Jeder trage sein Kreuz 

Höllenfahrt


Samstag, 30. März 2013. Das ist ja kein Wunder. Steht man öffentlich für seine Ansichten ein, will man gar Andere von seiner Sicht der Welt überzeugen, also sozusagen missionieren, dann setzt es ablehnende Kommentare. Wer damit nicht umgehen kann, möge seine Botschaft nicht ins Netz, sondern sich selbst vor einen Spiegel stellen und sie dort vortragen. Wer die Hitze nicht verträgt, hat in der Küche nichts zu suchen. Wer den Kopf aus dem Fenster streckt, muss damit rechnen, dass von oben Dachpfannen runterkommen. Das ist ja kein Wunder. Je pointierter die Aussagen, desto schärfer der Gegenwind. Jeder trage sein Kreuz. Und doch: mag das Fell mittlerweile auch dick wie eine Elefantenhaut geworden sein, manch ein Kommentar trifft genau dort, wo man nicht damit gerechnet hat. Manch ein Kommentar tut richtig weh, sehr weh sogar. Mir zum Beispiel ist vor zwei Jahren Folgendes beschieden worden: „Das ist weder witzig noch geistreich.“ Weder – noch, schlimmer kann es kaum kommen.


Verfasst wurde der Kommentar von einer „Bine“, also anonym. Wie so oft, wenn es richtig ernst wird, wenn die Kritik fast beleidigende Züge annimmt. Jeder trage sein Kreuz, gewiss. Doch manchmal bleiben Rückenprobleme nicht aus, wie etwa hier, als „Bine“ schrieb – es folgt ihr (?) Kommentar in voller Länge: „Ohoh! Wie kann man sich nur selber so ein Armutszeugnis schreiben? Das ist weder witzig noch geistreich. Da kommt mir der Gedanke, dass ein Jünger einer unglaubwürdigen und untergehenden Ideologie sich versucht, damit zu trösten, dass andere Weltanschauungen noch unglaubwürdiger sind.“ „Armutszeugnis“ – gut und schön, damit muss ich, damit kann ich leben. Aber „Jünger einer unglaubwürdigen und untergehenden Ideologie“ - das ist hart. Und selbst wenn es sich um eine glaubwürdige und aufstrebende Ideologie handelte, die zu vertreten mir unterstellt wurde: mit dem Wort vom „Jünger“ wurde mir solch ein Maß an Unbedarftheit und Unselbständigkeit bescheinigt, dass für mich eine Stellungnahme hierzu nicht in Frage kam.


Der Begriff Jünger“, ist bei Wikipedia zu lesen, stamme vom althochdeutschen jungiro „Lehrling“ (aus jung) ab und „bezeichnet jemanden, der sich einer religiös prägenden Persönlichkeit zur Zeit deren Wirkens und Lehrens anschließt“. Nun gut, jetzt soll ich zwar keinem Meister willfährig hinterher gelatscht sein, sondern einer – offenbar nicht sehr geschätzten – Ideologie; aber dennoch: „ein Armutszeugnis“! Insofern ist dieser Kommentar in sich so folgerichtig wie für mich unschmeichelhaft. Bei der von mir propagierten „unglaubwürdigen und untergehenden Ideologie“ handelt es sich übrigens, was denjenigen, die zum wiederholten Male einen meiner Texte lesen, längst klar sein dürfte, um das Christentum. Bei der Ideologie handelt es sich mithin um eine Religion, an die man glauben kann oder auch nicht. Eine Religion unter Ideologieverdacht zu stellen oder, wie in diesem Fall, sie des Ideologischen zu bezichtigen, ist jedoch nicht besonders geistreich. Dafür aber ziemlich witzig. Und was die „Glaubwürdigkeit“ des Christentums betrifft...


