Neuer Trend?

Glaube ohne Gott



Montag, 9. Juni 2014. Die aktuelle Ausgabe des 
Spiegel: das Titelbild zeigt die kosmische Formation „Säulen der Schöpfung“, einen mit dem Hubbleteleskop aufgenommenen, wie es im Spiegel heißt, „Weltraumnebel“, der etwa 7000 Lichtjahre entfernt ist. Das Foto ist insofern nicht mehr ganz aktuell. „Weltraumnebel“ - schöner lässt sich unser geozentrisches Weltbild kaum verdeutlichen. „Weltbild“ - was sonst? Da wird eine kosmische Formation abgebildet, die so zirka 7000 Lichtjahre entfernt von uns „liegt“, also wo? Im Weltraum. Klasse! Und was textet der Spiegel – im Innenteil - über dieses Foto? „Unsere Welt wird zunehmend säkular“. Ja näh, iss klar...  


Absichtlich amüsant ist jedoch die Titelbildgestaltung des Spiegel. Die große Schlagzeile lautet: „Ist da jemand?“ Online reicht es, wenn man mit dem Cursor auf das Titelbild geht. Über die Papierausgabe hat man entsprechend – nennt man es Banderole? - ein zweites Cover gelegt. Und was sehen wir darauf? Richtig: den alten Mann mit dem langen Bart, der layouttechnisch optimal in die „Säulen der Schöpfung“ hineinpasst und ansonsten wie so eine Art Superman durch die unendlichen Weiten des Universums düst. Ja, da ist jemand. Allerdings: erstens ist es nur ein Scherz, und zweitens: der alte Mann ist 7000 Lichtjahre weit weg! Und schneller als Lichtgeschwindigkeit wird auch der nicht zischen können.  


Oder doch? Aber wer soll so etwas glauben?! Nun gut, im Weltmaßstab betrachtet – hier plötzlich recht groß – wird es die eine oder andere Million Menschen geben, die sich – den gar nicht unbedingt „lieben“ - Gott so oder so ähnlich vorstellt. Aber hierzulande? Ehrlich gesagt: ich rate dringend davon ab, sich hier festzulegen. Es könnte gut sein, dass in der „zunehmend säkularen“ Bundesrepublik Deutschland weit mehr Mitbürger bereit sind, Dinge zu glauben, was unsereins für kaum zu glauben hält. Wohl bemerkt: „was“, nicht etwa nur „die“. Will sagen: dass Sie diesen Mumpitz vom Herrgott als außergalaktischem Fliegemann nicht glauben können, ist schon klar. Wie viele Menschen dies dennoch glauben... - kaum zu glauben!  



Die Gläubigen in der Spiegel-Titelgeschichte glauben das jedenfalls nicht. Es sind Kirchgänger aus der evangelischen Pfarrgemeinde St. Nikolai in Hamburg-Harvestehude, „einem der wohlhabendsten Viertel Hamburgs und ganz Deutschlands“, wie der Spiegel schreibt. „Niemand von ihnen stellt sich Gott als konkrete Person vor“. Die Spiegel-Autoren Beyer und Leick hatten nachgefragt, wen oder was die Gottesdienstbesucher denn dann anbeten und erhielten zur Antwort, Gott sei ein „Energiefeld“ oder, was so etwas Ähnliches sein dürfte, eine „Kraft“. Jedenfalls, so noch ein Anderer, eine „abstrakte Macht“. Tja...  


Von hier aus ist es dann nicht mehr allzu weit zu dem, was „Der Spiegel“ als Untertitel auf seine Titelseite gedruckt hat, nämlich zur „Zukunft der Religion“, nämlich zum „Glauben ohne Gott“ bzw. zur, wie der US-amerikanische Philosoph Ronald Dworkin sein Buch betitelt hat, „Religion ohne Gott“. Seit drei Wochen ist die deutsche Übersetzung der „religion without god“ auf dem Markt, (noch?) nicht in der Spiegel-Bestsellerliste, aber schon – wegen des englischsprachigen Originals – als Weltbestseller beworben. Um etwaige Fragen vorwegzunehmen: ich habe es nicht gelesen, nur Sekundäres. Den Klappentext etwa, eine Rezension in der Frankfurter Rundschau, und natürlich das, was im Spiegel dazu steht.  


Ein Glaube ohne Gott? Das klingt zunächst einmal wie alkoholfreies Bier, wie Blümchensex, wie „Wasch mich, aber mach mir den Pelz nicht nass!“ Eine Religion ohne Gott? Das klingt, jedenfalls in meinen Ohren, zunächst einmal überhaupt nicht gut. Denn wenn sie politisch werden sollte, und der Begriff „Religion“ deutet nicht auf ein Privatvergnügen hin, kann sie schnell zur politischen Religion werden, womit die Menschheit im 20. Jahrhundert nicht die besten Erfahrungen gemacht hatte. Dies nur vorweg; deshalb zweimal dieses rumpelige „zunächst einmal“. Denn es ist völlig klar: bei Ronald Dworkin liegt der Fall völlig anders. Was er anbietet, ist weder belanglos noch verdächtig.  


