Screenshot bild.de


Die Gretchenfrage: 

Wie hältst Du es mit dem Islam?


Dienstag, 29. Juli 2014. Mitunter setze ich, wenn ich Artikel daraus empfehle, Logos von Zeitungen auf die Startseite. SpiegelZeitTagesspiegel etc.pp. Die Bildzeitung hatte ich stets gemieden. Weil ich aber die Kampagne „Stimme erheben – Nie wieder Judenhass“ so klasse fand, habe ich am Samstag eine Ausnahme gemacht. Das war ein Fehler! Gleich am Sonntag ist ein ebenso weit verbreiteter wie dümmlicher Kurzkommentar über den „Islam als Integrationshindernis“ erschienen. Das Logo ist von meiner Homepage verschwunden. Na klar: „Bild“ wird’s überleben. Und die anderen Zeitungen sind auch nur Zeitungen. Dennoch: es gibt Grenzen! Die rote Linie, wie man heute so sagt, ist eindeutig überschritten, wenn der Vize-Chefredakteur von "Bild am Sonntag", Nicolaus Fest, zu Protokoll gibt: „Der Islam stört mich immer mehr." Fest jun. erblickt im Islam („der Islam“) nämlich einen „importierten Rassismus“, was die deutschen Behörden seines Erachtens „bei Asyl und Zuwanderung ausdrücklich berücksichtigen“ sollten.  


Womit Fest ganz nebenbei geklärt hat, wen oder was er mit „dem Islam“ meint. Nämlich die hier lebenden Muslime, und zwar in Gänze, womit er „die Zivilreligion Islamhass“ bedient, gegen die, wie Andrea Dernbach im Tagesspiegel schreibt, „kein Kraut gewachsen“ und die genau deshalb „das Integrationshindernis Nummer eins der letzten Jahre“ darstellt. Fest predigt in seinem BamS-Kurzkommentar eine, wie man heute so sagt, „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ bzw. - etwas traditioneller und mit seinem Begriff formuliert – genau den „Rassismus“, den er bei den deutschen oder in Deutschland lebenden Muslimen durchweg auszumachen glaubt. Das ist, wie Kai Gehring, ein Abgeordneter der Grünen, ganz richtig feststellt, "Hetze gegen Muslime". Oder aber, wie der SPD-Netzpolitiker Jonas Westphal den BamS-Kommentar bezeichnet, "ein Kübel Dreck". Es ließen sich weitere Stimmen zitieren; denn es hat sich im Netz ein regelrechter Shitstorm entwickelt , den Fest selbst allerdings, wie er über Twitter wissen ließ, „herrlich“ findet.  

Spätestens an dieser Stelle war auch „Bild“-Chef Kai Diekmann auf den Plan gerufen, der in einem Tweet erklärte: "Nicolaus Fest ist kein Hassprediger! Seinen Kommentar heute halte ich für falsch." Auf Bild selbst hat Diekmann einen Artikel mit dem Titel „Keine Pauschalurteile über den Islam!“ nachgeschoben, in dem er apodiktisch erklärt: „Für Bild und Axel Springer gab und gibt es bei all diesen Debatten eine klare, unverrückbare Trennlinie zwischen der Weltreligion des Islam und der menschenverachtenden Ideologie des Islamismus.“ Das ist eine politische Festlegung, über die man m.E. diskutieren kann. Unzweifelhaft ist aber, was Diekmann dort auch schreibt, nämlich: „Wer eine Religion pauschal ablehnt, der stellt sich gegen Millionen und Milliarden Menschen, die in überwältigender Mehrheit friedlich leben.“ Eine klare Ansage an Fest! Wie Diekmann, obgleich er dies so klar sieht, dennoch twittern kann, Fest sei „kein Hassprediger“, bleibt unverständlich. Ungereimtheiten im Hause Springer, die uns nicht weiter interessieren müssen.  


Interessanter wäre da schon die von Diekmann - und keineswegs nur von ihm – konstatierte - „klare, unverrückbare Trennlinie“ zwischen Islam und Islamismus. Es ist schon klar: diese „klare, unverrückbare Trennlinie“ soll die hier lebenden Muslime vor dem allgegenwärtigen rechtspopulistischen Furor schützen und die „Zivilreligion Islamhass“, das „Integrationshindernis Nummer eins“ (Dernbach) bekämpfen. Diese Absicht ist löblich; allein: was ist, wenn die Linie zwischen „Weltreligion“ und „menschenverachtender Ideologie“ gar nicht so klar verläuft, wie von Diekmann und letztlich auch von der herrschenden Integrationspolitik postuliert? Die Antwort: dann wäre es mit dem Schutz der muslimischen Minderheit nicht weit her. Dann hätte man gegen die rechtspopulistischen Hetzer, die stets und ständig das Schreckensbild von der „Islamisierung“ an die Wand malen, nicht allzu viel in der Hand. Der grüne Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu hat Recht, wenn er in der Bildzeitung feststellt: „Judenhass bekämpft man nicht mit Islamhass“.  


