Grundsätzliche Überlegungen zum Verhältnis zwischen Alteingesessenen und Eingewanderten:

„Gib einer Gruppe einen schlechten Namen und sie wird ihm nachkommen“

Freitag, 5. April 2013. Die Einwanderung aus Südosteuropa sorgt in Duisburg für Diskussionen, die teilweise mit erheblichem Engagement geführt werden. Vereinfacht ausgedrückt spaltet sie die Duisburger Stadtgesellschaft in zwei Lager: die Einen, die „für die Roma“ sind, und die Anderen, die „gegen die Roma“ sind. Die Einen, das sind die Kirchen, die Gewerkschaften und die Parteien, kurz: das „Establishment“ dieser Stadt, dem sich politisch streitfreudige Bürger – vornehmlich aus dem (Mitte-)linken-Bereich – anschließen. Die Anderen, das sind die meisten Bürger, die dort wohnen, wo sich die „neuen“ Einwanderer niedergelassen haben, und mit ihnen die große Mehrheit der Duisburger Bevölkerung, die befürchtet, über kurz oder lang ebenfalls von Einschränkungen ihrer Lebensqualität betroffen sein zu können. Und, wie das bei heftigen Debatten so ist: beide Seiten neigen dazu, dem Widerpart unaufrichtige Motive zu unterstellen. Die Einen machen bei den Anderen Rassismus, in diesem Fall also Antiziganismus, aus, was die Anderen empört zurückweisen und mit dem Konter beantworten, bei den Einen handele es sich um weltfremde „Gutmenschen“, die das Privileg genössen, nicht in der Nähe der eingewanderten Südosteuropäer wohnen zu müssen. Es überrascht nicht, dass derlei wechselseitige Vorhaltungen eine Verständigung zwischen beiden Seiten nicht eben leichter machen.


Dabei sind sie sich im Grunde ähnlicher, als sie annehmen dürften. Zwei Beispiele mögen dies verdeutlichen. Erstens werden weder die Einen noch die Anderen müde zu betonen, Duisburg könne Integration. Mit der Formel „Duisburg kann Integration“ wird auf den multiethnischen Charakter der Stadt Bezug genommen, in der Menschen aus weit über hundert Nationen leben. In engem Zusammenhang damit steht das zweite Beispiel für die Ähnlichkeiten in der Argumentation der vermeintlichen „Gutmenschen“ und der vermeintlichen „Rassisten“. Zweitens gehört es mittlerweile – nach anfänglichen politischen Inkorrektheiten – nämlich zum guten Ton, die ethnische Zugehörigkeit der Einwanderer vom Balkan auszublenden. Diese beiden Beispiele belegen nicht nur die Ähnlichkeiten zwischen den Einen und den Anderen. Sie stehen auch dafür, dass und wie systematisch vernebelt wird, worüber, genauer: über wen eigentlich gesprochen wird. Stattdessen werden Mythen gestrickt – über die Einheimischen (Beispiel 1) und über die Einwanderer (Beispiel 2). Dies bietet den scheinbaren Vorteil, dass nicht darüber geredet werden muss, wer da eigentlich mit wem auskömmlich zusammenleben oder gar „integriert“ werden soll. Stattdessen lässt sich munter über Spielregeln streiten, über die man sich im Grunde auch einig ist. So dass nur noch der Streitpunkt übrig bleibt, wer wann warum welche Regel verletzt hat.


