Gregor Schneider, VG Bild-Kunst


Gregor Schneider und die 

Synagoge in Stommeln


Donnerstag, 31. Juli 2014. Sehen Sie sich doch bitte einmal dieses Haus an! Und... - gefällt es Ihnen? Eigentlich ist es doch ganz hübsch. Ich gebe zu: die Farbe, dieses etwas schrille Gelb, ist nicht jedermanns Sache. Aber gut, die ließe sich überstreichen. Das ist ja letztlich alles Geschmackssache. Wobei: falls es Ihnen gefallen sollte, muss ich Sie leider enttäuschen. Das Haus steht nicht zum Verkauf an. Auch Mieten ist wohl einstweilen nicht drin. Obwohl niemand drin wohnt. Aber so etwas kennt man ja... In diesem Fall ist die Sache aber nicht ganz so ein Aufreger; denn das Haus steht doch ein wenig – sagen wir mal: außerhalb. Da jedoch wiederum mittendrin. Es steht in Pulheim, direkt nordwestlich von Köln, 13 Kilometer Luftlinie von der Kölner City entfernt, geht eigentlich. Allerdings: das besagte Haus steht im Ortsteil Stommeln. Der liegt ausgerechnet im Nordwesten von Pulheim, d.h. Stommeln ist von der Zivilisation nochmal ein ganzes Stück weiter weg. Aber wer´s mag...  


Wie gesagt: dieses hübsche Haus oben auf dem Foto ist leider nicht zu haben. Die Adresse ist Hauptstraße 85 a, in Pulheim-Stommeln. Logisch. Das ist sowas von mitten im Zentrum, dass es irgendwie schon wieder ein wenig versteckt wirkt. Denn wir reden ja nicht über den Stadtkern von Köln, sondern von Stommeln. Vielleicht können Sie sich so ein 8000-Tausend-Seelen-Nest vorstellen: da finden Sie auch im Zentrum das Zentrum nicht. Bei der Deutschen Welle heißt es... - jawohl: bei der Deutschen Welle! Oder meinen Sie etwa, ich beschäftigte mich hier mit Profanem?! Also, da schreibt Emily Sherwin unter der Überschrift „Synagoge im Versteck“: „Das Haus in der Hauptstraße 85 a lässt keine Blicke zu. Hinein dürfen Besucher auch nicht. (Es) ist voll und ganz von der Außenwelt abgekapselt. Man kann zwar mit der Hand am buckeligen Putz entlangfahren, am Plastikgriff des Garagentors ziehen und die Nase an die Fensterscheiben pressen, aber innen an den Fenstern sieht man nur undurchsichtige Schiebevorhänge mit geblümter Spitze.“  


Falls Ihnen das besagte Haus mit all seinem Drum und Dran auch jetzt immer noch profan vorkommen sollte: Achtung! Das ist die Absicht. Genauer gesagt: das ist Kunst. Das mag für Sie schwer zu verstehen sein; es wird aber dann etwas leichter, wenn ich das im DW-Zitat angeführte „Es“ in Klammern durch das ersetze, was dort wirklich steht. An diesem Punkt habe ich nämlich ein klein wenig geschummelt. Aber das war Absicht. Genauer gesagt: das ist Kunst. In Wirklichkeit steht da nämlich nicht „Es“, sondern „die Synagoge“. Also: „Die Synagoge ist voll und ganz von der Außenwelt abgekapselt.“ Und darum geht es! Das ist Kunst. Emily Sherwin vermutet: „Dass die Synagoge plötzlich weg ist, hat vermutlich kaum jemand gemerkt.“ Der Künstler, dem die Stommelner – und nicht nur die! - diesen eindrucksvollen Effekt verdanken, heißt Gregor Schneider – international renommiert und auch in Duisburg seit einigen Wochen kein Unbekannter mehr.  


