Am Sonntag sind Wahlen


Donnerstag, 22. Mai 2014. Am Sonntag sind Wahlen. Über einen Mangel an Wahlkampf kann man sich eigentlich nicht beklagen. Wahlkampf? Okay, sagen wir mal: Wahlwerbung. Aber damit sind wir nun wirklich gut bedient. Die Straßen sind mit Wahlplakaten zugekleistert wie selten zuvor, wahrscheinlich: wie niemals zuvor. Im Fernsehen sehen wir Wahlwerbespots von Parteien, an deren Existenz wir nicht im Traum gedacht hätten. Und auch wenn wir das Autoradio einschalten, erfahren wir, dass für den Inhalt einzig und allein die Parteien verantwortlich sind. In den Fußgängerzonen stehen Heerscharen tüchtiger Wahlhelfer, bei denen wir mit etwas Glück nicht nur einen Kugelschreiber, sondern auch noch einen Einkaufschip ergattern können. Logisch: die Zettel (neudeutsch: Flyer), die ihre Kollegen längst in unsere Briefkästen geworfen hatten, möchten die fleißigen Wahlkämpfer auch noch loswerden. Schwamm drüber!  


Gerade war wieder einmal ein Flyer einer Partei in der Post. Hochglanzpapier, Vierfarbdruck. Schlagzeile: „Jetzt kommt´s drauf an!“ Gut, das ist eine neue Information. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. „Jetzt kommt´s drauf an!“ Das ist ja ein Ding, da werde ich neugierig. Da will ich gleich mal weiterlesen, um in Erfahrung zu bringen, worauf es eigentlich ankommen könnte. Der Flyer ist benutzerfreundlich gestaltet: man muss nicht allzu viel lesen. Man ist für Chancengleichheit und die Ganztagsschule. Mittlerweile ist eigentlich jeder dafür; aber immerhin: das war nicht immer so. Okay, wir halten fest: noch etwas Neues. Der Rest auf dem Flyer ist nicht ganz so neu; aber das ist auch in Ordnung, schließlich geht es ja nicht um Waschmittelreklame: „Das neue Persil“, „Das neue Dash“. Es geht um Politik, und da darf als richtig Erkanntes ruhig immer wieder gefordert werden. In diesem Fall: „Zukunft“.  


Zukunft – warum auch nicht. Die wurde schon vor Jahrzehnten gefordert bzw. von den Parteien versprochen. Und sie haben – das muss auch einmal gesagt werden! – Wort gehalten. Jetzt ist sie da, die Zukunft. Die Sache hat sich also bewährt. Grund genug, mehr davon zu fordern. Noch mehr Zukunft. Auch und gerade für unsere Jugend, deshalb: „eine Ausbildung für jeden Jugendlichen“. Ob es sich dabei nun um eine Forderung oder um ein Versprechen handelt, wird nicht ganz klar. Aber man darf von einem Flyer auch nicht zu viel erwarten. Einzelheiten gehen gewiss aus den Programmen der Parteien hervor. Die jungen Leute haben doch heutzutage alle Internet. Ein bisschen Eigeninitiative darf freilich vorausgesetzt werden. Oder würden Sie jemanden, der nur darauf wartet, dass ihm alles Mögliche mundgerecht serviert wird, einen Ausbildungsplatz geben?! Aha. Manche wollen auch einfach nicht.  


Verwöhnt bis dort hinaus. Wie gesagt: manche. Andere wiederum haben richtig gehend Pech. Die Jugendlichen in Spanien, Portugal und Italien zum Beispiel. Von Griechenland ganz zu schweigen. Die Jugendarbeitslosigkeit in den europäischen Krisenstaaten, die ist wirklich schlimm. Da können die jungen Leute nichts dafür; das ist die Politik schuld. Wenn die Parteien sich jetzt darum kümmern, dass das nach der Europawahl besser wird... - mir soll es recht sein. „Eine Ausbildung für jeden Jugendlichen“ - ja, von mir aus. Aber die sollen bloß nicht auf die Idee kommen, dass wir das alles bezahlen sollen! Das sollen diese Krisenstaaten da am Mittelmeer mal schön selbst machen. Ja, ich weiß auch, dass die da unten alle pleite sind. Daher kommt das doch, das mit der Jugendarbeitslosigkeit. Die haben über ihre Verhältnisse gelebt – jahrelang, diese Pleitestaaten. Schulden haben sie bis unter beide Arme. Bei uns, nehme ich an.  