Die Beweinung Christi. Fresko von Giotto di Bondone 
in der Cappella degli Scrovegni (via Wikipedia)

Ich hatte geschrieben: „Erwachsene erzählen sich, vor gut 2000 Jahren sei ein grausam zu Tode gefolterter Sektenführer zwei, drei Tage nach seinem Ableben vom Tode auferstanden, habe danach noch das ein oder andere erledigt, um schließlich in den Himmel aufzufahren – zu Gott, der im übrigen sein Vater gewesen sein soll. Diese Story ist offenkundig dermaßen abstrus, dass...“ es zugegebenermaßen nicht ganz leicht fällt, sie zu glauben. Immerhin bezeugen auch die evangelischen Christen in Deutschland in all ihren Gottesdiensten ihren Glauben mit dem Bekenntnis, dass Jesus von Nazaret „gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten (und) aufgefahren in den Himmel (sei). Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters.“ Religion, na klar. Glaubenssache. Die Annahme, ein öffentlich zu Tode gefolterter Mensch sei von den Toten auferstanden, ist dermaßen abstrus, dass auch Konstrukte wie etwa, dass Jesus die Kreuzigung überlebt habe und von einem medizinischen Expertenteam gerettet worden sei, nicht zu helfen vermögen.


Im Gegenteil: damit würde der Kern der christlichen Theologie entwertet. Er besteht nämlich in der Auferstehung Jesu als Sieg des Lebens über den Tod, errungen durch die bedingungslose Liebe Gottes zu den Menschen. Diese Liebe kläre die Beziehung Mensch-Welt-Gott. Wie die Auferstehung vonstatten gegangen sein soll, darauf geht nicht ein der vier Evangelien des Neuen Testaments näher ein. Insofern – aber auch nur insofern - mag an dem Vorwurf der Unglaubwürdigkeit etwas dran sein. Dennoch ist an der Vorstellung, die christliche Religion sei eine „untergehende Ideologie“ nichts dran. Es handelt sich dabei um eine grobe Verkennung der Tatsachen, die bestenfalls dem Eurozentrismus, vielleicht aber auch einer noch beschränkteren Sicht auf die Welt geschuldet ist. Denn „das Christentum wächst heute in den meisten Erdteilen der Welt sehr stark, wobei sich sein Wachstum vom „alten“ Kontinent Europa hin zu den „neuen“ Erdteilen verschiebt; besonders stark wächst es in Asien und Afrika“ (Wikipedia).


Die Tatsache, dass es sich beim Christentum nicht um eine „untergehende Ideologie“, sondern um die mit Abstand größte und am schnellsten wachsende Weltreligion handelt, begründet freilich keinerlei Aussagen darüber, was von diesem Glauben zu halten ist. Masse ist nicht Klasse, und den irrationalen Stimmungen, Gefühlen und Sehnsüchten der Vielen unkritisch oder gar sympathisierend gegenüberzustehen, ist meine Sache nicht. Bei der Beurteilung einer Religion kommt es mir auf Glaubensinhalte und Glaubenspraxis an. Bei weit über zwei Milliarden Gläubigen scheint mir ein einheitliches Urteil darüber nicht möglich. Es ist freilich möglich, eine Religion als solches zu kritisieren, wie hier etwa das Christentum als „unglaubwürdig“. Mit der gesicherten Erkenntnis im Rücken, dass eindeutig tote Menschen nicht wieder wach werden können, steht die Argumentation auf solidem Boden, so dass - jedenfalls hierzulande – auf eine Anonymisierung dieser Religionskritik eigentlich verzichtet werden könnte.


Falls diese Anonymisierung aber dem Restrisiko geschuldet gewesen sein sollte, dass es eventuell doch einen lieben oder auch nicht ganz so lieben Gott geben könnte, ist sie ebenfalls sinnlos; denn der sieht ja bekanntlich alles. Ich kann mir nicht helfen: wer sich damit begnügt, den Gottesglauben als „unglaubwürdig“ zu kritisieren, scheint mir das Wesen dessen, was wir Religion nennen, nicht erfassen zu können oder zu wollen. An diesen dubiosen Glaubwürdigkeitsbegriff, den besagte „Bine“ ja durchaus repräsentativ verwendet, könnten sich eine Reihe weiterer Überlegungen anschließen. Mal sehen... - hier jedenfalls gingen sie zu weit. Heute ist Karsamstag - nicht Ostersamstag, der ist in einer Woche. "Der Karsamstag ist nach traditioneller christlicher Vorstellung der Tag der Höllenfahrt Christi, bei der Jesus in der Nacht nach seiner Kreuzigung in die Hölle hinabgestiegen sei“ (Wikipedia). Höllenfahrt – auch wenn es richtig wehgetan hat, auch wenn man am Boden liegt: es geht weiter. Glauben Sie an die Auferstehung! Ich wünsche Ihnen

frohe Ostern


Werner Jurga, 30.03.2013







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