Deutschland im Tiefflug. In der Tat: ellenlange Debatten über Müllentsorgung, abendliche Lautstärke, ungezogene Kinder wirken „typisch deutsch“, mögen „typisch deutsch“ sein. Probleme bei der „Integration“, im Zusammenleben unterschiedlicher Menschengruppen sind es nicht. Wer Zweifel daran hat, informiere sich über die erheblichen nationalen wie ethnischen Spannungen in Asylbewerberheimen. Die Ursachen von Spannungen zwischen Menschengruppen gehen allerdings noch weitaus tiefer. Norbert Elias – einer der bedeutendsten und, wie ich finde, der bedeutendste Soziologe des 20. Jahrhunderts, hat Anfang der 1960er Jahre eine Studie über „Etablierte und Außenseiter“* veröffentlicht. Nun handelte es sich bei den „Etablierten“ in dieser Untersuchung keineswegs um Playboys auf Luxusyachten und bei den „Außenseitern“ nicht um gesellschaftlich Gestrandete. Vielmehr fanden Norbert Elias und John L. Scotson Ende der 1950er Jahre in einer englischen Gemeinde eine Ausnahmesituation vor, die Soziologie gleichsam unter Laborbedingungen ermöglicht hatte. Die Fabrik am Ort wurde in diesen Nachkriegsjahren auf doppelte Größe erweitert, was die Umsiedlung einer gleichen Zahl an Arbeitern erforderlich gemacht hatte. In der Folge standen sich in der Gemeinde zwei Einwohnergruppen gegenüber, die sich im Grunde durch nichts unterschieden hatten.


Obwohl sich die Neuen weder durch Ethnie oder Rasse, noch durch Sprache oder Nationalcharakter, noch durch Bildung oder Qualifikation, noch durch Lohnhöhe oder Lebensgewohnheiten, noch sonstwie von den Alteingesessenen in irgendeiner Art und Weise unterschieden hatten, kam es zu einer massiven Stigmatisierung der zugezogenen Einwohner durch die alten. Sie fühlten sich unbewusst in ihrer gewohnten Art zu leben bedroht, so Elias, der die dadurch angestoßenen Prozesse für gesetzmäßig hält. Die Etablierten werden unsicher. Sie schließen sich immer enger zusammen, die Kohäsion nimmt zu, hervorgerufen durch einen Mechanismus von „Zuckerbrot und Peitsche“. „Selbstverständlich sieht es dann so aus, dass die Mitglieder einer Außenseitergruppe diesen Normen und Zwängen nicht gehorchen.“ (S. 18) „Die Etablierten nehmen sie also als etwas Fremdes und Bedrohliches wahr und die Außenseiter bemerken natürlich auch den Unterschied und die Stigmatisierung durch die Etablierten. Sie werden in eine Gegnerschaft hineingetrieben, „ohne recht zu verstehen, was da geschah, und gewiss ohne eigenes Verschulden.“ (S. 247) Interessanterweise verhalten sich die Außenseiter dann zum Teil tatsächlich so, wie die Etablierten es verurteilten. Sie waren scheinbar unzuverlässig, undiszipliniert, gesetzlos und unsauber.



Gib einer Gruppe einen schlechten Namen und sie wird ihm nachkommen.“ (S. 24) Das Verhalten von Etablierten und Außenseitern steht in einem sich wechselseitig beeinflussenden Zusammenhang. Die Außenseiter messen sich selbst am Maßstab ihrer Unterdrücker (S. 22). Aber auch das Selbstwertgefühl und das Selbstbild der Etablierten ist von der Existenz der Außenseiter abhängig. Es gibt nicht den geringsten Grund für die Annahme, dass diese Mechanismen, die Elias vor mehr als fünfzig Jahren in einer englischen Gemeinde ausgemacht hatte, in Duisburg nicht anzutreffen gewesen wären und seien. Eben weil die Einwanderungswellen hier nicht gleichsam unter Laborbedingungen stattgefunden hatten, dass also nicht Menschen sozusagen wie Du und ich nach Duisburg kamen, sondern Menschengruppen aus – zum Teil ganz – anderen „Kulturkreisen, gestalteten und gestalten sich die Spannungen zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen eher noch schärfer als in Elias Standardwerk von den „Etablierten und Außenseitern“. Wenn also die Duisburger, und zwar sowohl die Einen wie auch die Anderen, stolz zu Protokoll geben „Duisburg kann Integration“, darf darüber nicht in Vergessenheit geraten, dass jede (!) Einwanderungswelle mit einer ganz erheblichen Stigmatisierung und Diskriminierung der Neuankömmlinge einherging.