Jetzt geht das schon los, dass die jungen Griechen und Spanier hierher kommen und sich einen Job suchen. Nichts gegen diese armen jungen Menschen! Aber das kann doch nicht die Lösung sein. Da nehmen die doch unserer Jugend die Stellen weg. Also die Politiker – was die immer für Vorstellungen haben! Wo soll das bloß alles hinführen?! Früher gab es so etwas nicht. Gut, da hatten wir auch Jugendarbeitslosigkeit, sogar eine viel höhere. Aber es ist auch so schon schlimm genug. Die sollen uns bloß nicht anstecken mit ihrer Jugendarbeitslosigkeit, diese Pleitestaaten. Ach, ich sehe gerade: das Versprechen auf diesem Flyer, dass jeder einen Ausbildungsplatz bekommen soll, bezieht sich gar nicht auf die Europawahl (da hätte man sich aber auch etwas zu viel vorgenommen!), sondern auf die Kommunalwahl. Stimmt, die ist am Sonntag ja auch. Ach, das ist ja gut. Wenn die Duisburger Kids schon mal alle eine Lehrstelle haben.  


Darum kümmern die sich also im Stadtrat. Gute Sache. Ich habe keine Ahnung, wie die das machen. Aber egal, die Politiker werden es schon wissen. Dann sollen sie sich mal kümmern. Und um die Ganztagsschulen. Steht da ja auch. Auch für die Kommunalwahl, nicht für die Europawahl. Das wäre ja auch Quatsch; denn in Europa haben sie sowieso überall Ganztagsschulen. Ob die deswegen überall so dermaßen pleite sind? Wer weiß... wir sind jedenfalls nicht pleite, und wir sind auch Europa! Zugegeben: wir in Duisburg sind auch pleite. Ob deswegen die Kommunal- und die Europawahlen am selben Tag stattfinden? Schwer zu sagen. Ich weiß nur, dass die Wahlen in der Ukraine ebenfalls an diesem Sonntag stattfinden, weil die Ukrainer damit zeigen wollen, dass sie sich der Europäischen Union verbunden fühlen. Also: einige Ukrainer, um genau zu sein. Die mit den Mützen sind nicht so dafür.  


Dadurch wird die ganze Sache etwas riskant. In der Ukraine. In Deutschland eigentlich nicht. Die Teilnahme an den Wahlen am Sonntag – Wahlen zum Europäischen Parlament und Kommunalwahlen in zehn Bundesländern – kann guten Gewissens als absolut ungefährlich bezeichnet werden. Und über einen Mangel an Wahlkampf – sorry: Wahlwerbung - kann man sich eigentlich auch nicht beklagen. Dennoch ist davon auszugehen, dass die Wahlbeteiligung sehr niedrig ausfallen wird. Das könnte daran liegen, dass kein Wahlkampfthema auszumachen ist, das einem spontan in den Sinn käme, wenn man an Brüssel oder Duisburg denkt. Es sei denn, es wird an die EU-Bürger gedacht, die vom Balkan etwa nach Duisburg umziehen. Wobei „an jemanden denken“ in diesem Fall bedeutet: „Bloß weg mit denen!“ „Die sollen verschwinden“, und weil sie es nicht freiwillig tun werden, am besten mit Gewalt.  


Dies wird zwar auch nicht passieren, aber egal. So ein Wahlkampf hat seine eigenen Gesetze. Da hatte der Blüm schon mal plakatiert, die Rente sei sicher. Da plakatierte die FDP ständig, dass sie die Steuern senken werde. Die sind dann auch gewählt worden, was dem Blüm – rückblickend betrachtet – auch aus Altersgründen nur mäßig geschadet hat, für die FDP jedoch das Todesurteil bedeutete. Vermutlich wird es den braunen Kameraden, die für Deutschland ins Europaparlament oder für Duisburg in den Stadtrat einziehen werden, nicht viel anders ergehen. Doch wer weiß das schon. Niemand kann sagen, wie die Dinge in fünf oder sechs Jahren stehen. Am Sonntag sind Wahlen. Ehrlich gesagt: es gibt kaum einen guten Grund hinzugehen. Wenn Sie aber nicht hingehen, werden auch Sie einen kleinen Schuldanteil haben an dem Erdrutschsieg der Rechten in Deutschland, der am Montag die Welt beschäftigen wird.  


Werner Jurga, 22.05.2014






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