Zu Recht, wie mir scheint. Denn, mal ehrlich: hätten Sie gedacht, als Sie oben das Bild mit diesem schrill-gelben Wohnhaus gesehen haben, dass es sich bei diesem Gebäude ursprünglich um eine Synagoge handelte? Nein, natürlich nicht! Ist das nicht fantastisch? Da lässt man da mal diesen Gregor Schneider ran und schwupp: schon ist die Synagoge wie vom Erdboden verschwunden. Das nenne ich mal Kunst! In der Süddeutschen Zeitung schreibt Georg Imdahl anerkennend: „Die kleine Landsynagoge aus dem 19. Jahrhundert stand nie in der ersten Reihe. Jetzt ist sie ganz verschwunden. Ein Einfamilienhaus ist an ihre Stelle getreten. Nichts erinnert mehr an das ehemalige Bethaus.“ Wahnsinn! „Krise des Gedenkens“ hat Imdahl seinen Artikel genannt. Wir entnehmen ihm, dass Schneider ganze Arbeit geleistet hat: „Sogar die Hinweisschilder im Ort wurden abmontiert. Dafür hat die neue Wohnstätte nun, was der Synagoge in Stommeln bei Köln nie zugestanden worden war - eine eigene Adresse, Hauptstraße 85 a.“  


Jahrhundertelang diskriminiert hat die Synagoge dank Gregor Schneider endlich eine Postadresse. Dafür ist sie keine Synagoge mehr. Das gefällt natürlich nicht jedem. „Befremdet sind diejenigen, die sich um das Gedenken der im Holocaust umgekommenen Juden bemühen“, erzählt Imdahl. „Denn (?) für die Erlaubnis zur Ausstellung (?) in der ehemaligen Synagoge von Stommeln gibt es ja Verantwortliche.“ Wer auch immer dies sein mag, eine jüdische Gemeinde ist es nicht. Aber gut, man kann es nicht allen recht machen. Kunst muss provozieren. Kunst, mit der jeder einverstanden ist, ist langweilig. Da muss man dann auch mal in Kauf nehmen, dass „diejenigen, die sich um das Gedenken der im Holocaust umgekommenen Juden bemühen“, „befremdet“ sind. Jene hätten es gewiss lieber gehabt, dass die Synagoge von Stommeln in irgendeiner Form als Gedenkstätte „gedient“ hätte. Leute, das ist nicht nur langweilig, das ist stinklangweilig!  


Ganz anders Gregor Schneider. Ein echter Künstler eben. Einer, der zu provozieren weiß. Er „lässt sie unsichtbar werden. Er geht mit dem Unheimlichen auf Tuchfühlung. Er nimmt der harmlosen Gedenkstätte ihre harmlose Funktion“, so Michael Köhler im Deutschlandradio Kultur - jawohl: im Deutschlandradio Kultur! Überschrift: „Hinter der Fassade des Gewöhnlichen“ zitiert er, also Köhler, hier, also im Deutschland-radio Kultur, den Künstler, also Gregor Schneider: "Wir haben Dinge, die auf diesen Ort verwiesen, entfernt: Schilder, Beschriftungen, ein Tor. Und ich bin sehr dankbar, dass das Meiste, was eine Institution tun kann, den Namen hergeben ist – und die Erkennbarkeit eines Ortes herzugeben (O-Ton Schneider).“ Wow! Ist das nicht fantastisch? Revolutionär. Und das Resultat? Schneider: „Ich erlebe jetzt Menschen, die suchen, die fragen: Wo ist der Ort, das Gebäude, was vorher da war?" Da ist jemand – völlig zu Recht – stolz auf das von ihm Geschaffene. Architektonisch Bearbeiten statt...  


