Wappen der Niederlande
Bild: Soducan (via Wikimedia)


Königlicher Besuch

"Aufeinander neugierig bleiben“


Mittwoch, 28. Mai 2014. Ach so, das ist gar nicht die Beatrix. Also, hier in der WAZ, also der Printausgabe, auf der dritten Seite... - das ist aber auch ein kleines Foto. Wirklich! Ja, Sie haben gut Reden. Hier im Internet, auf den ganzen Fotostrecken der Onlineausgaben... - herrliche Fotos! Aber das klitzekleine dpa-Foto von Herrn oder Frau Kaiser in der WAZ auf Seite 3. Ohne Lesebrille sehe ich da nur, wie die Dame mit dem blauen Hut der Maxima die Hand gibt. Der Königin Maxima, so heißt sie jetzt, nicht mehr Prinzessin. Ich dachte mir schon: das ist ein wenig steif, dieser Händedruck. Aber Schwiegermütter sind wohl so. Dachte ich. Na klar, inzwischen weiß ich auch, dass es sich bei der Dame mit dem blauen Hut nicht um Königin Beatrix gehandelt hat. Oder wie sagt man jetzt? Ex-Königin? Altkönigin – analog zu Altkanzler – kann ja wohl nicht sein. 


Ja, die hatte doch „abgedankt“ (so heißt das wirklich), die Beatrix. So wie unser deutscher Papst – wobei so etwas bei Päpsten jedoch grundsätzlich nicht „Abdankung“ heißt. Ihre Mutter, die Königin Wilhelmina, hatte das auch schon so gehandhabt. Wie bitte?! Das interessiert Sie alles nicht die Bohne? Ach, das ist ja interessant! Sind Sie etwa, wenn ich einmal fragen darf, ein Monarchie-Gegner? Oder wie soll ich mir sonst Ihr Desinteresse diesbezüglich erklären?! Nun fühlen Sie sich mal nicht gleich angemacht! Sie können und dürfen, wenn Sie wollen, natürlich ein Monarchie-Gegner sein. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Das ist nicht einmal verfassungswidrig, jedenfalls nicht bei uns. In den Niederlanden natürlich schon, glaube ich. Was eigentlich auch kein sonderlich großes Problem wäre. Also ebenfalls: nicht bei uns. Ich will Ihnen diesen etwas komplizierten Sachverhalt an einem Beispiel erklären.  


Stellen Sie sich einfach einmal vor, Sie wären ein Holländer! Okay, ganz so einfach ist das nicht; aber versuchen Sie es! Und jetzt stellen Sie sich auch noch vor – das ist in Ihrem Fall aber ganz einfach, Sie wären gegen die Monarchie. Dann würden Sie natürlich, weil Münster gar nicht so weit weg ist von den Niederlanden, kurz mal zu den Nachbarn, also zu uns, rüberfahren und eine kleine Privatdemo veranstalten. Sie halten ein Plakat hoch - „Gegen die Monarchie“ oder so. Und zack: schon werden Sie von der Polizei verhaftet . Weil nämlich niederländische Sicherheitsleute Sie unter den Zuschauern entdecken und die deutsche Polizei bitten, Sie in Gewahrsam zu nehmen. So gestern geschehen in Münster. Nein, nicht mit Ihnen, Sie sind doch gar kein Holländer. Sie sollten es sich doch bloß vorstellen. Aber einem echten Kaaskopp ist es gestern wirklich so ergangen.  


Kurz das Plakat hochgehalten, und zack: abgeführt. Ein Sprecher der Polizei Münster sagte, dies sei im Zuge der Gefahrenabwehr geschehen. Der Typ habe 2011 einen Kerzenleuchter gegen die goldene Kutsche der Königin geworfen, damals noch die Beatrix. Nun gut, das geht wirklich nicht, das sehe ich ein. Ich würde schon sauer werden, wenn jemand auch nur eine Kerze gegen meine kleine rote Kutsche würfe. Und dieser Jemand müsste dafür nicht einmal ein Holländer sein! Ob die auch deshalb Ihren Job an den Nagel gehängt hatte, die Beatrix? Ständig solche Geschichten. Wenn Sie sich nur mal an den Anschlag in Apeldoorn im Jahr 2009 erinnern. Wie auch immer: Letztes Jahr ist sie jedenfalls in Rente gegangen. Rente mit 75 – warum eigentlich nicht? Und da habe ich mir gedacht: wieso übergibt eigentlich ihre britische Kollegin nicht auch mal so langsam die Amtsgeschäfte an den Sohnemann?  


