Screenshot ARD-Tagesthemen

Sweet Talker 

Schäuble


Donnerstag, 5. Juni 2014. Also, der Schäuble! Der hat immer Dinger drauf. Ja, der Wolfgang Schäuble, der im Rollstuhl. Unser aller Finanzminister. Voll der Polit-Profi, seit Jahrzehnten dabei, und dennoch: manchmal haut der Sachen raus! Heute zum Beispiel, um 13:16 Uhr bringt Reuters die Meldung: „Schäuble geht nicht von wachsender Deflationsgefahr aus“. Um Viertel nach Eins, das muss man sich mal vorstellen! Da wusste der natürlich schon, dass ein paar Minuten später die Europäische Zentralbank, also die EZB, ein weiteres Mal die Zinsen senkt – Richtung Nulllinie, und den Einlagensatz sogar unter Null. Wegen besagter Deflationsgefahr. Und da kommt Schäuble angewackelt, sorry: angerollt und sagt: „Ich kann zwar keine Gefahr sehen, aber ich weiß, die EZB macht alles richtig.“ Das nenne ich mal cool, das muss man erst mal bringen! Allerdings: auf das Thema Geldpolitik will ich gar nicht hinaus. Obgleich mir klar ist, dass dies heute und morgen und vielleicht auch noch am Wochenende in diesem Land der schwäbischen Hausfrauen und chronisch-anlagebetrogenen Knötteropas das Thema aller Themen sein dürfte.  


Doch ich mag nicht. Ich mag mich nicht an einer Diskussion beteiligen, die vorgibt, Geld- und Finanzpolitik zum Thema zu haben, sich aber redundant um quasi-religiöse Glaubenssätze dreht, die sich seit Jahren stets und ständig als falsch erwiesen haben. Deren Befolgung durch die Merkels und Schäubles hierzulande in Europa eine Massenarbeitslosigkeit ausgelöst hat, wie es sie noch nie gegeben hatte. Und während die Wähler von Merkel und Schäuble außer sich sind, dass nun der Garantiezins ihrer Lebensversicherung zur Debatte steht und aller Voraussicht nach tatsächlich gesenkt wird, wählen die Opfer der Politik von Merkel und Schäuble, die Chancenlosen und Hoffnungslosen, allerorten Parteien, die ihnen die einfachen Lösungen versprechen, die ihnen den Marsch zurück in die vermeintlich gute alte Zeit verkünden, der zwar objektiv verbaut, dafür aber angesichts des heutigen Elends so schrecklich faszinierend ist. Les miserables oder, wie Schäuble sie auch nennt: „unsere Freunde in Frankreich". Das ist nämlich mein Thema. Nein, nicht unsere Freunde in Frankreich oder sonstwo. Der Schäuble und was der immer für Dinger drauf hat!  


Wolfgang Schäuble hatte letzte Woche den Front National in Frankreich als eine "faschistische Partei" bezeichnet. Den Front National und nicht, wie der Tagesspiegel irrtümlich annimmt, die - obwohl es im Deutschen – das gebe ich zu – die nationale Front heißt. Die hatte die Europawahl in Frankreich gewonnen. „Ihr Erfolg müsse ein Signal an alle Europäer sein“, stellt Schäuble ganz richtig fest. Aber „faschistisch“ - so etwas sagt man aber nicht! Und schon gar nicht so ausdrücklich: „handele es sich nicht einfach um eine rechtsgerichtete Partei, sagte Schäuble“. Na von mir aus, aber dann könnte man doch auch „rechtsradikal“ sagen. Oder, wenn es noch schlimmer ist: „rechtsextrem“. Wenn es zwar schlimm, aber nicht ganz so schlimm ist, sagen wir „rechtspopulistisch“. Wenn es wirklich knüppeldicke kommt, nicht nur „rechtsextrem“, sondern sogar „rechtsextremistisch“. Das Angebot ist also differenziert und vielfältig. Nur eben: „faschistisch“ - das geht gar nicht! Dann noch eher etwas mit „Nazi“, zum Beispiel „Neonazi“. Würde ich aber auch besser die Finger davon lassen! Und falls es denn unbedingt sein muss, dann nur bei Typen, die wirklich mit Haken-kreuzen durch die Gegend laufen, und nur mit der Vorsilbe „neo“.  


