Krieg in der Ostukraine


Freitag, 30. Mai 2014. Es ist Krieg in der Ostukraine. Ulrich Krökel, freier Osteuropa-Korrespondent, berichtet aus Donezk. Er gibt zu bedenken, dass das mit dem Begriff „Krieg“ so eine Sache ist. Doch im Grunde seien sich die pro-russischen Separatisten und der am Sonntag neu gewählte ukrainische Präsident Poroschenko einig. Es herrscht Krieg. „Was das bedeutet“, schreibt Krökel, „erfahren die Bürger von Donezk seit Montag am eigenen Leib.“ Eine kleine Kostprobe über die Situation am Bahnhof Donezk. Es ist Montag, der 26. Mai, nachmittags: „Mörsergranaten schlagen auf dem Vorplatz ein. Die Menschen flüchten in Panik. Ein Splitter trifft eine Frau am Kopf und reißt ihr große Teile der Schädeldecke weg. Ein Mann wird von einer Kugel getroffen und stirbt ebenfalls.“ Die Menschen, also Bürger der Stadt Donezk, aber vor allem, wie das in und an Bahnhöfen so ist, die Reisenden haben ihr Verhalten die radikal veränderten Lebensumständen noch nicht anpassen können. Der Krieg ist, wie man so sagt, ausgebrochen. 


Wie wenig die gesamte Stadt und ihre Bürger darauf eingestellt sind, zum heißen Kampfgebiet zu werden, zeigen“, so erzählt es Ulrich Krökel, „die weiteren Reaktionen an diesem Montag. Die Leichen werden abtransportiert, aber der Bahnhof wird weder gesperrt noch evakuiert. Die Menschen gehen auch nicht von selbst. Es ist, als könnten oder wollten sie all das nicht glauben.“ Ein solches Verhalten ist nicht weiter ungewöhnlich. Wenn Menschen schlagartig an bekannten Orten aus gewohnten Verhaltensmustern herausgerissen werden, neigen Sie zunächst zu teils grotesk anmutenden Reaktionen, besser gesagt: Nicht-Reaktionen. Es war vor zehn Jahren – ich bin da aber nicht ganz sicher – an einem Pfingstmontag, als nach einem Wolkenbruch plötzlich unsere Straße großflächig überflutet war. Mitten im sommerlichen Wetter. Das Freibad gab es noch, es war gut besucht, und die Menschen, die massenweise flohen, steckten fest. In ihren Autos, mit ihren Fahrrädern, zu Fuß. Erwachsene Menschen liefen mit Entsetzen in den Augen knietief im Wasser im Kreis!  


Einer blickte einfach nur irre und untermalte sein nutzloses Im-Kreis-Laufen hin und wieder mit einem „Boah-ey“-Ausruf. Als ich mich zwecks genauerer Erkundung der Lage auf die Straße begab, erblickte mich eine italienische Frau mittleren Alters. Klaren Blickes schritt sie auf mich zu und sprach mich an: „Mio Signore! Da, das Loch...“ Sie stockte. „Sie meinen den Gulli?“ „Si Signore!“ „Ja“, sagte ich. „Da sagen Sie was. Das habe ich auch gerade gesehen. Der ist verstopft.“ „Si, verstopft“, stimmte sie mir zu. Ich versprach ihr, unverzüglich bei der Stadt anzurufen. Dann wäre der Spuk ruckzuck vorbei. Klar, das war gelogen; schließlich war nicht nur Bergheim, sondern ganz Rheinhausen hoffnungslos überflutet. Selbst wenn Signora dies nicht wissen konnte, war es offensichtlich, dass ein Gulli allein das offensichtliche Großproblem nicht würde lösen können. Egal. Sehr gerührt bedankte sie sich überschwänglich bei mir, weil ich nun die Beendigung der Katastrophe versprach. Bescheuert. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch! Es liegt mir fern, die beiden Situation auch nur ansatzweise vergleichen zu wollen.  