Bleibt dies ausgeblendet, gerät allerdings auch die Diskussion über die gegenwärtige Einwanderung aus Südosteuropa in eine unübersehbare Schieflage. Wird nämlich davon ausgegangen, bei den Duisburgern an sich handele es sich um ein ganz besonders aufnahmewilliges Völkchen, ist die Grundmelodie der Debatte vorgegeben. Die Einen, also die vermeintlichen „Gutmenschen“, können aus der Schimäre, in Duisburg habe doch bislang die Integration umstandslos geklappt, ableiten, dass es sich bei der Ablehnung der Neuen vom Balkan eigentlich nur um Antiziganismus, mithin Rassismus handeln könne. Die Anderen, also die vermeintlichen „Rassisten“, können darauf verweisen, dass ihnen Ethnie und Rasse der neuen Nachbarn völlig egal seien, dass es ihnen vielmehr allein um deren Fehlverhalten in puncto Sauberkeit, Nachtruhe, Gesetzestreue und ähnlichem gehe. Damit ist festgezurrt, dass nicht zu thematisieren ist, um welche Menschen es sich denn bei den Neuankömmlingen eigentlich handelt. Unter normalen Umständen würde man daraus schlussfolgern, dass diese Neuen sowohl den Einen als auch den Anderen sowieso völlig egal seien. Allein: Duisburg liegt in Deutschland, und dort kann es keine normalen Umstände geben, weil es noch nicht allzu lange her ist, dass die Deutschen die Roma fabrikmäßig auszurotten versucht hatten.


Hier ist also höchste Vorsicht geboten, will sagen: die „Strategie“ im Sinne der Elias-Studie „Gib einer Gruppe einen schlechten Namen und sie wird ihm nachkommen“, scheidet hier definitiv aus. Es war völlig klar, wer gemeint war, wenn über die „Pollacken“ hergezogen wurde. Fraglos auch, wer mit „Spaghettis“ gemeint gewesen sein könnte. Und wer die „Kanaken“ sind, weiß nun aber wirklich jeder. Den „neuen Zuwanderern aus Südosteuropa“ wird nicht einmal diese – zugegebenermaßen recht zweifelhafte - „Ehre“ zuteil. Vorsicht ist geboten, und weil die meisten Roma die Bezeichnung „Zigeuner“ als diskriminierend empfinden, kommt dieses Wort nicht infrage. Kurioserweise scheint aber auch die – an und für sich völlig korrekte – Bezeichnung inzwischen mit einem Tabu belegt. Verständlich ist, dass die Anderen, also die vermeintlichen „Rassisten“, das Wort „Roma“ peinlichst meiden, könnte doch die Benennung der ihnen Missliebigen als diejenigen, welche sie sind, als Futter für den gegen sie erhobenen Antiziganismusvorwurf herhalten. Schwerer zu verstehen ist, dass auch die Einen, also die vermeintlichen „Gutmenschen“, großen Wert auf die Feststellung legen, beileibe nicht jeder der neuen Einwanderer sei ein Rom. Näher quantifiziert wird dieser scheinbar gewichtige Einwand nicht, so dass im Unklaren bleibt, ob nun ein oder zweieinhalb Prozent der Einwanderer vom Balkan keine Roma sind.


Entscheidend ist, dass mit dem Namen auch das Phänomen verschwindet. Die Rede ist von irgendwelchen Menschen aus Südosteuropa, die keine – zumindest keine kollektive – Identität besitzen und – je nach Sichtweise – entweder eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder anstreben (die Einen) oder aber sich durch schlechte Manieren, wenn nicht gar durch kriminelles Verhalten auszeichnen (die Anderen). Darüber lässt sich dann trefflich streiten, ohne die Objekte des Streites beim Namen benennen zu müssen. Wohin so etwas führt, verdeutlichen einige Hochfelder, die in einem anonymen Schreiben, das freundlicherweise kürzlich von der Antifa veröffentlicht wurde, ihren vermeintlich rassistischen deutschen Nachbarn dies vorhalten: „Sie erkennen die zugewanderten Menschen anscheinend nicht als Individuen an und bedienen sich stattdessen der westlichen Projektion einer vormodernen Gesellschaftsstruktur (`Fürsten´) und organisierten Zuwanderergruppen (`Rädelsführer´) was wiederum Assoziationen zu kriminellen Vereinigungen erzeugt.“ Einmal ganz abgesehen davon, wie elegant mit dem Verweis auf eine angebliche „westliche Projektion“ die deutsche Vergangenheit aus dem Blickfeld und stattdessen der böse Kapitalismus, der immerhin die Zigeuner hat leben lassen, aus die Anklagebank gerät, wird hier ganz nebenbei so ziemlich Alles tabuisiert, was nicht tabuisiert werden sollte, wenn man sich dem Wesen der Sache nähern möchte.