Dworkin steht in einer Tradition“, schreiben Beyer und Leick, „die auf die Aufklärung zurückreicht und vor allem auch in der protestantischen Theologie gepflegt wurde.“ Insofern macht es wenig Wunder, dass Hinrich Claussen, der Gemeindepfarrer der St.-Nikolei-Kirche das Buch „Religion ohne Gott“ zum Thema seiner Predigt macht und dabei sehr wohlwollend über Dworkins „religiösen Atheismus“ spricht. Es ist nicht Pfingsten, sondern Himmelfahrt – Apostelgeschichte Kapitel 1, Vers 9: „Und da er solches gesagt, ward er aufgehoben zusehends, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg.“ Zugegeben: es gibt Situationen, in denen wünscht man sich eine Religion ohne Gott.  


Kuppelfresko "Mariä Himmelfahrt" aus dem 16. Jahrhundert im Dom von Parma 
und die kosmische Formation "Säulen der Schöpfung", aufgenommen mit dem 
Hubble-Teleskop - beide Bilder: Spiegel 24 / 2014


Schwer vorstellbar, dass die Gemeindeglieder, deren Gottesbild eigenen Angaben zufolge aus einem „Energiefeld“ oder aus einer „abstrakten Macht“ besteht, bereit wären zu glauben, dass dereinst unser Herr Jesus – freilich nach gelungener fleischlicher Auferstehung – in eine Wolke gehüllt gen Himmel düste. Ein schwieriger Fall, doch Claussen ist nicht nur ein x-beliebiger Wald- und Wiesenpfarrer, sondern ein Theologe, der über Bibelkritik promoviert und über Glück habilitiert hatte und sich als Autor von Büchern und Zeitschriftenartikeln regelmäßig zu theologischen Kniffeligkeiten äußert. Er predigt, dass ein Christentum ohne Bilder wie diese denkbar ist. Die Frage nach der Existenz Gottes bleibt.  


Und eng damit zusammenhängend die Frage nach einem Leben nach dem Tod, die von Dworkin, dem „religiösen Atheisten“ freilich verneint wird. „Weil wir sterblich sind“, schreibt er und meint: Gerade weil wir sterblich sind, „glauben wir, dass es einen Unterschied macht, wie wir leben.“ Durch die Gewissheit, etwas Gutes zustande gebracht zu haben, könne man einen „metaphysischen Rentenanspruch“ (Beyer / Leick) erwerben. „Wenn irgendeine Überzeugung religiös ist, dann diese“, meint Ronald Dworkin. Das würde ich allerdings auch sagen. Hinrich Claussen berichtet all dies seiner Gemeinde und endet damit, dass er gern einmal mit Dworkin sprechen würde.  


Claussen hätte Dworkin gern einmal „gefragt, ob der christliche Gottesglaube wirklich so platt ist, wie er meint“. Und in der Tat: kaum etwas treibt die Theologen, jedenfalls die evangelischen, mehr um als das Problem der „nicht-personalen Gottesvorstellung und deren Bewertung“. Ich sehe ein, eine Theologie, besser gesagt: eine Kirche benötigt Fachleute, die sich darüber verständigen, woran nun zu glauben sei und woran nicht. Ich frage mich allerdings, ob so ohne weiteres „von oben“ festgelegt werden kann, was die Gläubigen glauben sollen. Der katholische Philosoph Robert Spaemann, der ebenfalls im aktuellen Spiegel zu Wort kommt, hält nämlich die Existenz Gottes für ein „altes, nicht zum Schweigen zu bringendes Gerücht“.  


Heinrich Böll hatte in seinem Hörspiel „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ dessen Problem satirisch dargestellt, das darin bestand, „aus dem Vortrag des bekannten Professors Bur-Malottke das Wort `Gott´ durch `jenes höhere Wesen, das wir verehren´ zu ersetzen“. Michael Beintker schildert in seiner Einführung zu „Mit Gott reden – von Gott reden“ nicht ohne Häme die damit verbundenen Schwierigkeiten: „Dabei gab es Komplikationen... Besonders schwierig war es beim Vokativ, als das schnörkellose `O Gott!´ gegen das `O du höheres Wesen, das wir verehren!´ ausgetauscht werden musste.“ Glaube ohne Gott ist kompliziert. Man könnte freilich auch überhaupt nicht glauben. Das jedoch gerät meist ganz verbissen religiös.  


Werner Jurga, 09.06.2014











Watch the official music video for Black Sabbath's 'God is Dead?' from the album 13. Director: Peter Joseph

Video 8´51 min - Lyrics here








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