Pro-Hamas-Demonstration am 17. Juli in Berlin



Redlich

und sehr sensibel


Freitag, 25. Juli 2014. Nun kann ja niemand etwas für seinen Namen. Namen sind wie Schall und Rauch? - Nichts da. Mit dem Namen können Sie ganz schön Pech haben. Oder eben Glück – je nachdem. Ein Name ist nicht alles; aber ohne einen Namen ist alles nichts. Verdeutlichen wir uns das einmal am Beispiel des beruflichen Erfolgs. Wenn Sie zum Beispiel Heer, Stahl oder Sturm heißen, sind Sie geradezu prädestiniert, die Pflichtverteidigung Deutschlands prominentester Nationalsozialistin zu übernehmen. Da reicht allein der Name. Gut, Rechtsanwalt sollten Sie schon sein. Das ist klar. Aber besondere Kenntnisse in Sachen Germanentum oder Rassenlehre werden nicht vorausgesetzt. Und wenn Sie es dann einmal sind, ist es auch kein Beinbruch mehr, wenn die – zugegebenermaßen etwas schwierige – Mandantin das Vertrauen in Sie verlieren sollte. Heer, Stahl oder Sturm – wie gesagt: nur Beispiele.


Wenn Sie jedoch nicht einen solch einen martialischen Namen tragen, kommt dieser Job (Verteidiger im NS-Mordprozess) freilich nicht für Sie in Frage. Doch auch dies muss nicht der Untergang sein. Nehmen wir ein anderes Beispiel: angenommen Sie heißen Redlich. Okay, ich gebe zu: „Redlich“ ist ein Extrembeispiel. Aber Extreme eignen sich besonders, finde ich, die Dinge zu verdeutlichen. Also „redlich“ - der Duden gibt als Synonyme an: „anständig, aufrecht, aufrichtig, ehrenhaft, ehrlich, fair, grundanständig, gut, hochanständig, integer, ordentlich, unbescholten, verlässlich“. Viel besser geht es ja wohl kaum! Redlichkeit, „die Tugend und Charaktereigenschaft einer Person“, über die auch Wikipedia nur das Beste darzulegen weiß. „Üb immer Treu und Redlichkeit - Bis an dein kühles Grab - Und weiche keinen Finger breit - Von Gottes Wegen ab!“ Langer Rede kurzer Sinn: Redlich sind Sie ganz weit vorn.  


Also, wenn Sie so heißen. Und wenn Sie nicht gerade Verteidiger im NS-Mordprozess werden wollen. Doch davon abgesehen steht Ihnen im Grunde die Welt offen. Wenn Sie Redlich heißen, sind Sie der Mann, dem man vertrauen kann. Als Idealberufe würden sich für Sie anbieten: Versicherungsvertreter, Gebrauchtwagenhändler, Fußballprofimakler. Der Nachteil dieser Traumjobs: Sie müssen damit rechnen, dass einige Unbelehrbare in erkennbarer abwertender Absicht über Sie reden, indem sie Sie als „der Jude“ bezeichnen. Daraus ergibt sich die kuriose Widersprüchlichkeit, dass der Name „Redlich“ einerseits zwar ein Volltreffer in Sachen Karriereplanung ist, andererseits aber erhöhte Anforderungen an die Wahl von Beruf und Arbeitsplatz stellt. Wie auch immer: Glaubwürdigkeit ist Ihr Kapital. Mit diesem Pfund sollten Sie wuchern!  


Wenn Sie „Redlich“ heißen. Ich meine: wer heißt denn schon „Glaubwürdig“? Kein Mensch! Dagegen erfreut sich der Familienname Redlich durchaus einer gewissen Verbreitung in Deutschland. Um wieder einmal ein Beispiel zu nehmen: Stefan Redlich – hier sein Foto – ist „seit Februar 2012 Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und somit gleichzeitig der Pressesprecher der Polizei Berlin“, wie es auf deren Internetseite heißt. „Er vertritt die Polizei gegenüber den Medien und ist damit erster Ansprechpartner für Interviews.“ Ein schöner Job, manchmal aber nicht einfach. Zum Beispiel heute nicht. Heute hat doch in Berlin diese Al-Quds-Demonstration stattgefunden. Damit Sie Bescheid wissen: Al-Quds ist der arabische Name für Jerusalem. Und heute ist der Al-Quds-Tag; den hatte einst der Ayatollah Chomeini auf den letzten Freitag im Fastenmonat Ramadan festgelegt.  