Nun gut, diese Frage hat sich mittlerweile auch beantwortet. Was der Charly mitunter für ein hanebüchenes Zeug sabbelt... - ehrlich! Den kannst Du echt nicht schicken. Ich meine freilich nicht, was der Dauerthronfolger privat so von sich gibt. Da darf er natürlich sagen, was er will. Wenn der eigene Geheimdienst ihn dabei am Telefon belauscht, um das Gesprächsprotokoll an die Boulevardpresse weiterzureichen, ist das einfach nur schäbig. Und seine geheimen Wünsche, über die er intim spricht, gehen niemanden etwas an. Auch ein King im Wartestand hat ein Recht auf Privatleben. Ganz anders stellt sich die Angelegenheit allerdings dar, wenn sich Prinz Charles auf einem Staatsbesuch zur Politik äußert. Da dürfte man schon erwarten, dass ihm, wenn ihm eine polnischstämmige Jüdin erzählt, wie sie als 13-Jährige vor den Nazitruppen fliehen musste, ein etwas gescheiterer Kommentar einfällt als „Und jetzt macht Putin so ziemlich dasselbe wie Hitler.“  


Auch wenn Sie ein Monarchie-Gegner sind, müssen Sie zugeben: die machen es schon richtig, also: diese Königinnen. Elisabeth lässt ihren Filius nicht ans Ruder, weil der Probleme nicht nur mit den Ohren hat, sondern auch mit dem Mund. Beatrix lässt ihren Willem-Alexander machen, weil der – auch und gerade im Zusammenspiel mit der bereits eingangs erwähnten Maxima – auch höchsten Erwartungen gerecht werden kann. Zu dem enormen Erwartungsdruck lesen Sie bitte den Vorbericht auf der Westen mit dem schönen Titel: "Bedburg-Hau: Königsbesuch als Chance". Die Majestäten sorgten dabei nicht nur am dem Nieder-ländischen wesensverwandten Niederrhein für Begeisterung, sondern auch im oft als dröge verschrieenen Westfalenland. Von Münster war schon die Rede, doch auch in der Westfalenmetropole versprühte das holländische Thronpaar seinen Charme.  


Königlicher Charme im Revier mit Máxima und Willem-Alexander“, titelt die WAZ und lässt das gemeine Volk in seiner Euphorie zu Wort kommen. „Das war richtig schön!“, resümiert ein Herr ten Hompel und ein Herr Sierau assistiert: „Ja, das hat Spaß gemacht!“ Dieser ten Hompel scheint mir, auch wenn der Name ein wenig danach klingt, kein Niederländer zu sein. Oder doch? Sein Vorname ist jedenfalls Michael und er arbeitet in Dortmund an einem Institut. Sein Freund Sierau, Vorname Ullrich, ebenfalls Dortmund, ist bei der Stadt beschäftigt. Die Dortmunder, woll! Überhaupt die Westfalen – gewöhnungsbedürftig, aber im Grunde ein lustiges Völkchen. Wir kennen sie ja ein bisschen. Der Willem-Alexander, also der König, der hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Gerade weil man sich so gut kenne, hat er in Münster gesagt, gelte: "Es ist wichtig, dass wir unsere Neugier aufeinander nicht verlieren."  


Ein guter König, finde ich. „Aufeinander neugierig bleiben“ - wunderschön formuliert. Wobei: „neugierig bleiben“ auf die Westfalen? Auf die Dortmunder und die Münsterländer, auf die Gladbecker und die Sauerländer? Im Prinzip hat er ja Recht, der Herr König. Aber, ich will es mal so sagen: das ist kein Tipp für den Alltag. Danach muss einem schon der Sinn stehen. Paderborn, zum Beispiel: ein Mysterium, das immer wieder neugierig macht. Klar. Aber: auf dieses „Guten Tag erst mal. Ich weiß gar nicht, ob Sie schon wissen..." - darauf muss man seelisch und moralisch vorbereitet sein! Dagegen: wenn man einfach mal ein Wochenende oder eine ganze Woche weg will, einfach mal relaxen, dann fährt man besser nach Holland. Logisch. So kann und so darf das ein König natürlich nicht sagen. Auch logisch.  


Werner Jurga, 28.05.2014





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