Ist es gestattet, darüber zu reden, dass bei den Roma – jedenfalls bei denjenigen Roma, die frisch vom Balkan zu uns kommen – der Prozess der Individualisierung noch nicht so weit fortgeschritten ist wie etwa hierzulande. Was ist, wenn die Roma tatsächlich in einer vormodernen Gesellschaftsstruktur aufgewachsen sind und mangels Integration immer noch leben? Warum ist es eigentlich verboten zu sagen, dass es sich bei der Einwanderung der Roma um organisierte Zuwanderergruppen handelt? Überlegen sich da etwa die Eheleute Reinhardt – verheiratet, zwei Kinder – in ihrem Mittelklassenwagen: „Och komm, fahren wir nach Duisburg! Der Städtename klingt irgendwie schön. Warum eigentlich nicht?!“ - Unsinn. Wir haben es mit einer organisierten Einwanderung von Menschen zu tun, die aus einer vormodernen Gesellschaftsstruktur stammen und schon insofern nicht in den Kategorien der Individualität, wie sie in der autonomen Szene üblich sind, zu denken gewohnt sind. Fraglos sind die Roma in der „Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland gekommen“. Es kann aber doch sein, dass sie sich unter einem „besseren Leben“ etwas Anderes vorstellen als ich zum Beispiel. Wo wir doch davon ausgehen müssen, dass sich meine Vorstellungen von einem „besseren Leben“ mit denen der alternativen Hochfelder nicht vollends decken dürften.


Zum Schluss: die Vorstellungen über die Lebenswirklichkeit der Roma werden nicht allein durch den Zigeunerkitsch („Lustig ist das Zigeunerleben“) und den Antiziganismus („Wäsche rein! Die Zigeuner kommen“) grob verfälscht, sondern unterschwellig auch durch die Annahme geprägt, spätestens während des Kalten Krieges sei den Roma unter kommunistischer Herrschaft – wenngleich nicht ganz freiwillig – eine Art Zivilisationsschub zugute gekommen. Der Balkan habe, so nimmt man an, im sowjetischen Einflussbereich gelegen, und selbst glaubensfeste Antikommunisten gehen davon aus, dass allein deshalb grundlegende Regeln wie Schulpflicht und Erwerbsarbeit auch für Roma verbindlich gewesen seien. Beide Annahmen sind falsch. Es wäre ein vollkommen neues Thema, die Geschichte des Balkans in diesen gut vierzig Jahren abzuhandeln; deshalb hier nur so viel. Zwar gab es in allen südosteuropäischen Staaten (außer Griechenland, Zypern, Malta) die Diktatur einer kommunistischen Partei; dennoch war auch im Kalten Krieg der Balkan ein Flickenteppich. Nur zwei kleinere Länder waren mit der Sowjetunion verbündet - Ungarn und Bulgarien. Und auch diese beiden Staaten waren so unterschiedlich wie die Länder außerhalb von Warschauer Pakt und Comecon. Die Situation der Roma in den diversen Staaten war sehr unterschiedlich. Dass mit diesen Arten von Kommunismus die Diskriminierung der Roma ein Ende genommen hätte, ist jedenfalls reine Fantasie.

Werner Jurga



  • Norbert Elias, John L. Scotson: Etablierte und Außenseiter. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2002, ISBN 3-518-38382-5



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xtranews Magazin, Ausgabe 3 (ab Seite 4)