Ich habe diese kleine Anekdote, die sich hier vor zehn Jahren zugetragen hatte, nur deshalb eingestreut, um darzulegen, wie leicht Menschen zu paralysieren sind. So schockierend dieses Ereignis im Moment auch erschienen sein mag: so weit ich weiß, ist nicht ein Mensch zu Schaden gekommen. Die Sachschäden an Autos, in Wohnungen etc. waren teilweise beträchtlich; aber... - ich wollte noch ein kleines Stück aus dem Bericht Ulrich Krökels über Donezk am Montag zitieren. Ich setze genau da fort, wo ich eben aufgehört habe. „Es ist, als könnten oder wollten sie all das nicht glauben.“ Da waren wir stehengeblieben. Weiter im Text: „Als das Blut auf den Bürgersteigen noch nicht trocken ist, schlagen erneut Granaten auf dem Vorplatz ein. Wieder fallen Schüsse. Die Reisenden flüchten in die Unterführungen. Eine Frau ruft: `Die sind alle wahnsinnig geworden. Das ist doch ein Albtraum´!" Man mag einwenden, dass dieses Fluchen in diesem Moment so überflüssig wie nutzlos sei. Aber, und das ist wichtiger: die flüchtende Frau beschreibt die Situation jetzt, nur relativ kurze Zeit nach dem ersten Schock, in hohem Maße realitätskongruent.  


Wir sehen: Menschen verfügen über eine ganz erstaunliche Anpassungsfähigkeit. Wie schnell sie in der Lage sind, auf absolut neue, ihnen völlig unbekannte Situationen angemessen zu reagieren! Mehr oder weniger angemessen. Die Menschen im Osten der Ukraine müssen sich mit den Verhältnissen „arrangieren“. Das müssen letztlich ja auch wir. Wir sind auch dabei, anders geht es doch gar nicht, uns „zu gewöhnen“. Wenn Sie sich nur einmal daran erinnern, wie aufgescheucht wir auch hier reagiert hatten, als es in der Ukraine so langsam losging. Ich nehme mich selbst davon gar nicht aus. Wenn ich bedenke, wie oft ich zur Situation in der Ukraine irgendeinen Kommentar abgegeben hatte! Mehrmals die Woche, dann einmal wöchentlich, und jetzt ist mein letzter Text, der sich so halbwegs mit der Lage dort befasst, schon drei Wochen alt. Allgemeine Abhärtung. Panik, Schreck und Starre sind überwunden. Wir haben uns gewöhnt. Was jedoch auch wiederum nicht ganz unproblematisch ist. Jetzt gelangen wir zu Fehleinschätzungen, weil wir uns zu weit weg wähnen.  


Das alte Nähe-Distanz-Problem. Dass es sich in Bezug auf den Krieg in der Ostukraine um eine – im Bemühen um einen distanzierteren Blick – von uns sozusagen künstlich geschaffene Distanz handelt, macht die Sache nicht besser. Als wir uns gerade erst gewöhnt hatten, begannen wir auch schon, uns zu langweilen. Unser ohnehin gehegter Wunsch, „das“ möge dort jetzt mal langsam aufhören, wurde durch besagte Gewöhnungseffekte nur noch stärker. Wie bereitwillig haben wir uns der geschürten Hoffnung hingegeben, dass mit der demokratischen Wahl eines ukrainischen Präsidenten allmählich Ruhe einkehren werde. Dabei hatten Poroschenko und die gesamte Führung in Kiew nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie, wenn sie die demokratische Legitimation erst einmal in der Tasche haben, gegen die prorussischen Separatisten massiv losschlagen werden. Einige mögen gehofft haben, dass die "Anti-Terror-Operation", Abkürzung ATO, erfolgreich verlaufen könnte. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.  


Niemand von uns weiß, was genau auf den Schlachtfeldern im Osten der Ukraine passiert. Mittlerweile ist auch ein Krieg der Journalisten entbrannt. Ihr Job wird immer gefährlicher. Sie werden, wenn sie es nicht ohnehin schon waren, zunehmend Partei. Sie liefern den Kollegen, die Kollegin ans Messer. Einerseits. Andererseits geraten auch bei ihnen mit dem offenen Kriegsausbruch Gewissheiten ins Wanken. Krökel hat seinen Bericht aus Donezk auf Zeit Online veröffentlicht. Es wäre abwegig, der „Zeit“ zu unterstellen, sie wäre ein Instrument der russischen Propaganda. Ganz anders sieht die Sache auf „Telepolis“ aus. Über die Ukraine schreibt dort regelmäßig Florian Rötzer, wahrlich kein Lohnschreiber des westlicher Kapitals. Er ist davon überzeugt, „dass Moskau den Aufständischen in der Ostukraine nicht militärisch zur Hilfe kommen und auch die erklärten `Volksrepubliken´ nicht anerkennen wird“. Damit dürfte er Recht behalten; „klar“, wie Rötzer es ausrückt, ist aber in der jetzigen Situation (fast) gar nichts. Klar ist nur: die sog. die "Anti-Terror-Operation" wird nicht unbedingt ein „Ende“ bringen; gewiss aber einen „Schrecken ohne Ende“.  


