Ingo Schulze


Sonntag, 24. März 2013. Vor gut einem Jahr hatte Ingo Schulze mit seinen Thesen gegen die Ausplünderung der Gesellschaft („Kapitalismus braucht keine Demokratie“, Süddeutsche Zeitung, 12. Januar 2012) und mit seiner Dresdner Rede wider die marktkonforme Demokratie ("Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie - für demokratiekonforme Märkte", 26. Februar 2012) den Finger erhoben und gefragt, warum den Banken ihre Gewinne aus Spekulationsgeschäften gehören, Verluste aber im Falle von Fehlspekulationen von der Gemeinschaft übernommen werden. Schulze ist dabei aufgefallen, dass „keiner der Akteure bestraft oder sonst zur Rechenschaft gezogen“ wird .

Ich dokumentiere einen kleinen Auszug aus seiner Dresdner Rede; den vollständigen Text finden Sie auf den Nachdenkseiten.

Werner Jurga, 24.03.2013





Ingo Schulze - Foto: Caren Müller via Wikipedia



Unsere schönen neuen Kleider

Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte

- Auszug -


Meine bescheidenen Erfahrungen als Unternehmer haben mich nie zu dem Glauben verleitet, ich würde etwas von Wirtschaft oder gar vom Finanzwesen verstehen. Das glaubte ich nicht mal, als ich mich wunderte, wie unangemessen oder gar falsch die kostspieligen Hinweise von Beratern waren, die Jura oder Betriebswirtschaft studiert hatten und über langjährige Erfahrung in der sogenannten freien Wirtschaft verfügten. Je mehr ich aber von Wirtschaftswissenschaftlern, Finanzexperten und Politikern zu hören bekomme, wie kompliziert und unberechenbar die Abläufe der Ökonomie und des Finanzwesens sind, umso mehr habe ich den Eindruck, dass ich grundsätzlich kapiere, was da passiert.

Ich möchte den Finger heben und fragen: Wenn ich eine Geldanleihe riskiere mit hohen Zinsen, dann muss ich auch wissen, dass ich auch gar keine Zinsen bekomme oder ein Teil meines Geldes oder gar alles weg sein kann. Wenn ich mich aufs Spekulieren verlege, dann muss ich auch das Risiko tragen. Sobald ich aber eine Bank bin, gilt das offenbar nicht mehr. Wenn die Bank etwas gewinnt, dann gehört es ihr, wenn sie sich verspekuliert, werden die Verluste von der Gemeinschaft übernommen. Und keiner der Akteure wird bestraft oder sonst zur Rechenschaft gezogen. Der einzige Banker, der vor Gericht steht, ist der Chef der Hypo Real Estate, aber nicht als Angeklagter, sondern als Kläger, weil ihm offenbar noch etliche Millionen zustehen.


Kann es nicht sein, möchte ich die Experten fragen, dass es verschiedene Interessen gibt? Dass es diejenigen gibt, die daran verdienen und jene, die es bezahlen? Könnte es nicht sein, dass wir nicht alle im selben Boot sitzen? Dass wir nicht alle über unsere Verhältnisse gelebt haben?

In den letzten zehn Jahren ist der Reallohn um zwei Prozent gefallen, zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland besitzen zwei Drittel des Gesamtvermögens, die ärmere Hälfte der deutschen Bevölkerung hingegen (etwa 35 Millionen Menschen) besaß im Jahr 2007 mit 103 Milliarden Euro nur 1,4 Prozent des Gesamtvermögens und damit weniger als die zehn reichsten Deutschen im selben Jahr, nämlich 113,7 Milliarden Euro. Und diese Entwicklung hält an. Laut UNICEF lebt jedes sechste Kind in Deutschland in Armut, das Deutsche Kinderhilfswerk schätzt die Zahl der in Armut lebenden Kinder gar auf sechs Millionen.


Wir haben uns daran gewöhnt, dass in nahezu allen öffentlichen Bereichen, ganz gleich ob Bund, Land oder Kommune, die Budgets von Jahr zu Jahr gekürzt werden. Immer weniger Geld ist für die öffentlichen Belange vorhanden. Und dies, obwohl unser Bruttoinlandsprodukt – mit Ausnahme weniger Jahre – über Jahrzehnte kontinuierlich gewachsen ist.

Während den einen jeder Cent vorgerechnet wird, werden auf der anderen Seite Milliardenbeträge in Windeseile aus dem Ärmel gezaubert, für die im Zweifelsfalle das Gemeinwesen geradezustehen hat.

Ingo Schulze, 26. Februar 2012





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