwand für das Aufbrechen einer Stimmungslage, wie ich sie in diesem Land nicht mehr für möglich gehalten habe. In knapp sieben Stunden werden wir erfahren, ob die Verhandlungen in Kairo zu einer Verlängerung der Waffenruhe geführt, also diesem Vorwand den Boden entzogen haben. Oder ob die Hamas Israel wieder mit Raketen beschießt und im Gegenzug die Operation Protective Edge weitergeführt wird. Und dann? Und dann ist Wochenende, und dann wird umso heftiger demonstriert werden. Mit all den Begleiterscheinungen, die auch Ihnen oder mir Angst machen würden, wenn Sie oder ich Jude wären. Oder die Konfliktparteien einigen sich. Und dann wäre auch hier scheinbar alles wieder gut. Und dann?  


Werner Jurga, 08.08.2014





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