Aber das Adjektiv „faschistisch“ - ein absolutes No Go! Wie auch das Substantiv „Faschismus“. „Faschistisch“ - das klingt so nach Putin und russischer Propaganda. Jedenfalls heutzutage. Und vor der Ukraine-Krise: da hatten doch nur Linksradikale und so Leute das Wort „faschistisch“ in den Mund genommen. Deswegen nennen die sich ja wohl auch „Antifa“. „Anti“, das ist klar. Und „-fa“ steht nun nicht für die wilde Frische von Limonen, die die frische Brise am Ozean bringt – wenn man sich mit dieser Seife auch wäscht, versteht sich. Nein, „Fa“ ist das Insider-Kürzel für die „Faschos“, die wiederum fast so sind wie die Antifas, nur eben genau umgekehrt, und eben genau dafür von den Bullenschweinen geschützt werden. Wie auch immer: wer hierzulande von Faschismus spricht, macht sich verdächtig. Entweder ist er dem Putinismus verfallen oder er ist Freund eines extrem körperbetonten Freizeitsports, was im Falle Schäubles nahe-liegenderweise ausgeschlossen werden kann. Und dass er ein Parteigänger Putins wäre, von dem die euro-päische Rechte ja gefüttert wird, ebenfalls.  


Doch warum benutzt Schäuble dann einen Begriff, den zu benutzen sich hierzulande schlichtweg nicht gehört? Eine Erklärung könnte freilich darin zu suchen sein, dass die Diskussionsrunde der Hertie School of Governance, auf der sich Schäuble für diese Wortwahl entschieden hatte, englischsprachig war. Und mit Schäubles Englischkenntnissen ist es nicht so weit her. Wir wissen das seit gut einem halben Jahr, als sich unser Finanzminister bei einer Veranstaltung der deutschen Auslandshandelskammer in Singapur zu dem denkwürdigen Satz hinreißen ließ: "I think there will be no Staatsbankrott in Greece." Diese „wunderbar deutsch-englische Botschaft“ können Sie sich in ihrer ganzen Schönheit im Tagesthemen-Original hier ansehen; allerdings finden Sie hier das Zitat nur ganz kurz. Sollten Sie darüber hinaus an politischen Hinter-gründen interessiert sein, empfehle ich Ihnen die vom NDR bearbeitete Fassung (0'43 min), die Schäubles Sprunghaftigkeit in finanzpolitischen Angelegenheiten gnadenlos anprangert. Leider wird auch hier sein Förderbedarf in Sachen Englisch einigermaßen deutlich.  


Aber Unsereins hat natürlich gut Reden. „Faschistisch“ heißt auf Englisch „fascist“; das bekommt man so eben noch hin. Aber was heißt auf Englisch „rechtsextrem“? „Right-wing extremist“? Könnte sein. Was aber, wenn das nicht „rechtsextrem“, sondern „rechtsextremistisch“ bedeutet? Wissen Sie das etwa? Muss ein Finanzminister so etwas wissen? Und was, wenn zu diesem extremen right-wing-Gedöns dann auch noch Rückfragen kommen? Aha! Schäuble ist da jedenfalls auf Nummer sicher gegangen und hat „fascist“ gesagt. Wie gesagt: in einer Ausnahmesituation, wenn Sie so wollen. Glauben Sie jetzt also bloß nicht, dass auch Sie ab jetzt einfach mal so „faschistisch“ oder „Faschisten“ sagen dürften! Einfach mal so – ganz bestimmt nicht! Was den Front National in Frankreich betrifft... - gut, da kann man jetzt nichts mehr machen. Nationale Front – zugegeben: das hört sich auch schon nicht ganz so demokratisch an. In der aktuellen Ausgabe des Spiegel findet sich ein Interview mit Marine Le Pen. Es steht noch nicht online; das hier ist nur der Teaser. Er endet mit der Frage: „Wollen Sie Europa zerstören.“ Erst im Heft finden Sie die Antwort: „Ich will die EU zerstören.“  


Werner Jurga, 05.06.2014




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