Egal. Jedenfalls wird dann, also heute, demonstriert für die „Befreiung Jerusalems“, was in etwa das gleiche bedeutet wie die „Befreiung Palästinas“, wovon Jerusalem ja in gewisser Hinsicht die Hauptstadt ist... - also, dass die Juden da verschwinden sollen. Nun, und jetzt auch dieser Gazakrieg. Da liegen die Nerven natürlich blank bei diesen Palästinensern. Und Arabern und Türken und allen. Wobei der Chomeini... - auch egal. Und dann auch noch eine Gegendemonstration! Kein einfacher Tag für die Berliner Polizei, und das heißt: kein einfacher Tag für Stefan Redlich. Die Polizei wurde nämlich „angewiesen, bei judenfeindlichen Parolen hart durchzugreifen“. Hier steht´s; doch dann gab es trotzdem diese „`Israel-vergasen´- und `Sieg-Heil´-Rufe in Berlin“. Blöd. Wobei: an „Sieg-Heil“ ist ja wohl nichts Judenfeindliches. Aber „Israel-vergasen“ ist echt blöd. „Israel“ ließe sich zwar noch irgendwie von „den Juden“ trennen.  


Doch bei „Vergasen“ ist nun nichts mehr zu machen. „Vergasen“ - das klingt schon so nach Judenfeindlichkeit. Da wird es für den redlichsten aller redlichen Polizeipressesprecher wirklich schwer. Oder schwierig. Jedenfalls dann, wenn die Polizei, wie angewiesen, nicht „hart durchgreift“. Das hat sie natürlich nicht. Ich meine: Politiker! Sie meinen es vielleicht gut, haben aber keinen blassen Schimmer von der Praxis. Sollen die doch ihre Rübe hinhalten, wenn sie schon so super Ideen haben! Würde ich sagen. Kann und darf aber der Stefan Redlich nicht sagen. Man darf sich das alles nicht so einfach vorstellen. Also den Job als Polizeisprecher. Wenn man Redlich heißt, kommt man zwar leichter dran. Aber wenn man ihn erst einmal hat, den Job... - ja, dann hilft der Name auch. Aber Leistung bringen müssen Sie natürlich trotzdem.  


Da haben also, wie der Tagesspiegel schreibt, “20 bis 30 pro-palästinensische Demonstranten laut die Parole `Israel vergasen!´ angestimmt“. “Israel vergasen“ - so etwas Bescheuertes! Aber egal. Was soll er denn da sagen, der Stefan Redlich?! Schwierig, nicht wahr? Aber jetzt achten Sie mal drauf! In der Krise zeigt sich nämlich, dass Redlich nicht nur redlich ist (kleiner Scherz), sondern vor allem auch: schwer auf Zack. „Die Polizei habe die Parole nicht mitbekommen, sagte der Sprecher Stefan Redlich.“ Das ist es! Das ist die Lösung, und zwar die einzige Lösung. Stefan Redlich hat sie gefunden. 20 bis 30 Leute stimmen laut an – natürlich laut. „Israel vergasen“, leise skandiert – bringt ja auch nichts. Aber “Israel vergasen“, so etwas Bescheuertes, so etwas überhört man am besten. „Man sei aber sehr sensibel“ führt Polizeisprecher Redlich noch an. Man ist nämlich die Polizei.  


Werner Jurga, 25.07.2014






Al-Quds-Tag

Ausschreitungen bei Demonstration


Freitag, 25. Juli 2014. Körperverletzung, Aufruf zum Mord und Jagdszenen zwischen Polizei und Demonstranten: Bei der antiisraelischen Al-Quds-Demonstration ist es am Freitagnachmittag auf dem Berliner Kurfürstendamm zu massiven antisemitischen Ausschreitungen gekommen... Weiterlesen in der Jüdischen Allgemeinen