Michael Köhler hat es sich nicht nehmen lassen, seiner Begeisterung für Schneiders Werk auch im Kölner Stadt-Anzeiger Ausdruck zu verleihen. Hier heißt sein Beitrag, man lese und staune: „Hier wohnt die Erinnerung“. Eine kleine Kostprobe: „Schneiders Einhausung der Synagoge ist zwar nicht perfekt, aber dafür total. Er lässt das jüdische Gotteshaus verschwinden, und während man vor dieser aufreizend normalen deutschen Hausfassade steht, beschleicht einen unweigerlich der Gedanke...“ - Na, welcher wohl? Nicht perfekt, aber dafür total? Da dämmert es Köhler, dass der Mönchengladbacher Künstler damit das zerstörerische Werk der Nazis vollendet“. Huch! „Aber damit“, beruhigt Köhler sich und uns, „geht man schon deswegen fehl, weil...“ - Nun ja, weil die Synagoge schon 1937 von der jüdischen Gemeinde, wenngleich nicht ganz freiwillig, an einen ortsansässigen Bauern verkauft wurde, der sie als Abstellkammer nutzte. Nicht Schneider hat also das Werk der Nazis vollendet, vielmehr hatten die Juden selbst es gewissermaßen vorweggenommen.  


Das ist gewissermaßen, wenn Sie so wollen, Dialektik. Wie überhaupt Künstler Schneider ein Dialektiker reinsten Wassers ist. Ingeborg Wiensowski hat ihn durchschaut; auf Spiegel Online schreibt sie: „Die Synagoge ist einerseits ein diskreter, zum anderen ein Ort, der kunstvoll zum Sprechen gebracht wurde und viel zu sagen hat. Mit dieser Dialektik spielt Schneider.“ Ich verstehe einfach zu wenig von Kunst. Und selbst wenn ich mehr verstünde, könnte ich mich nicht so toll ausdrücken wie Frau Wiensowski. Die Dialektik des Einerseits und Andererseits, eines Ortes, der zwar diskret, aber kunstvoll zum Sprechen gebracht wurde. Ein Ort, der so aussieht wie oben auf dem Bild, der verrammelt ist, und den kein Mensch – abgesehen von ein paar Feuilletonisten – bemerkt. „Eine Synagoge verschwindet“ steht über Wiensowskis Inge sein SpOn-Artikel, der furios beginnt mit: "Gregor Schneider, bekannt für verschachtelte, schallisolierte Raumlabyrinthe, inszeniert im Rheinland. Dort bringt er eine Synagoge zum Sprechen...“  


Wir wissen zwar nicht, was sie sagt, die Synagoge; wir wissen aber, was Inge am Künstler so toll findet: „Das Spiel mit der An- und Abwesenheit der religiösen Sphäre ist offensichtlich das, was Schneider interessiert.“ Wiensowski fährt hier fort, und diesen Satz bitte ich aufmerksamst zu lesen: „Der Gedächtniskultur wird das konkrete Objekt bewusst entzogen, und gleichzeitig wird der gesamte Raum und Ort zum Gegenstand der Kunst.“ Brillant formuliert; allerdings: „Raum und Ort (worin besteht da eigentlich der Unterschied?) werden (nicht „wird“) nicht „gleichzeitig“, sondern gerade deshalb „zum Gegenstand der Kunst“, weil „das konkrete Objekt der Gedächtniskultur“, also die ermordeten Juden, von Gregor Schneider „bewusst entzogen“ wurde. Nun ja, Kleinigkeiten. Hauptsache Kunst. Vom international renommierten Künstler Schneider. Der, der seine Besucher in Beklemmung bringt. Wir Duisburger wissen jetzt: „Die Beklemmung kann auch ganz anderer Art sein. Es gibt nämlich nicht nur den Hitchcock-Appeal seiner Arbeiten, sondern auch einen vordergründigen Heydrich-Attack“. So Michael Köhler. Im Deutschlandradio Kultur.  


Werner Jurga, 31.07.2014



Synagoge von Stommeln
(vor Schneiders archetektonischer Bearbeitung)
Foto: Superbass via Wikimedia



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