Pro-Hamas-Demo am 17. Juli 2014 in Berlin
Screenshot youtube



Palästina-Solidarität 

"Scheiß Juden, wir kriegen Euch!“


Sonntag, 20. Juli 2014. „Hätte die Polizei uns nicht geschützt, hätten sie uns wohl umgebracht.“ „Wir“ - das sind die israelische Frau, die dies gesagt hat, und ihr Mann, mit dem sie zusammen in Jerusalem lebt. Auch Jerusalem wird gegenwärtig hin und wieder von der Hamas mit Raketen beschossen. Das Ehepaar wollte mal eine Woche raus aus diesem Stress und eine Woche in Berlin Urlaub machen. Berlin ist bei den allermeisten Israelis äußerst beliebt. Mitte der Woche sind die beiden in der deutschen Hauptstadt eingetroffen. „Sie“ - das sind die pro-palästinensischen Demonstranten, die auch am Samstagabend in Berlin-Mitte demonstrierten. Vom Alexanderplatz, Unter den Linden entlang bis zum Potsdamer Platz, also genau dort, wo auch Touristen zu schlendern pflegen. Von der Demonstration wussten die israelischen Eheleute nichts.  


Hätten Sie davon gewusst, wer weiß? Vielleicht wären sie nicht ausgerechnet zu dieser Uhrzeit ausgerechnet dort langgelaufen. Vielleicht hätte auch der Ehemann darauf verzichtet, eine Kippa zu tragen. Ja, eine Kippa – Sie wissen schon. So eine kleine kreisförmige Kappe, wie sie zum Beispiel der Papst auf dem Hinterkopf trägt. Nur: der trägt diese kleine runde Mütze in Weiß. Diejenige jedoch, die der Tourist aus Israel auf dem Kopf hatte, war in Farbe. Also, wie gesagt: eine Kippa. Und so eine wird halt von Juden getragen. Exakter: von jüdischen Männern. So etwas weiß man aber! Ich weiß nun nicht, ob Sie es gewusst hatten; jedenfalls: die Demonstranten, etwa 800 an der Zahl, denen vermeintlich oder tatsächlich das Wohl und Wehe der Palästinenser so stark am Herzen liegt, die wussten das. Aber sie mögen es nicht so sehr.  


Also, wenn ein Mann eine Kippa trägt. Da sind sie nicht so dafür. Und weil es nun einmal so war, dass dieses israelische Ehepaar, wie gesagt, einfach mal so genau dorther geschlendert ist, wo sich zur gleichen Zeit die internationale Solidarität ihr humanitäres Gehör verschaffte, trug es sich so zu, dass... - nun, ich war nicht dabei. André Anchuelo und Philipp Peyman Engel erzählen es in der Jüdischen Allgemeinen heute so: „Als die demonstrierende Menge den Kippa tragenden Israeli erblickte, durchbrachen einige von ihnen die Menschenkette, die Polizeibeamte zum Schutz des Paares gebildet hatte. »Nazimörder Israel!«, »Scheiß Juden, wir kriegen Euch!« und »Wir bringen euch um!«, riefen die Aktivisten und versuchten, die Israelis zu attackieren.“ Vielleicht ist es so gewesen, vielleicht auch nicht. Wer will das schon sagen, wenn er nicht dabei gewesen ist?!  


Vorstellbar wäre es allerdings schon, dass engagierte junge Männer, denen die „Freiheit für Gaza“ ein Anliegen ist, sozusagen durch die emotionale Ausnahmesituation dieser Tage sich – etwa beim Anblick eines Juden – zu Dingen hinreißen lassen, die sie, wenn sie ein wenig drüber nachdächten, eher nicht tun würden, zum Beispiel, weil sie sich nicht gehören. Also: wahrscheinlich nicht tun würden. Dass sie sich gestern Abend ein wenig haben gehen lassen, wie Anchuelo und Engel berichten, ist folglich durchaus vorstellbar. Andererseits: eine Polizeikette durchbrechen, die extra zum Schutz dieses Paares gebildet wurde? „Scheiß Juden, wir bringen euch um“ skandieren? Jetzt mal ehrlich: finden Sie nicht auch, dass sich diese Vorwürfe ziemlich weit hergeholt anhören?! Nochmal, wie gesagt: ich war nicht dabei. Mir liegt auch kein entsprechendes Bildmaterial vor.  


Kurzum: ich weiß es einfach nicht. Dafür aber liegt eine Aufzeichnung einer Pro-Hamas-Demo vor, die zwei Tage zuvor in Berlin stattgefunden hatte. Wenn Sie sich die einmal ansehen möchten, sie ist recht lang, 6'46 Minuten, hier das Video. Ich habe es mir wiederholt angesehen und muss sagen: nichts spricht dafür, dass die beanstandeten Zitate wirklich so skandiert worden sind. „Scheiß Juden, wir kriegen Euch!“ ist der gesamten Aufzeichnung ebenso wenig zu vernehmen wie „Wir bringen euch um!“ Vielmehr wird auf dem vorliegenden Video „Jude, Jude, feiges Schwein! Komm heraus und kämpf´ allein!“ gerufen, was offensichtlich etwas ganz Anderes ist. Handelt es sich doch hier um eine faire Auseinandersetzung Mann gegen Mann, während im besagten Zeitungsartikel gleichsam eine Lynchmord-Absicht unterstellt wird. Schwer vorstellbar.  


Zumal sich nicht nur in Berlin, sondern in vielen deutschen Großstädten in diesen Tagen eine breite Solidaritätsbewegung für das palästinensische Volk zu Wort gemeldet hat. Ob in Frankfurt, in Mannheim, in Essen oder sonstwo – überall melden sich die Stimmen des Gewissens machtvoll zu Wort. Es ist wahr, dass dabei auch Kritik an der israelischen Kriegsführung geäußert wird, was jedoch schon insofern zulässig sein muss, als dass Israelkritik nicht stets und ständig als Antisemitismus denunziert werden darf. Weil es aber auch wahr ist, dass nun einmal die meisten Staatsbürger und auch Soldaten Israels Juden sind, darf man sich auch nicht darüber wundern, dass auf einer Friedensdemonstration neben korrekten Begriffen wie „Israel“ oder „Zionisten“ in Ausnahmefällen auch mal das Wort „Juden“ fällt. Außerdem: die Juden, die gestern in Berlin provoziert hatten: waren das nun Juden oder nicht?!  


Wie auch immer: die ganze Sache ist ein weites Feld. Die Absicht, die mit solchen Geschichten wie der aus der Jüdischen Allgemeinen zitierten, ist aber leicht durchschaubar. Gezielt wird der Eindruck erweckt, als würden im Herzen Berlins (Alexanderplatz, Unter den Linden, Potsdamer Platz) Menschen allein deshalb bedroht und gefährdet, weil sie Juden sind. Welche Auswirkung so etwas auf das deutsche Ansehen im Ausland haben kann, braucht nicht näher erläutert zu werden. Aber so sind sie, die Juden... - sorry: so ist sie, die Jüdische Allgemeine: kaum, dass man mal vollauf berechtigte Kritik am aggressiv-zionistischen Kriegsstaat Israel äußert, schon kommen sie Dir mit der Antisemitismuskeule. So machen sie es jedes Mal. Ich bin nicht mehr bereit, Auschwitz den Juden durchgehen zu lassen. Und schon gar nicht das jetzt in Gaza!  


Werner Jurga, 20.07.2014




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