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"Jetzt reicht´s auch mal“

Irre!



Montag, 7. Juli 2014. Irre. Einfach nur irre. Ob es an der Fußballweltmeisterschaft liegt? Also, schon jetzt, wo wir noch gar nicht Weltmeister sind? Oder einfach nur am Wetter? Also, nicht dem in Brasilien, sondern am Wetter hier. Es ist aber auch wirklich eine Strapaze. Da kann man wirklich mal so richtig sauer werden und, wenn gerade eine Kamera läuft und ein Mikrofon bereit steht, seiner Seele freien Lauf lassen und zu Protokoll geben: „Jetzt reicht´s auch mal!“ Howgh, der Präsident hat gesprochen! Da können auch der Innen- und der Außenminister nicht mehr schweigen. Der Innenminister nennt die Vorwürfe sehr schwerwiegend. Der Außenminister fordert, es dürfe nun nichts mehr unter den Teppich gekehrt werden. Wer weiß, was da jetzt schon alles rumliegt?! Da, unter dem Teppich. Und jetzt das! 


Wenn das wirklich zutrifft, dann „wäre das“, sagt die SPD-Innenpolitikerin Eva Högl – das ist die aus dem NSA-Untersuchungsausschuss, die sich „liebend gern mal mit Herrn Snowden unterhalten“ würde - „ein weiteres erschreckendes Kapitel der ungeheuerlichen Aktivitäten der amerikanischen Nachrichtendienste gegenüber den demokratischen Institutionen in Deutschland“. Ja aber, findet Katja Kipping, ihres Zeichens Parteivorsitzende der Linken: „Das ist das Ergebnis von Merkels transatlantischem Duckmäusertum.“ Typisch, so sind sie, die Linken. Fallen in Zeiten höchster Not unser aller Kanzlerin in den Rücken. Dabei ist die Bundeskanzlerin auch „enttäuscht“, „erschüttert“ und alles. Und unter Zugzwang.  


Denn der Bundespräsident ist vorgeprescht. Jetzt hat er gar vor einer Belastung der deutsch-amerikanischen Beziehungen gewarnt. Frau Merkel unter Zeitdruck. Nun ja, der tut ihr auch mal gut. Wir kennen das von der WM. Dieses ewige Ballgeschiebe, genannt: Ballbesitzfußball, ist out; Tempo nach vorn ist angesagt. Aggressives Tackling, Pressing weit vorn. So wie der Präsident und der Außenminister. In der Offensive immer mal ein Ende der militärischen Zurückhaltung fordern, in der Defensive aber sofort, wenn auch nur mal ein Doppelagent untergebracht wird, mit großer Theatralik und lautem Aufschrei auf den Boden fallen. Zwei echte Weltklasseleute, verständlicherweise die beiden Beliebtesten im Fähnchenfahrer-Publikum.  


Das muss man sich nur mal vorstellen! Diese Amerikaner schrecken nicht einmal davor zurück, unseren NSA-Untersuchungsausschuss auszuspionieren. Wir sammeln – demokratisch, wie wir nun einmal sind – im Parlament nach allen Regeln der Kunst die Informationen über deren Geheimdienstaktivitäten. Logischerweise geheim. Und die?! Kaufen sogar einen von uns, nur um herauszubekommen, was wir über sie herausbekommen wollen. Jetzt reicht´s aber auch echt mal! Man sieht ja schließlich, wohin das führt. Der BND, also unser Bundesnachrichtendienst, soll der „Wurmfortsatz der NSA“, also deren Spionagezentrale, sein. Erzählt einer, der es wissen müsste, nämlich Thomas Drake, ein ehemaliger NSA-Mitarbeiter.  


Nun sagt der BND, dies sei „eine glatte Lüge“, und die Bildzeitung beklagt sich, Drake verhöhne den deutschen Geheimdienst. Uns soll es egal sein. Ob der BND nun der Blinddarm der Amerikaner ist oder nicht, fest steht: die Amerikaner taugen nichts. Also, moralisch gesehen. Rein technisch betrachtet sind sie ziemlich weit vorn. Aber so von der Moral her: unterirdisch! Die sammeln Informationen über uns – wohl bemerkt: geheime Informationen – und dann auch noch in sensiblen Bereichen, also dort, wo wir Informationen über sie sammeln. Jetzt reicht´s auch mal! Ab jetzt wird sich nichts mehr vorgemacht. Ab jetzt hat für jeden Deutschen ein für alle Mal festzustehen: die Amerikaner taugen nichts. Und überhaupt: wer taugt eigentlich heutzutage überhaupt noch etwas?!  


Mit den Russen brauche ich ja wohl gar nicht erst anzufangen. Das ist doch keine Freiheit da bei denen. Und wie die mit den Ukrainern umgehen! Fast schon so, wie die Juden, sorry: wie die Israelis mit den Palästinensern. Oder möchten Sie etwa so leben wie die Araber unter israelischer Besatzung?! Aha. Wobei: die Araber ihrerseits. Das ist ja mittlerweile gar nicht mehr nachzuhalten, wo überall die sich gegenseitig ihre Hälse abschneiden. Wen haben wir denn da sonst noch? Die Chinesen vielleicht? Jetzt muss ich Sie aber bitten! Also die diversen Europäer. Doch wenn wir die mal alle so im einzelnen durchgehen... Nun gut, ich will mich nicht dümmer stellen, als ich bin. Sicher, es war schon vor der WM und vor der neuesten NSA-Affäre völlig klar, dass die einzigen Guten auf dieser Welt wir sind.  


Das Blöde daran ist nur: irgendwie darf man es nicht so deutlich sagen. Wegen dieser political correctness, auch so ein amerikanisches Modewort! Was bitteschön soll denn daran so „korrekt“ sein?! Wir sind die Guten, auf dieser Welt die einzigen Guten, dürfen es aber nicht sagen. Eine Gemeinheit ist das, und sonst gar nichts! Und warum? Nur weil bei uns, ganz früher mal, diese Sache mit den Nazis war. Das ist doch schon ewig lange her! Heutzutage gibt’s bei uns doch keine Nazis mehr. Na gut, im ein oder anderen Stadtrat oder Kreistag. Aber nur in zwei Landtagen. Und nur ein Abgeordneter im Europaparlament. Na und?! Die Anderen sind auch nicht besser. Jetzt reicht´s auch mal mit diesen blöden Nazigeschichten. Und was unsere Geheimdienste betrifft...  


Nur zur Erinnerung: sie sind eigentlich das Thema dieses Artikels, diese Geheimdienstaktivitäten. Es gibt Hinweise darauf, dass ein Nazi-Netzwerk sich durch diverse Verfassungsschutzämter und Strafverfolgungsbehörden erstreckt, wodurch die Mordserie des NSU erst ermöglicht wurde, und worauf zurückzuführen ist, dass nur eine Handvoll Nazis neben Beate Zschäpe auf der Anklagebank sitzen. Nicht einmal die Behauptung, Verfassungsschützer seien „Mittäter“, kann hierzulande unter Strafe gestellt werden. Solange dies so ist, solange hochrangige deutsche Geheimdienstler mit hanebüchenen Einlassungen die Verstrickungen deutscher Verfassungsschützer in die rassistische Anschlagsserie leugnen, würde es meine Beziehung zu den USA einer ernsthaften Belastung aussetzen, wenn sie darauf verzichteten, deutsche Geheimdienste auszuspionieren.  


Werner Jurga, 07.07.2014



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