Dabei spielt es keine Rolle, ob nun Tschetschenen, wie jetzt kolportiert wird, auf pro-russischer Seite kämpfen oder andere Kaukasier, oder ob es sich hier um frei erfundene ukrainische Propaganda handelt. Die Separatisten verfügen über schweres militärisches Gerät, über schultergestützte Flugabwehrwaffen (!) und - nach Einschätzung deutscher Fernsehkorrespondenten angestachelt durch die Kiewer Militärschläge – über einen erheblichen Rückhalt in der Bevölkerung. Eine Armee, die unter diesen Umständen ein Gebiet mit mehreren Großstädten „erobern“ will, nimmt ein unermessliches Blutbad unter der Zivilbevölkerung billigend in Kauf. Meines Erachtens unzutreffend, aber hochinteressant ist nun Rötzers Einschätzung auf „Telepolis“: „Es mag sein, dass Geld, Logistik und mediale Hilfe gewährt wird, langfristig stehen die Separatisten auf verlorenem Posten. Verhandlungen mit Kiew dürften nun die bessere Alternative sein als militärische Scharmützel wie am Flughafen in Donezk oder in Slawiansk.“ Ein Typ wie Ponomarjow, der „Bürgermeister von Slawiansk“ hört schon nicht in jedem Fall auf Putin.  


Da wird ihn die „Beratung“ durch „Telepolis“ erst recht unbeeindruckt lassen. Sie wäre auch wenig hilfreich, weil Kiew erklärtermaßen nicht mit den bewaffneten Separatisten reden will. Sie ist aber insofern hochinteressant, als dass sie einräumt, „dass Geld, Logistik und mediale Hilfe gewährt wird“. Im Konjunktiv („mag sein“), mit einer ulkigen Passiv-Formulierung (Wer mag da wohl „gewähren“?) und unter Unterschlagung der „personellen Hilfe“. Doch immerhin: Rötzer konzediert, dass Moskau hinter den Aufständischen steht. Das ist neu bei „Telepolis“. So, wie auch Krökels Bericht auf „Zeit Online“ in seiner scharfen Kritik am Vorgehen Kiews zumindest ungewöhnlich ist. Drücken doch die hiesigen Leitmedien in ihrer Unterstützung der Kiewer Seite häufig genug beide Augen zu. Anders Krökel, wenn er berichtet: „Ukrainische Medien präsentieren immer wieder Aufnahmen von aufgehäuften Leichen, die jeden Respekt vor den Toten vermissen lassen. Zur Beruhigung der Lage tragen die Bilder kaum bei.“ Genau diese Erwartung an die sog. “Anti-Terror-Operation" wird aber bis zur Stunde von der Mehrheit der Medien hierzulande geschürt.  


Es ist Krieg in der Ostukraine, und es ist nicht erkennbar, dass er alsbald enden könnte. Die hinter den Konfliktparteien stehenden Großmächte wirken hoffnungslos verhakt. Zwar sprechen sie miteinander, doch pochen sie unbeirrt auf ihren jeweiligen Standpunkt. Spiegel Online berichtet von einem Gespräch, in dem US-Außenminister Kerry „seinen russischen Amtskollegen Sergej Lawrow auf(fordert), die Unterstützung für die Separatisten zu beenden und zu ihrer Entwaffnung beizutragen.“ Während, wie wir etwa der taz entnehmen, „der russische Außenminister Sergej Lawrow am Mittwoch ein Ende des ukrainischen Militäreinsatzes an(mahnte)“. Man fühlt sich an eine Rangelei zweier kleiner Jungen weit vor der Pubertät erinnert. Kerry und Lawrow sind aber keine kleinen Jungen, sondern die „mit allen Wassern gewaschenen“ Sprecher der beiden mächtigsten Staaten der Welt. Das erinnert einen dann doch an die Situation heute vor genau 100 Jahren, an die in diesen Tagen ohnehin allerorten erinnert wird. Die Situation in der Ostukraine könnte außer Kontrolle geraten.  


Werner Jurga, 30.05.2014




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