Wahr ist aber auch: den Islamhass bekämpft man nicht mit harmonisierender Schönfärberei, die die Menschen mit dem, was sie tagtäglich mitbekommen, nicht in Einklang bringen können. Wie soll der Spruch „Islam heißt Frieden“ überzeugen, wenn Isis, al-Qaida, Hamas, Hisbollah, Boko Haram, al-Schabab und etliche andere Mörderbanden mit „menschenverachtender Ideologie“ die Nachrichtenlage prägen? Gut, die Bildzeitung ist die Bildzeitung, und es war gut, dass Diekmann zum unsäglichen Fest-Kommentar das Nötige gesagt hat. Doch jeder, der sozusagen „jenseits der Bildzeitung“ in aller Ernsthaftigkeit eine „klare Trennlinie“ zwischen Islam und Islamismus bemüht, wird zur erklären haben, was er unter “dem Islam“ versteht und, vor allem, wo für ihn der Islam aufhört und der Islamismus anfängt. Der Hinweis Enrico Ippolitos in der taz, dass nicht nur im Koran, sondern auch im Alten Testament die grässlichsten Metzeleien gepriesen werden, hilft da nicht weiter. Im Gegenteil: er ist geradezu grotesk.  


Eine Religion, also z. B. der Islam oder das Christentum, ist nämlich mehr als „nur“ ihre „heilige“ Schrift. Ihre Geschichte und nicht zuletzt ihr gegenwärtiges „Erscheinungsbild“ gehören mindestens ebenso dazu. „Denn `der Islam´ umfasst keineswegs nur die Millionen friedlichen, friedliebenden und den verfassungsrechtlichen Wertekonsens respektierenden Muslime in Deutschland“, schreibt Cicero-Vizechefredakteur Alexander Marguier, “sondern alle Facetten einer Religion, die dort, wo sie zur vollen Entfaltung kommt, verlässlich ihre totalitären Züge zeigt. Und in deren Namen auch jetzt wieder – und zwar auf deutschem Boden – zum Mord an Andersgläubigen aufgerufen wird.“ Die August-Ausgabe des Cicero widmet sich schwerpunktmäßig („Titelthema“) dem Islam. Der Politologe und Islamkenner Gilles Kepel widmet sich in einem Essay der Frage, ob „in der arabischen Welt ein Dreißigjähriger Krieg, wie ihn das Christentum vor 400 Jahren erlebt hat“ tobt. Der linksliberale Cicero-Kolumnist Frank A. Meyer meint im Islam „eine totalitäre Religion“ zu erkennen, die wie „eine reaktionäre Zeitmaschine“ funktioniere.  


Hamed Abdel Samad, über den eine Fatwa verhängt wurde, streitet im Gespräch mit der Duisburger Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, die kürzlich gemeinsam mit Michael Rubinstein das Buch „So fremd und doch so nah - Juden und Muslime in Deutschland“ vorgelegt hat. Kaddor, die auch Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes ist, vertritt in dieser Diskussion die Auffassung, dass es sich bei der Vielzahl der dschihadistischen Terrororganisationen um „Auswüchse“ handele. Sie erläutert diese Sichtweise nicht näher, sondern schließt an mit der Ermahnung an Samad, nicht „jede Fehlentwicklung dem Islam anzulasten“ und zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden. Vielleicht hat Frau Kaddor Recht mit ihrer Sicht der Dinge, auch wenn ich gestehen muss, dass mir beim Blick auf die 57 Mitgliedsstaaten der Islamischen Konferenz ihr Wort von den „Auswüchsen“ nicht so recht einzuleuchten vermag. Jedenfalls scheint es mir unvermeidlich, diese Fragen in aller Offenheit zu erörtern, wenn wir die „Zivilreligion Islamhass“ eindämmen bzw. ihre Ausbreitung verhindern wollen.  


Werner Jurga, 29.07.2014




Seitenanfang